Wer als Stadtkämmerin bei Albstadts aktuell prekärer Finanzlage erfolgreich darin sein will, die vielen Begehrlichkeiten abzuwehren, muss sich vielleicht auch mal „durchboxen“ können. Tatsächlich hat Michaela Wild Erfahrung mit diesem Sport.
Nicht im Traum wäre Michaela Wild auf die Idee gekommen, selbst in den Boxring zu steigen. „Das ist für mich eine Frage der Ästhetik, und das kann ich mir auch nicht schönreden“, sagt sie lachend.
Für die Amateur-Boxer der Herren aber war sie elf Jahre lang, von 1987 bis 1998, als Kampfrichterin am Ring gesessen und hat in dieser Zeit vieles gelernt, was ihr heute als Stadtkämmerin in Albstadt tagtäglich zugutekommt, wie sie berichtet.
Aber wie ist sie überhaupt zu diesem Ehrenamt gekommen? „Mein Vater war ein sehr erfolgreicher Boxer und deutscher Juniorenmeister“, betont die 58-Jährige, die in Rottweil geboren ist. „So bin ich mit dem Athletik-Sport-Verein Ebingen, dem ASV, aufgewachsen.“ Bei einer baden-württembergischen Meisterschaft in Wangen habe sie einmal derart „über die Kampfrichterleistungen geschimpft, dass mich der damalige ASV-Vorsitzende Jupp Smets zu einem Kampfrichter-Lehrgang geschickt hat“, erinnert sich Wild.
Lehrgangsbeste und die einzige Frau mit einer internationalen Lizenz
Den Lehrgang hat sie als Beste abgeschlossen, war beim ASV – als Finanzfachfrau: natürlich – zudem Kassenwartin und lange Zeit Abteilungsleiterin Boxen. „Außerdem war ich die erste und einzige Frau mit einer internationalen Kampfrichterlizenz“, darauf ist Michaela Wild auch ein bisschen stolz.
Wie kommt es, dass sie mit dem Profi-Boxen „so gar nichts am Hut“ hat? „Die Profis haben andere Interessen“, sagt sie. „Bei der olympischen Sportart Amateur-Boxen geht es darum, seine eigenen Ängste zu überwinden, sich zu beweisen. Schließlich gibt es keine andere Sportart, in der man als Einzelkämpfer so exponiert hoch oben steht – ein Boxer stellt sich dem Gegner, sich selbst und dem Publikum.“
„Wohlwissentlich, dass es eine Männerdomäne ist, dachte ich eine Zeit lang, ohne Boxen könnte ich nicht“, sagt Michaela Wild, die damals auch von einigen angefeindet worden war: „Frauen weg vom Ring“ sei noch der mildeste Kommentar gewesen, erinnert sie sich. Eine wie Michaela Wild stachelt solches Verhalten freilich dann erst recht an, sich zu beweisen und besonders gute Arbeit zu leisten. „Meine Aufgabe als Kampfrichterin habe ich damals immer an erste Stelle gestellt, und wenn man eine Vorzeigefrau brauchte, haben sie mich geschickt.“ Bis nach Berlin sei sie – auch mal kurzfristig – gereist, um am Ring zu sitzen und Punkte zu vergeben.
Wie viel sie in dieser Zeit gelernt hat, wird der Albstädter Stadtkämmerin derzeit besonders bewusst, da sie mit Oberbürgermeister Roland Tralmer seit Juni 2023 einen Chef hat, der besonders viel verlangt – und besonders viel Gas gibt: Aktuell gilt es, den Haushalt trotz schlechter Wirtschaftslage, sinkender Gewerbesteuereinnahmen und eines Sanierungsstaus in Höhe von 1,3 Milliarden Euro so aufzustellen, dass er genehmigungsfähig ist und Albstadt nicht Gefahr läuft, vom Regierungspräsidium Tübingen Anweisungen zu erhalten, was die Stadt ausgeben darf und was nicht mehr. Mit Michaela Wild hat Tralmer in dieser Lage ganz offenbar ein As gezogen, was auch Stadträte aller Fraktionen immer wieder bestätigen.
Am Drücker müssen die Entscheidungen schnell fallen – und sitzen
„Als Kampfrichterin habe ich gelernt, zu fokussieren, was vor mir passiert, schnell zu bewerten und schnell Entscheidungen zu treffen“, erklärt sie. „Am Ring hat man zwei Knöpfe vor sich, rot und blau, und muss binnen Millisekunden sehen, bewerten, drücken. Das hat meine Fähigkeit, schnell die richtigen Schlüsse zu ziehen, sehr geschult.“
In einem Umfeld von Beamten, in dem lineares, beständiges Arbeiten die Regel sei, ist es für Michaela Wild freilich auch nicht immer leicht – in der aktuellen Lage ohnehin –, alle für notwendige Änderungen zu begeistern. „Auch mal eine unliebsame Entscheidung zu treffen und sie zu vertreten“, das hat sie als Kampfrichterin aber aus dem Effeff gelernt.
Auch ihre Stärke beim Einschätzen von Menschen rührt aus dieser Zeit: „Schon an der Haltung, am Gang, am Blick sehe ich, ob ein Konter-Boxer oder ein Defensiver vor mir steht“, sagt die Stadtkämmerin, die schon vor ihrer Wahl zur Nachfolgerin von Gerd Pannewitz – Fußballer! – ihr Profil als Finanzfachfrau geschärft hat: Dank Michaela Wild war Albstadt eine der ersten Kommunen in Baden-Württemberg, die von der Kameralistik auf das Neue Kommunale Haushaltsrecht, die Doppik, umgestiegen sind.
Pionierin im Ehrenamt und danach auch im Beruf – zum Wohl der Stadt
Ihre Erfahrung als Pionierin im Ehrenamt ist ihr damals auch beruflich – und damit der Stadt – zugute gekommen.
Am Ring wie in der Kämmerei zählt für Michaela Wild, die inzwischen 40 Jahre Berufserfahrung vorweisen kann, vor allem eines: „Man muss sein Handwerkszeug beherrschen“, betont sie, „um gute Entscheidungen treffen zu können – zumal in einem Aufgabenbereich, der wie kein anderer in der öffentlichen Verwaltung einem solchen Wandel unterliegt.“
Dass sie dabei keine ist, vor der sich die anderen fürchten müssen, hat sich in Albstadt freilich längst herumgesprochen: Im Rathaus und im Gemeinderat Albstadt gilt Michaela Wild als Teamspielerin, die zwar über großes Selbstbewusstsein verfügt und das auch ausstrahlt, die aber eben auch weiß, wer der Chef im Ring ist, und dass beim Gong-Schlag immer der gemeinsame Erfolg zählt .
Im Rathaus schlägt sie nicht drauf sondern setzt die Waffen einer Frau ein
Zuschlagen? „Das könnte ich nie“, stellt sie klar. „Ich bevorzuge die Waffen einer Frau: Worte und Blicke.“ Und verschmitzt ergänzt sie: „Wer mich kennt, weiß aber gleich, was Sache ist – da brauche ich ihn nur anschauen.“