Mindestens 15 Euro pro Stunde: Oliviero Ferretti (li.) und Hartmut Patzke mühen sich, die Beschäftigten von McDonald’s, Nordsee & Co. auf die NGG-Forderungen aufmerksam zu machen. Foto: Schiermeyer/Schiermeyer

Im Tarifkonflikt für die Systemgastronomie hat die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) erhebliche Widerstände zu überwinden. Der Arbeitgeberverband soll mit Protestaktionen zum Handeln gedrängt werden – doch dazu braucht es mehr Verbündete in den Filialen von McDonald’s & Co.

Während die IG Metall bei Mercedes oder Porsche mit Warnstreiks die Bänder stilllegen kann, tun sich ihre Schwestergewerkschaften im Dienstleistungsbereich oft schwer, mit ihren Aktionen aufzufallen. Die Systemgastronomie gehört zu den dicken Brettern, die die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) bohrt, um für die rund 120 000 Beschäftigten bessere Konditionen zu schaffen. Der aktuelle Tarifkonflikt erweist sich als zäh.

 

Dies müssen auch der NGG-Tarifsekretär Oliviero Ferretti und der Nordsee-Betriebsrat Hartmut Patzke auf ihrer Tour zu einzelnen Betrieben in Stuttgart und Umgebung erfahren. Der Betriebsratsvorsitzende der McDonald’s-Filiale in Filderstadt, der ursprünglich eine sichtbare Aktion vor der Tür anstoßen wollte, ist an diesem Montagmittag nicht erschienen. Doch wohin dann mit den Flugblättern? Und wie an die Beschäftigten rankommen, die gerade im Fließbandtempo die Burger und Pommes herrichten? Offensichtlich kommen sie aus aller Herren Länder. „Die Sprachbarriere ist problematisch – ohne Multiplikatoren haben wir da fast keine Chance“, sagt Ferretti. Wo diese Ansprechpartner fehlen, da hapert es auch mit dem Kontakt zu den Belegschaften. Letztlich können beide ihr Material nach längerem Warten einem Vertreter des Betriebsratsvorsitzenden übergeben, der damit schnell um die Ecke verschwindet. Ob jemals ein Beschäftigter eines der mehrsprachigen Flugblätter zu Gesicht bekommt, bleibt unklar.

NGG muss große Organisationslücken eingestehen

Betriebsratsstrukturen sind in der weit verzweigten Branche rar. Hinzu kommt, dass viele der Beschäftigten mit mangelnden Deutschkenntnissen „verunsichert sind und eher den Arbeitgebern Glauben schenken“, wie Ferretti sagt. Auch etliche Geflüchtete sind darunter, und die sind ohnehin dankbar für diese Erwerbsmöglichkeit. Zudem erhielten die meisten Beschäftigten der Branche generell befristete Verträge und trauten sich schon deswegen nicht, sich den Protestmaßnahmen anzuschließen, meint Patzke.

„Wir sind in dieser Branche definitiv nicht ausreichend vertreten“, gesteht Mark Baumeister, der Verhandlungsführer der Arbeitnehmerseite im Tarifkonflikt. Die NGG habe aber Arbeitsschwerpunkte: In Dortmund etwa sei es gelungen, vier Filialen gleichzeitig zu schließen – da seien an die 300 Menschen auf die Straße gegangen. Bundesweit seien seit Beginn der Tarifrunde 1000 Beschäftigte neu eingetreten. „Das ist ein deutlicher Schwung, den wir so noch nicht hatten.“

Baumeister gewinnt der Branche auch Positives ab: „Ich bin froh, dass es diese Systemgastronomie gibt – und dass wir da einen Tarifvertrag haben, der im Prinzip bundesweit gilt, wenn der jeweilige Franchisenehmer Mitglied im Arbeitgeberverband ist“. Gemeint ist der Bundesverband der Systemgastronomie (BDS). Allerdings hat das Netz große Löcher: So schreibt McDonald’s seinen Franchisenehmern die Verbandsmitgliedschaft und die Einhaltung der Tarifverträge vor. „Da haben wir jenseits der Tarifrunde ganz selten Auseinandersetzungen“, sagt er. Auch Starbucks sei tarifgebunden, während Burger King oder KFC ihren Ablegern dies nicht vorgäben. Tarifflucht gelte oft auch für Pizza Hut. „Und die bundeseigene Gesellschaft Tank und Rast ist nur dort tarifgebunden, wo sie McDonald’s betreibt.“

„Starbucks ist mitbestimmungsfeindlich“

Tarifbindung ist aber nicht alles: „Starbucks hält sich in der Regel an die Tarifverträge, ist aber mitbestimmungsfeindlich“, sagt der NGG-Referatsleiter. Gleiches gelte für L’Osteria und andere. Vielerorts würden „die Arbeitnehmerrechte mit Füßen getreten“. Das heißt: Sobald irgendwo ein Betriebsrat gewählt wird, folge der arbeitsrechtliche Konflikt; zumindest müsse Rechtsschutz gewährt werden, „weil Betriebsratskandidaten die Kündigung bekommen.“ Insgesamt werde da mit „ganz harten Bandagen“ gekämpft. Allzu gerne stelle sich die Systemgastronomie als Zukunftsbranche da. „Da haben sie auch Recht“, sagt Baumeister, „doch gleichzeitig agieren sie bei den Arbeitsbedingungen wie Schmuddelkinder“.

„Können sich Billiglohntarifvertrag in die Haare schmieren“

Einen Kampf um jeden Zentimeter Boden führt die NGG auch am Tarifverhandlungstisch. Bei dem von ihr abgebrochenen Treffen am 2. Dezember habe der BdS sein Angebot nur um fünf Cent erhöht, heißt es. Nunmehr böten die Arbeitgeber in den drei untersten Entgeltstufen 13,12 bis 13,18 Euro pro Stunde. Allerdings steige der gesetzliche Mindestlohn zum 1. Januar 2025 auf 12,82 Euro, und die Tarifpartner hätten im alten Vertrag einen Mindestabstand der Löhne von 20 Cent zur gesetzlichen Lohnuntergrenze vereinbart. So bleibe der BdS nur knapp darüber. Die gesetzliche Mindestlohnerhöhung werde von der Gegenseite als echte Tariflohnerhöhung verkauft, empört sich Baumeister. „Einen Billiglohntarifvertrag können die sich in die Haare schmieren.“

Der Dehoga muss als Drohkulisse herhalten

Bisher fordert die NGG 15 Euro pro Stunde als Einstiegslohn (ab 2026) und könnte sich nun eine Schlichtung vorstellen, wenn der BdS ein Mindestangebot von 13,50 Euro fest zusichert. Unverhohlen droht Baumeister schon damit, den Tarifpartner zu wechseln: „Wenn das so weitergeht, dann gibt es noch einen zweiten Verband, mit dem wir auch verhandeln.“ Gemeint ist der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. Der BdS wollte auf Anfrage unserer Zeitung keine Stellungnahme zum Tarifkonflikt abgeben.

Milliardenschwere Branche

Umsatz
 Der Gesamtumsatz der Systemgastronomie in Deutschland belief sich 2023 auf 31 Milliarden Euro – das sind 37 Prozent des gesamten Außerhausgastronomiemarktes, stellt der Bundesverband BdS (830 Mitglieder, gut 120 000 Beschäftigte) im Jahresbericht 2023/2024 fest. Von 2022 auf 2023 wurde ein Umsatzplus von zwölf Prozent erzielt.

Servicearten
 Täglich nutzen mehr als vier Millionen Menschen die Angebote. Der Anteil des Liefergeschäfts lag 2023 gleichbleibend bei sieben Prozent aller Besuche. Mehr Besuche fanden vor Ort statt (35 Prozent) und acht Prozent der Besucher suchten den Drive-thru-Schalter auf. Die große Mehrheit entschied sich für das Take-away (49)