Die Trossinger „Rutschete“ wurde beim Tag der offenen Grabung nicht nur für Kinder ein Erlebnisspielplatz. Dabei wurde auch der spannende neue Fund präsentiert. Die Experten vor Ort berichteten, wie er zum Vorschein kam und was jetzt damit geschieht.
Genau 797 Besucher wurden bis am Sonntagabend gezählt, die die Saurierfundstelle und dank der Kombikarte auch das Museum Auberlehaus besuchten. Das waren zwar 74 weniger als im letzten Jahr, was aber dem um 15 Uhr einsetzenden Regen geschuldet sein dürfte.
Museumsleiter Volker Neipp zeigte sich mehr als zufrieden: „Es war sehr viel los, die Besucher kamen aus Nah und Fern, wobei den weitesten Weg ein Gast aus Sachsen-Anhalt hatte, der mit dem Zug eigens wegen des Tages der offenen Sauriergrabung heute morgen angereist ist“. Auch aus Tirol sei eine Familie gekommen. Der absolute Hit für die Kinder ist das Graben nach Fossilien in der Forscherecke. Einige kamen sogar in Dino-Shirts und -Hoodies.
Schnecken und Muscheln
Als ehemalige Trossingerin kam Christin Iseler aus Oberndorf mit dem fünfjährigen Hannes und dem dreijährigen Mateo zur Grabung und war begeistert, was hier auf der größten Saurierfundstelle der Welt so alles geboten war. Hannes freute sich riesig über eine schöne Schnecke, die er aus einem Gipsei ausgeklopft hatte, und mithilfe seiner Mama kam aus Mateos Gipsei eine kleine versteinerte Muschel zum Vorschein.
„Ist das nun ein fossiler Schwamm, eine Koralle oder gar ein Armfüßler?“ all diese Fragen von Kindern und Erwachsenen, die Fossilien ausgegraben hatten, beantworteten die Zwillingsbrüder Andreas Radecker aus Stuttgart und Sebastian Radecker aus Braunschweig.
Beide zählen zum insgesamt sechsköpfigen internationalen wissenschaftlichen Team um den Paläontologen Rainer Schoch aus Stuttgart, das eine Woche lang an der Rutschete gegraben hatte. Drei davon seien Wissenschaftler und drei Grabungstechniker, erläuterte Schoch und „ohne den Volker Neipp geht hier gar nichts“. Aber auch die Bürgermeisterin von Trossingen sei eine sehr große Hilfe. Susanne Irion hatte schon am Samstag gemeinsam mit dem Landtagsabgeordneten Guido Wolf die Grabungsarbeiten an der Rutschete besucht. Beide seien begeistert gewesen, so Volker Neipp, denn es wurden erneut Skelettteile gefunden. „Vermutlich ein Oberschenkelknochen“ so Rainer Schoch, der die abgesperrte Fundfläche den Besuchern zeigte und erklärte: „Der Oberschenkel eines Hahnes und der eines Plateosaurus sind sich sehr ähnlich“, wobei natürlich der Saurierschenkel viel größer sei, denn die Skelettfunde hier im oberen Teil der Rutschete hätten eine durchschnittliche Länge von acht Metern, im unteren Teil in der Mulde und dem Wasserloch nur etwa sechs Meter.
Ein zärtlicher Baggerfahrer
Bei den Grabungen gelte es natürlich extrem vorsichtig vorzugehen, um möglichst wenig zu zerstören. „Unser Baggerfahrer macht dies sehr zärtlich, immer nur in fünf Zentimeterschichten“, berichtete Rainer Schoch. Wenn er fündig geworden sei, gehe es an die mühevolle Handarbeit mit kleinen Werkzeugen. Bei Grabungen im Juni dieses Jahres wurden im unteren Teil Skelettteile gefunden und mit einem „Gipsjacket“ – ähnlich einem Gipsverband – gesichert.
Am Sonntagmorgen wurde der Fund mit dem Bagger und an Tragegurten geborgen, so dass die Besucher sich selbst ein Bild von dem winzigen sichtbaren Skelettteil machen konnten, das größere nicht sichtbare sei weiter unten, erklärte der wissenschaftliche Mitarbeiter Michel Rabe.
Der rätselhafte Saurierfund, der sich den Besuchern wie ein überdimensionales Überraschungsei präsentierte, soll nun präpariert werden.
Erinnerung ans Rutschen
Im Jahr 1909 war es ein Trossinger Junge namens Hermann Weiss, der an der heutigen Rutschete gerutscht ist, und an einem fossilen Knochen seine Hose zerriss. Der Lehrer des damals Neunjährigen gab den Knochen an Paläontologen nach Stuttgart, daraufhin erfolgten die ersten Sondierungsarbeiten im Jahr 1911.
Damals wurden erste Skelettreste des größten Sauriers der Triaszeit, nämlich des Plateosaurus entdeckt. Am vergangenen Sonntag nun war die Rutschete ein Treffpunkt der großen Nachfolgerfamilie Weiss. Werner Weiss, Sohn von Hermann Weiss, lebt heute noch in Trossingen und hatte seine Kinder und Enkel mitgebracht an den „Ort des damaligen Geschehens“. Enkel Jonathan ist heute neun Jahre alt und erklärte: „Ich würde hier genauso runterrutschen, wie damals mein Uropa Hermann.“