Bei der Siegesparade am 9. Mai präsentiert Russland jährlich seine militärische Macht. Foto: Pelagia Tikhonova/dpa

Wie jedes Jahr feiert Moskau den Tag des Sieges über Nazi-Deutschland. Doch dieses Jahr ist vieles anders. Der Sieg über die Ukraine ist fern, die Furcht vor Anschlägen wächst.

Die Humoristen haben schon zugeschlagen. Da ist Vladimir Putin auf der Ehrentribüne am Roten Platz, mal geschützt durch ein Fischernetz, mal durch eine Art Einkaufswagen. KI machts möglich. Der Kreml-Herrscher, so die Botschaft, hat Angst. Angst davor, dass bei der Militärparade zum Tag des Sieges über Nazi-Deutschland ein ukrainisches Störfeuer die gute Stimmung trüben könnte. Sei es aus der Luft per Drohne, oder vom Boden aus, in Form eines Anschlages.

 

Panzer und Raketen bleiben der Feier fern

Wie ängstlich Putin wirklich ist, das wissen wahrscheinlich nur wenige seiner engsten Berater. Aber es spricht schon viel dafür, dass dieser 9. Mai anders wird, als die Paraden in den Jahren zuvor. Seit 25 Jahren tritt Putin an diesem Tag vor sein Volk, seine Truppen und die Welt, schallt das „Hurra“ der marschierenden Soldaten über den Platz, werden all die Waffen aufgefahren, die dem wo auch immer verorteten Feind das Fürchten lehren sollen. In diesem Jahr sollen Panzer und Raketen unter Verschluss bleiben oder aber an der Front. Die einen sagen, dies sei ein Zeichen dafür, dass es den kämpfenden Truppen in der Ukraine an Nachschub fehlt, dass alles was fahren und schießen kann, dort gebraucht wird. Die anderen sagen, man will auf jeden Fall vermeiden, dass der symbolträchtigen Platz im Herzen der Hauptstadt dafür genutzt werden kann, Waffen mit einem Anschlag zu vernichten. Seit 2007 hat es so etwas nicht mehr gegeben. Zu Beginn der 2000er Jahre waren es meist nur Soldaten, die in Moskau marschierten, dann wurden die schweren Waffen aufgefahren, Jahr für Jahr.

Russlands Präsident Wladimir Putin zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Foto: AFP

Ein wenig Wahrheit dürfte in beiden Theorien stecken. Die Vorsicht ist jedenfalls mit Händen zu greifen, und das im wahrsten Sinne des Wortes. Moskauer, die ihr Handy dazu nutzen wollen, um ins Internet zu gehen, haben in diesen Tagen immer häufiger Probleme damit. Das Netz ist unterbrochen oder still gelegt. Der Feind soll nicht so einfach kommunizieren können. Da es das eigene Volk auch nicht kann, nährt sich langsam aber sicher der Unmut.

Ein wenig mag auch der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj zur Verunsicherung beigetragen haben. Wie in jedem Jahr haben sich Vertreter einiger mit Russland befreundeter Staaten angesagt, um die Parade am Samstag mit ihrer Anwesenheit zu beehren. „Wir raten davon ab“, so der in vieler Art deutbare Hinweis des ukrainischen Präsidenten. Völlig von der Hand zu weisen ist die Gefahr für Russland in der Tat nicht. Die Ukraine hat zuletzt ihre Fähigkeiten zu Luftangriffen tief im russischen Hinterland stark ausgebaut. Einschläge gab es wiederholt an Raffinerien und bei Einrichtungen der Öl-Infrastruktur, zum Teil weit im Hinterland. Eine ukrainische Drohne flog 1800 Kilometer durch Russland, ohne von der Flugabwehr in Bedrängnis gebracht worden zu sein.

Mehrere russische Flughäfen müssen schließen

Und auch Moskau ist betroffen, selbst in der Hauptstadt schlagen Drohnen ein. Die verursachen weit weniger Schaden als die russischen Angriffe in der Ukraine – aber die Unsicherheit wächst in Russland, die Verwundbarkeit wird offensichtlich. Am Freitag mussten 13 Flughäfen im Süden Russlands vorübergehend ihren Betrieb wegen ukrainischer Drohnen einstellen. Gepaart mit steigenden Preisen für Lebensmittel, Kraftstoff und Dinge des täglichen Bedarfs melden sich immer häufiger Unzufriedene zu Wort. Das ist in Russland ebenso selten wie gefährlich.

Russland hat für den 8. und 9. Mai einseitig eine Feuerpause im Krieg gegen die Ukraine angekündigt, diese ersten Erkenntnissen zu Folge aber nicht eingehalten. Wobei die russischen Militärs an der Front zunehmend Probleme zu haben scheinen. Im Januar überstieg die Zahl der russischen Verluste erstmals die Zahl der Männer, die Russland neu rekrutieren konnte. Nun scheint die Frühjahrsoffensive zu stoppen. Militärexperten sehen die Ukraine gerade in einer deutlich besseren Position, als noch vor einem Jahr prognostiziert. Für die Feierlichkeiten am Tag des Sieges wird der Kreml das ausblenden. Sehr viel länger aber sicher nicht.