Vor elf Jahren ist der Krieg in Syrien ausgebrochen. Eine Ähnlichkeit aus dem Nahen Osten zu dem Ukraine-Konflikt ist die Ausnutzung von humanitären Korridoren zu Kriegszwecken.
Zerbombte Städte, Millionen Flüchtlinge und ein zynisches Kalkül des Machthabers: Elf Jahre nach Ausbruch des Konflikts in Syrien am 15. März 2011 erlebt die Welt in der Ukraine einen neuen Krieg, in dem Russland mit militärischer Übermacht die Bevölkerung eines Landes zum Aufgeben zwingen will. Aus dem Krieg in Syrien, wo Staatschef Baschar al-Assad vom russischen Militär unterstützt wird, ergeben sich ernüchternde Lehren für den aktuellen Konflikt in der Ukraine – aber auch eine Warnung an den Aggressor.
Lesen Sie aus unserem Angebot: UN-Experten: Ukraine-Krieg vergrößert auch die Not in Syrien
Rücksichtslosigkeit lohnt sich
Der Anblick der ukrainischen Stadt Charkiw nach dem Bombardement durch die russische Armee erinnert an die Verwüstungen in der syrischen Wirtschaftsmetropole Aleppo. Die Großstadt im Norden Syriens wurde in den ersten Jahren des Syrien-Konflikts von Rebellen gehalten, doch 2016 zerstörten russische Luftangriffe große Teile der Stadt. Zehntausende Menschen starben, hunderttausende mussten fliehen. Für Assad und Russland zahlte sich der Gewalteinsatz aus: Im Dezember 2016 mussten sich die Aufständischen geschlagen geben und Aleppo räumen.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Syrienkrieg: Die letzten Hilferufe aus Aleppo
Der Angriff auf eine Entbindungsklinik in der eingeschlossenen ukrainischen Stadt Mariupol wirkte ebenfalls wie eine Szene aus dem Syrien-Krieg. Luftangriffe und Artilleriebeschuss auf zivile Einrichtungen sollen Terror verbreiten und den Widerstand der Gegner brechen.
Auch der Umgang mit den so genannten humanitären Korridoren in der Ukraine gleicht einer Taktik aus Syrien. Bei der Belagerung von Rebellen-Hochburgen nutzten syrische und russische Militärs die Vereinbarungen über den Abzug von Zivilisten aus dem Kampfgebiet dazu, den Druck auf die Gegner zu erhöhen. Trotz lokaler Waffenruhen setzten sie ihre Bombardements fort. In einigen Fällen nutzten Angreifer wie Verteidiger die Feuerpausen und humanitären Korridore als Gelegenheit, ihre Truppen neu zu gruppieren und zu verstärken. Im Laufe des Krieges entwickelten sich die Korridore zu einem Instrument der syrischen und russischen Armee, Rebellengebiete zu erobern.
Der Westen scheut rote Linien
Der russische Angriff auf die Ukraine wird international scharf verurteilt. Auch als Assad im Frühjahr 2011 mit roher Gewalt auf Forderungen nach Demokratie in Syrien reagierte, war die Empörung der internationalen Öffentlichkeit groß. Manche Staaten, darunter das NATO-Mitglied Türkei, lieferten Waffen an syrische Rebellen, ähnlich wie heute Rüstungsgüter an die ukrainische Regierung fließen.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Syrien-Konflikt: Der Gesprächsfaden zwischen Türkei und Syrien ist abgerissen
Eine direkte Intervention in Syrien lehnte der Westen aber ebenso klar ab, wie er heute einem militärischen Engagement in der Ukraine eine Absage erteilt. Der damalige US-Präsident Barack Obama erklärte zwar im Jahr 2012, ein Einsatz chemischer Waffen durch das Assad-Regime sei eine „rote Linie“. Doch als Assad trotz der Warnung die geächteten Waffen einsetzte, verzichtete Obama auf die angedrohten amerikanischen Militärschläge: Der syrische Staatschef blieb selbst nach seinen Kriegsverbrechen unbehelligt. Unter Obamas Nachfolger Donald Trump bombardierten die USA nach erneuten C-Waffeneinsätzen in den Jahren 2017 und 2018 zwar syrische Militäreinrichtungen. Doch auch Trump ließ Assads Kriegsmaschinerie größtenteils intakt.
Lügen und Desinformation gehören dazu
Glaubt man Präsident Assad, geht es in Syrien nicht um den Krieg eines Machthabers gegen das eigene Volk, sondern um den Kampf einer legitimen Regierung gegen Terroristen. Dazu zählt Assad jeden, der sich gegen seine Herrschaft wendet – ob bewaffnet oder friedlich.
Das russische Verteidigungsministerium meldete nach den ersten Angriffen seiner Luftwaffe in Syrien 2016, ein Kommandozentrum des Islamischen Staates (IS) sei zerstört worden – doch nach Angaben westlicher Staaten bombardierten die russischen Jets syrische Gebiete, in denen der IS nicht aktiv war. Heute verweist Moskau zur Begründung des Angriffs auf die Ukraine auf angebliche „Nazis“ in der Regierung in Kiew. Nach dem Bombardement der Entbindungsklinik in Mariupol erklärte der russische Außenminister Sergej Lawrow, die Ukrainer hätten Soldaten in dem Krankenhaus stationiert.
Gewalt kann den Krieg gewinnen, aber nicht den Frieden
Mit russischer Hilfe gelang es Assad ab 2016, die Niederlage im Krieg abzuwenden. Heute kontrolliert er wieder etwa zwei Drittel des Staatsgebietes. Die Rebellen herrschen nur noch über die Provinz Idlib an der türkischen Grenze. Assads Partner Russland hat in allen Gebieten westlich des Euphrat die Lufthoheit. Die Aufständischen sind nicht zu neuen Geländegewinnen in der Lage.
Allerdings kann von einem vollständigen Sieg für Assad oder gar Frieden keine Rede sein. Weite Teile des Landes liegen in Trümmern, mehr als die Hälfte der rund 18 Millionen Syrer haben durch den Krieg ihre Heimat verloren. Zudem ist Syrien de facto geteilt: Alle Gebiete östlich des Euphrat werden von der kurdisch dominierten Miliz SDF mit Unterstützung der USA beherrscht. Im Norden hält die türkische Armee mehrere Gebietsstreifen besetzt. Iranische Gruppen und die pro-iranische Hisbollah aus dem Libanon, als Helfer Assads ins Land gekommen, haben sich ebenfalls in Syrien festgesetzt und kontrollieren nach Schätzung der US-Denkfabrik Washington-Institut rund 20 Prozent der Landesgrenzen.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Waffenruhe in Syrien: USA und Türkei vereinbaren fünftägige Pause