Ohne Neuzugänge aus dem Ausland gäbe es einen riesigen Fachkräftemangel in den baden-württembergischen Kliniken und Pflegeeinrichtungen. Foto: Sina Schuldt/dpa

Die Beliebtheit der Pflegeberufe wächst – doch es werden immer mehr Fachkräfte benötigt. Das Psychiatrische Zentrum Nordbaden macht viele gute Erfahrungen mit Drittstaatlern.

Die Zeiten, als die Personalnot in der Pflege groß, die Anziehungskraft des Berufs aber sehr gering war, sind fast vergessen. In den vergangenen zehn Jahren ist die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung in Baden-Württemberg um 13 Prozent gewachsen – in den Pflegeberufen dagegen sogar um ein Fünftel. Das bedeutet ein Plus von 35 300 auf aktuell 208 000 Pflegekräfte.

 

Konkret: Die Beschäftigung in ambulanten sozialen Diensten nahm um 41 Prozent zu, in den stationären Pflegeeinrichtungen um 22 Prozent und in Krankenhäusern um elf Prozent. Somit expandiert vor allem die häusliche Pflege. Männer holen auf – sie haben schon einen Anteil von 18 Prozent.

Entgeltplus von 42 Prozent binnen zehn Jahren

Ein Grund der erhöhten Attraktivität sind die überdurchschnittlichen Zuwächse der Gehälter. Das mittlere Bruttomonatsentgelt stieg bis 2024 auf 4457 Euro – ein Plus von 42 Prozent binnen zehn Jahren.

Vor allem aber geht der Personalzuwachs der vergangenen zehn Jahre überwiegend auf ausländische Staatsangehörige zurück – seit 2022 gar ausschließlich. Der Ausländeranteil ist von elf Prozent im Jahr 2015 auf 30 Prozent im Vorjahr angestiegen. Das bedeutet: Ohne Fachkräftezuwanderung wäre die Funktionsfähigkeit der Pflege gefährdet.

„Wir brauchen internationale Fachkräfte, um die Pflegequalität und eine verlässliche Versorgung langfristig aufrechterhalten zu können“, sagt Susan Ismail, Personalentwicklerin am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden (PZN) in Wiesloch, südlich von Heidelberg. „Ohne Möglichkeit, Fachkräfte aus Drittstaaten zu rekrutieren, würde sich der seit Jahren bestehende Personalmangel gerade in der Psychiatrie weiter verschärfen.“ 2100 Mitarbeitende hat das PZN, die größte Berufsgruppe ist mit 1200 Beschäftigten die Pflege. „Wir haben dies in der Vergangenheit zunächst mit Leasingkräften aufgefangen.“ Ziel sei aber eine Belegschaft mit fest verankerten Mitarbeitern. Daher habe man vor vier Jahren angefangen, Fachkräfte aus dem Ausland zu rekrutieren.

Die neuen Kräfte werden sorgfältig eingearbeitet

Es gibt Krankenhäuser, die 50 oder mehr Kräfte auf einmal zu sich holen. „Unser Ansatz ist nicht die massenhafte Anwerbung, weil wir davon überzeugt sind, dass eine gute Integration Zeit und Sorgfalt benötigt“, sagt Ismail. „Wir rekrutieren pro Jahr nur etwa 20 bis 25 neue Pflegekräfte aus dem Ausland und tun dies mit viel Bedacht sowie in kleinen Gruppen.“ Die Mitarbeitenden sollen in ihrem neuen Leben in Deutschland gut ankommen können und in ihrer Einarbeitung auf den Stationen gut begleitet werden. Das PZN hat deshalb eine eigene Stabsstelle Integration aufgebaut, die die Pflegekräfte und Teams in allen Belangen unterstützt – geleitet wird sie von Ismail und Ellen Yasar.

„Integration ist kein Selbstläufer“

„Wir investieren sehr viel, denn die Integration ist kein Selbstläufer“, sagt die Personalentwicklerin. „Man muss sich kümmern, damit es wirklich funktioniert.“ Bis die Pflegekräfte aus dem Ausland voll einsetzbar seien und das Stammpersonal entlasten, dauere es eineinhalb bis zwei Jahre. Strategie sei es aber auch nicht, die Menschen nur für ein, zwei Jahre zu holen, sondern für länger.

Rekrutiert werde vor allem über Triple Win – „unseren Hauptpartner, weil wir uns stets im Rahmen der fairen Anwerbung bewegen möchten“. Mit diesem staatlich begleiteten Programm werden seit 2013 Pflegekräfte im Auftrag deutscher Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen vermittelt und fachlich vorbereitet. Mehr als 6000 Pflegekräfte und Pflege-Azubis sind seither aus Drittstaaten in die Bundesrepublik gekommen, davon etwa ein Drittel in den Südwesten. Zunehmend erhält das Psychiatrische Zentrum Nordbaden (PZN) auch Initiativbewerbungen, „weil es sich herumspricht, wie unser Integrationsprozess aufgebaut ist – dass wir da sehr strukturiert sind, dass er sehr umfangreich ist und dass wir die neuen Kräfte gut betreuen“, sagt Ismail. „So ein Rundum-Paket gibt es selten.“

Triple Win holt Verstärkung vor allem aus Tunesien und Indien

Wesentliche Rekrutierungsländer für Triple Win sind Tunesien und Indien – insbesondere weil es dort viele gut ausgebildete Pflegekräfte und einen Fachkräfteüberschuss gibt. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für faire Anwerbung. Hinzu kommen einige Kolleginnen aus der Ukraine, die direkt den Weg zum PZN finden, und einzelne Kräfte aus Albanien, dem Kosovo und von den Philippinen. „Vielfalt verstehen wir als Bereicherung – sowohl in der Arbeit mit Kolleginnen als auch der Patienten.“ Die Kräfte aus den Drittstaaten haben alle eine vollständige Pflege-Ausbildung im Heimatland absolviert, müssen aber in Deutschland noch einiges für die Anerkennung als vollständige Pflegefachkräfte tun. Ein Vorbereitungslehrgang für die Kenntnisprüfung gehört dazu, zudem Sprachkurse, um auf das B2-Niveau zu kommen. In der Psychiatrie gibt es höhere Anforderungen an die Sprachkenntnisse. „Wir stehen fast täglich im Kontakt mit den Behörden – mit der Ausländerbehörde, dem Regierungspräsidium, der Bundesagentur für Arbeit und Lingoda, dem Bildungsträger der Anerkennungsmaßnahme“, schildert Ismail. „Wir haben eine wunderbare Unterstützung von allen Seiten.“

Wenn da nur die Bürokratie nicht wäre: Für ein Anerkennungsverfahren müssen viele Formulare doppelt und dreifach bearbeitet werden. „Man könnte sicher viel Zeit und Energie sparen, wenn die Verfahren digitalisierter wären und vernetzter gearbeitet werden könnte“, sagt die Praktikerin Ismail.

Neue Koalition im Land stärkt Landesagentur für Zuwanderung

Arbeitsteilung
 Die Landesagentur für die Zuwanderung von Fachkräften (LZF) hat am 1. April 2025 ihre Arbeit aufgenommen. Während sich das Regierungspräsidium Karlsruhe um potenzielle Fachkräfte aus der Wirtschaftsbranche kümmert, ist das Regierungspräsidium Stuttgart für Anträge aus der Gesundheits- und Pflegebranche zuständig. Die LZF ergänzt die Zuständigkeiten der kommunalen Ausländerbehörden und konzentriert sich auf das beschleunigte Fachkräfteverfahren nach dem Fachkräfteeinwanderungsrecht. Voraussetzung ist, dass die Fachkraft noch in einem Drittstaat weilt und bereits eine Stellenzusage in Baden-Württemberg hat.

Koalitionsvertrag
 Im neuen Koalitionsvertrag für das Land haben Grüne und CDU vereinbart: „Zur Fachkräftesicherung gehört neben der inländischen Qualifizierung auch eine gezielte internationale Zuwanderung. Dafür stärken wir die Landesagentur für Fachkräftezuwanderung, beschleunigen Verfahren und bündeln Zuständigkeiten. Wir setzen uns bundesweit für einen pragmatischen Datenaustausch aller Anerkennungsbehörden untereinander ein. (...) Darüber hinaus wollen wir die Anerkennung ausländischer Abschlüsse durch das Prinzip der Arbeitgeberverantwortung beschleunigen: Unternehmen erhalten die Entscheidungsbefugnis, Qualifikationen eigenverantwortlich zu bewerten und zur Anerkennung zu führen.“