Kleingärten sind längst keine Spießerhochburgen mehr, auch junge Leute greifen immer öfter zur Schaufel. Foto: dpa

Immer mehr Menschen werden zu Gärtnern, nicht alle freiwillig: Zum Tag des Gartens an diesem Sonntag berichten fünf Betroffene aus Stuttgart von ihren Erfahrungen aus dem Blumenbeet.

Stuttgart - Kleingärten sind längst keine Spießerhochburgen mehr. Gartenzwerge auf sorgfältig gemähten Rasen, exakt gestutzte Hecken und Vereinstümelei gibt es zwar noch, doch das Bild wandelt sich. Auch junge Leute greifen inzwischen immer häufiger zur Schaufel – wenn auch nicht alle freiwillig. Fünf Betroffene berichten von ihren Erfahrungen mit dem grünen Daumen.

Kann man das auch betonieren?

Der Blick aus den Fenstern meiner römischen Wohnung fällt auf eine grüne Oase: Hier treffen die Gärten aller Nachbarhäuser aufeinander. Auch zu meiner Wohnung gehört ein Stück davon, darin Palmen und Bäume und Pflanzen – näher kann ich das nicht bestimmen. Ab morgen werde ich ihn auch mal wieder nutzen. Der vom Vermieter bestellte Gärtner ist gerade fleißig und macht aus dem rund zwölf Quadratmeter großen Urwald wieder einen kleinen gepflegten Privatpark. In den ich mich ein einziges Mal voller Vorfreude setzen werde, in Begleitung einer Decke, eines Buches und eines Glases Wein, um nach zehn Minuten wild gestikulierend, die neu erlernten italienischen Flüche ausstoßend und mit eurostückgroßen Pusteln am ganzen Körper diese Hölle im Paradiespelz wieder zu verlassen. Der Vorsatz, sich mit Mückenschutzmitteln einzudecken, verfliegt in der Nachmittagshitze: In etwa zwei Wochen herrscht sowieso wieder der Urzustand – der Gärtner kommt nur zweimal im Jahr. (asf)

Kleingartenanlage? Ich gehöre jetzt auch dazu!

Mittlerweile liest man es häufig: Gerade diese verrückten jungen Menschen, die sonst nur im Internet leben, legen sich immer öfter Gärten zu. Dann spricht man auf einmal von Urban Gardening und liest Dinge wie „Stadt-Oase im Kleinen“. Raus in die Natur ist ja eh voll im Trend – Wanderlust, „back to nature“ und so. Ich hab es auch getan, mir ein Stück Natur in der Stadt gemietet. Für mich und nicht, weil so was auf Instagram schön aussieht. Beim Spaziergang entdeckt, gehört uns nun eine 160 Quadratmeter große Parzelle in einer Kleingartenanlage. Die Wasseruhr ist installiert, als Nächstes wollen wir ein Gemüsebeet anlegen. Was wir jetzt schon sind? Mitglied in der coolsten Gang der Stadt! (jav)

Mit dem Spaten im Beet statt mit der Schippe im Sand

Vor vier Jahren übernahmen wir ein Stückle von den Schwiegereltern. Es war etwas verwildert, aber wunderschön, mit Obstbäumen, Wiese und wildem Spargel. Mit Enthusiasmus schnitten wir Bäume zurück, pflanzten Himbeeren und gruben ein Beet. Dann kam unser Sohn auf die Welt. Wie froh waren wir, ihm die Natur nahebringen zu können. Doch seitdem er da ist, rückt die Natur vielmehr wieder näher an uns heran: Sie erobert das Beet zurück, die Bäume treiben in den Himmel. Denn der Kleine ist zwar selbst ungemein eifrig im Garten unterwegs, hält Mama und Papa dabei aber vom Gärtnern ab: Bereits als Baby spielte er lieber mit dem Spaten im Beet als mit der Schippe im Sandkasten, und statt auf der Decke zu liegen, erkundete er das Brombeergestrüpp. Inzwischen hilft er beim Unkrautjäten und zieht die Erdbeerpflanzen mit Wurzeln und Hingabe aus dem Boden. Letztens mahnte der Zweieinhalbjährige die Mama, dass die „Saubohnen trinken müssen“. Der Garten trägt Früchte. (anj)

Der grüne Himmel auf Erden

Kann das weg, oder brauchen wir das noch?

Aber nächste Woche räumen wir mal ganz gründlich auf! Am guten Willen fehlt es wirklich nicht: Aus diesem Garten wurden in den letzten Jahren bereits drei Wagenladungen Gerümpel zum Bauhof verfrachtet. Trotzdem liegt und steht immer irgendwas rum. Reste von längst montierten Regenrinnen, Zaundraht, Eisenstangen, tote Vögel, leere Blumentöpfe, leere Bierflaschen, Spezialwerkzeuge, deren Zweck, sollte je einer existiert haben, keiner mehr kennt. Und Drahtschlingen, jede Menge Drahtschlingen. Es ist ein Rätsel, wie zwei an sich ordentliche bis sehr ordentliche Menschen es hier länger als eine Stunde aushalten. Natürlich könnte man nächste Woche endlich aufräumen. Vielleicht tut man es ­sogar. Das Problem: Nach einer weiteren Woche verwandelt sich die Ordnung Schritt für Schritt wieder in den Zustand, der vermutlich ganz natürlich ist für einen Garten. Aber für Ordnungsliebhaber ist es der ­Vorhof zur Hölle. (pgt)

Der grüne Himmel auf Erden

Wenn man mit einem Fulltime-Job, einer Frau, drei Kindern, einem Hund und derzeit zweieinhalb Hühnern noch an Langeweile leidet, dann schafft man sich für billiges Geld ein ebenso struppiges wie charmantes Streuobstwiesle an. Dann gehört man nicht nur zwangsweise in die landwirtschaftliche Berufsgenossenschaft („die Mitgliedschaft unterliegt nicht dem Willen des Betroffenen!“) und ist unverhofft Eigentümer von seltenen Orchideen (im Halbschatten wachsen Weiße Waldvögelein), sondern auch die schwäbisch-voltairsche Floskel „M’r sott den Garten kultivieren“ gewinnt eine ungeahnte Bedeutungsschwere. Der Laie macht sich keinen Begriff: Man sollte die Brombeeren bekämpfen, das Gras mähen, die Bäume schneiden, die Kettensäge zur Inspektion bringen, Zweitaktgemisch ansetzen, den Zaun ausbessern, kurz: man soll dies und selles und jenes. Man darf aber auch einfach nur dasitzen und den Zauber dieses grünen Himmels auf Erden genießen. (hwe)