Ada Waits (rechts) ist die Tochter der Auschwitz-Überlebenden Ella Liebermann-Shiber. Foto: Schmuel Bayer

Ada Waits berichtete im Maisenbacher IP-Zentrum über das Leben und Werk ihrer Mutter und Holocaust-Überlebenden Ella Liebermann-Shibers. Aufgrund von Corona konnte es zwar nur eine Liveschaltung nach Israel sein – doch auch die war am Jahrestag des Befreiung von Auschwitz ergreifend.

Bad Liebenzell - 2800 Kilometer Luftlinie trennen das IP-Zentrum in Maisenbach bei Bad Liebenzell vom israelischen Küstenort Shavei Zion. Hier – in Maisenbach – veranstaltete das Hilfswerk Zedakah gemeinsam mit der Stadt Bad Liebenzell und dem evangelischen Schuldekan Thorsten Trautwein wie schon die Jahre zuvor den Holocaust-Gedenktag – 77 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Dort – in Shavei Zion – betreibt Zedakah seit über 60 Jahren ein Ferienheim für Holocaust-Überlebende. Und von dort war Ada Waits live ins IP-Zentrum zugeschaltet, denn zum wiederholten Mal hatte Corona den Reiseplänen zwischen Israel und Deutschland einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Verbundenheit entsteht

Etwa 30 Zuschauer waren im Übertragungsraum vor Ort und 200 Zuschauer im Livestream vor den Bildschirmen zuhause – und trotz aller physischen Distanz entstand im Laufe des Gedenkabends eine große Nähe und Verbundenheit: Als Ada Waits bewegt die Werke ihrer Mutter zeigte, die diese kurz nach dem Holocaust gezeichnet hatte, um all den Schrecken zu dokumentieren. Als Thorsten Trautwein die Neuausgabe des Kunstbandes mit diesen Bildern von Ella Liebermann-Shiber virtuell übergab. Und als hier wie dort Kerzen des Gedenkens entzündet wurden und die Kerzenständer beim Zusammenschieben einen Davidstern ergaben. Damals Zeichen der Ausgrenzung, heute Zeichen der Hoffnung und der Unabhängigkeit im einzigen jüdischen Staat der Welt: als Element der Flagge Israels.

Globale Verantwortung

Nach einem Musikstück von Lisa Kraus und Jonathan Schlegel begrüßte Zedakah-Leiter Frank Clesle die medial verbundenen Zuschauer und Mitwirkenden. In einem Videogruß bedankte sich die israelische Generalkonsulin Carmela Shamir für die "äußerst wertvolle Arbeit" von Zedakah und auch des Medien- und Bildungsprojekts www.papierblatt.de. Gemeinsam trage man eine globale Verantwortung. Dies bestätigte auch der neue Liebenzeller Bürgermeister Roberto Chiari (parteilos) in seinem Grußwort vor Ort: "Die Erinnerung darf nicht enden!"

Ada Waits berichtete vom Vermächtnis ihrer Mutter Ella Liebermann-Shiber, die das Vergangene gegenüber ihrer Familie verschwiegen habe, aber in ihren Zeichnungen Zeitzeugen-Dokumente hinterließ, die den Nachkommen der 1998 Verstorbenen später halfen, die Geschichte der Mutter wie Puzzlestücke zusammenzufügen. Aber: "Viele Fragen bleiben ohne Antwort", so Waits.

Mit zitternden Händen habe die Künstlerin aus grauen Linien auf Papier die Hölle rekonstruiert. Die Verfolgung, die sie schon als kleines Kind erleben musste, das Leben im Ghetto, die Deportation nach Auschwitz, Gaskammer, Krematorium und Todesmarsch – in eindrücklichen Darstellungen mit ebenso kurzen wie erschütternden Beschreibungen zeichnete Liebermann-Shiber die unbarmherzige Judenvernichtung der Nationalsozialisten nach.

Zeichentalent rettet Leben

Durch ihr Zeichentalent, das die Nazis für ihre Zwecke nutzten, hat Ella Liebermann-Shiber gemeinsam mit ihrer Mutter Auschwitz überlebt: "Ich malte ihre Familienmitglieder, ihre Frauen, ihre Kinder. Sie hatten Frauen und Kinder daheim und mordeten Frauen und Kinder anderer Menschen in fremden Ländern."

Ada Waits ist es ein Anliegen zu zeigen, wie ihre Mutter und andere Überlebende es schafften, in Israel ein neues Leben aufzubauen und große Familien zu gründen. Sie zeigte Fotos ihrer ihrer Kinder, Neffen, Nichten und Enkelkinder und forderte ihre Zuhörer auf, die Erinnerung zu bewahren und aus ihr zu lernen. Alle Menschen seien gleichwertig und dazu bestimmt, frei und in Frieden zu leben.

Hochwertige Neuausgabe

"Leben, das weitergeht" – mit diesem Fazit griff Thorsten Trautwein das Gesagte auf und stellte gemeinsam mit Harald Funke vom J. S. Klotz Verlagshaus das Buch "Erinnerungen aus dunkler Vergangenheit" vor, das Zedakah-Gründer Friedrich Nothacker bereits vor 60 Jahren zum ersten Mal als kleines Album gemeinsam mit der Künstlerin herausgegeben hatte. Die Neuausgabe ist grafisch hochwertig gestaltet und enthält viele Seiten mit biografischen Hintergründen und Analysen des Werks von Ella Liebermann-Shiber. Auch in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau ausgestellte Werke der Künstlerin sowie Bilder aus späterer Zeit werden erstmals der breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Antisemitismus vorbeugen

Projektleiter Alexander Cyris stellte kurz das Anliegen des neuen IP-Zentrums vor: Durch Bildungs- und Medienangebote den Besuchern Israel und das Judentum nahezubringen und dem Antisemitismus vorzubeugen. Martin Meyer, Vorsitzender von Zedakah, beendete den würdigen und ermutigenden Abend mit Danksagungen und einem Psalm vor einem abschließenden Musikstück.