Einsatz für Menschlichkeit: Zum Gespräch am Clara-Schumann-Gymnasium gekommen waren Felix Rottberger (am großen Plakat ganz links), Mario Röllig (rechts daneben) und Mohammad Baki (rechts am Plakat). Auch Lahrs OB Markus Ibert (links neben Baki) hielt eine Ansprache. Foto: Baublies

Lehrer und Schüler gedachten dem Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar 1945. Teil der Aktion war ein Gespräch über drei verschiedene Unrechtssysteme.

Auf der Bühne in der alten Turnhalle berichteten am Mittag drei Zeitzeugen von ihren Erlebnissen in drei verschiedenen Unrechtssystemen. Im Mittelpunkt dieser Erinnerungen stand das Bekenntnis „Nie wieder“ – verbunden mit der Erkenntnis, dass gerade die Gegenwart mehr und mehr eine Herausforderung ist, wenn es um Zivilcourage sowie um das Bekenntnis zu Toleranz und Mitmenschlichkeit geht.

 

Felix Rottberger lebt seit Ende der 1950er-Jahre in Freiburg. Der 90-Jährige hat das NS-Regime als Kind erlebt und als Jude überlebt. Mario Röllig hat als Zeitzeuge an das Unrechtssystem der DDR erinnert. Mohammad Baki stammt aus Syrien, wo er der Gewalt des Assad-Regimes und dem Bürgerkrieg entkommen ist. Alle drei stellten am Lahrer Gymnasium ihre eigenen Erinnerungen und Lehren den Schülern der beiden Abschlussklassen vor.

Rottberger wird viele überrascht haben, als er unter anderem erzählte, dass Vorträge und Gespräche über das eigene Schicksal geholfen haben, das eigene Trauma aus der Kindheit zu überwinden.

Rottberger hat in Freiburg keine Angst, die Kippa zu tragen

Zudem berichtete Rottberger von einem Treffen mit einem Palästinenser in Freiburg. Dieser habe gegen die Gewalt der israelischen Regierung demonstriert. Im Gespräch habe er „wirklich schlimme Sachen“ aus dem Gazastreifen erfahren, so Rottberger. Der Gedankenaustausch führte zu gegenseitigem Verständnis, ganz im Sinne des „Tages der Menschlichkeit“ am CSG: Beide gaben sich in Freiburg zum Abschied die Hand. Rottberger stellte hier außerdem klar, dass er in Freiburg die Synagoge besucht und auch keine Scheu habe, die Kippa in der Straßenbahn zu tragen. Er begründete das mit der Weltoffenheit der südbadischen Universitätsstadt aufgrund der vielen ausländischen Studenten.

Der Berliner Mario Röllig setzte bei der Thematik an und berichtete von einer immer weiter um sich greifenden Intoleranz. Eine Kippa zu tragen ist seiner Meinung nach selbst in einem Berliner Multikulti-Viertel wie Kreuzberg heute nicht mehr ratsam. Er verwies auf Aggressionen von jüngeren Palästinensern, die wahrscheinlich in Berlin geboren, aber dennoch in einer Parallelwelt aufgewachsen seien.

Mohammad Baki erinnerte im Anschluss an den Bürgerkrieg in Syrien samt der Verfolgung der Kurden. Er betonte hier, dass es diese Art Unrecht in seiner Heimat immer gegeben habe.

Austausch soll jährlich stattfinden

Oberbürgermeister Markus Ibert, der zum Austausch eingeladen war, erinnerte an den Erfolg der Kundgebung „#WeRemember“ vor einer Woche am Mahnmal auf dem Friedrich-Ebert-Platz, das an die Lahrer Juden erinnert, die im Jahr 1940 nach Gurs deportiert wurden. Viele der Oberschüler des CSG nahmen an der Gedenkaktion teil. Ibert erklärte, dass Demokratie in der Gegenwart nicht mehr so selbstverständlich sei, wie er – Jahrgang 1967 – das aus der Vergangenheit in Erinnerung habe. Die Gefahr „Es kann wieder passieren“ sei heute nicht mehr zu übersehen. „Die Saat und das Gedankengut sind im Alltag wieder angekommen.“

Direktorin Ev Tschentschel, die das Gespräch und Fragen der Schüler moderierte, kündigte an, dass es diese Art Austausch und Angebot künftig jedes Jahr am 27. Januar geben soll.

Ein Beispiel, wie jüngere Schüler mit Vertrauen spielerisch umgehen, war auf dem Schulhof zu erleben. Schüler zweier Förderschulen haben Gleichaltrigen der Klassenstufe 5 des CSG gezeigt, wie die Welt mit Einschränkung beim Sehen oder Hören wirkt. Hier waren die Rollen umgekehrt: Die Schüler des CSG benötigten Hilfe. Von da ist der Sprung zur Toleranz nicht sehr weit.

Verschiedene Projekte an der Schule

Die gesamte Schule hat sich mit verschiedenen Projekten am „Tag der Menschlichkeit“ beteiligt. Die Klassenstufe 6 hat ein Kunstprojekt entwickelt. Polizeibeamte haben Siebtklässler über Hate-Speech informiert, für Neuntklässler hat es einen Vortrag über Zivilcourage und Gewalt mit Tipps zur Selbstverteidigung gegeben. Mitarbeiter des Landesmedienzentrums haben derweil Schüler der Klassenstufe 8 über die Gefahren von Cybermobbing aufgeklärt. Pirmin Styrnol, Redakteur des SWR und Initiator des Lahrer Vereins „Gemeinsam Europa“, hat über Fake News und KI-Manipulationen in Medien referiert. Mitarbeiter der Lahrer Werkstätten klärten die Elftklässler darüber auf, wie der Umgang mit Erwachsenen mit Beeinträchtigung im Arbeitsumfeld besser zu bewerkstelligen ist.