Die Zeit der Träume nach dem Sturz Assads ist vorbei. Die Menschen kämpfen ums Überleben. Die Gräuel der Vergangenheit feuern Racheakte an. Gibt es Hoffnung auf eine bessere Zukunft?
Dahlia Abbas erinnert sich, wie sie ziellos durch die Straßen von Damaskus irrte. Wie betäubt habe sie einen Schritt vor den anderen gesetzt. In ihr breitete sich Dunkelheit und Kälte aus. Kann es so viel Böses geben, fragte sie sich.
Wenige Tage nach dem Sturz des syrischen Diktators Baschar al-Assad am 8. Dezember 2024 hatte ein Militärkrankenhaus ihr gestattet, in der mit Toten aus den befreiten Gefängnissen gefüllten Leichenhalle nach den Überresten ihres Mannes Bassem zu suchen. Er war 2012 spurlos verschwunden, während er mit seinem Taxi fuhr.
Dahlia Abbas öffnete die Leichensäcke einen nach dem anderen. Ihr boten sich unbeschreibliche Anblicke von Leichen in grauenvollem Zustand. Ihren geliebten Bassem fand sie nicht.
Wieder fließt Blut in Syrien
Abbas erzählt ihre Geschichte zum ersten Mal einem Fremden. Sie hat in den Zeiten der Diktatur aus Angst geschwiegen. Aber auch nach dem Machtwechsel will sie ihren richtigen Namen nicht nennen.
Wieder fließt Blut in Syrien. Kämpfer der Übergangsregierung metzelten Anfang März nach Augenzeugenberichten mehr als 1600 Menschen an der Mittelmeerküste nieder, darunter Zivilistinnen und Zivilisten. Sie gehörten wie der gestürzte Machthaber zur religiösen Minderheit der Alawiten. Wieder flüchten Tausende Menschen aus dem Land.
Dahlia Abbas erinnert sich an den Tag im Dezember 2012. Ihr Mann Bassem verabschiedete sich wie immer mit einem Lächeln, bevor er in sein Taxi stieg. Ihr Mann habe jede Stunde mit dem Handy angerufen. Das hatte das Ehepaar in den unruhigen Zeiten miteinander verabredet. Nicht so an diesem Tag. Das Handy blieb stumm. Und ihr wurde klar, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste. Die Syrerin hält ein gerahmtes Bild von ihrem Mann in den Händen. Sie streichelt über das Glas. Er sei ein liebevoller Vater und guter Ehemann gewesen. Offiziell ist Dahlia Abbas immer noch mit ihm verheiratet. Es fehlen die Beweise, um ihn für tot zu erklären.
Ihre jüngste Tochter habe keine Erinnerung an den Vater. Sie war noch zu klein, als er verschwand. Abbas hatte nach dem Horror in der Leichenhalle des Militärkrankenhauses keine Kraft mehr, um in den nun zugänglichen Folterkammern nach dem Leichnam zu suchen. Sie wünscht sich nur eines: „Hoffentlich haben sie ihn am ersten Tag erschossen“, sagt sie. Keinen Tag will sie sich ihren geliebten Mann an Orten vorstellen, an denen Menschen Augen und Gedärme aus dem Leib gerissen wurden.
150 000 Menschen verschwunden
Es gibt einen Platz in Damaskus, an dem die Verzweifelten eine letzte Hoffnung suchen. An einem Monument auf dem Al Merjah Platz kleben Zettel mit den Namen der Verschwundenen und den Telefonnummern der Angehörigen. Mahar El-Abed war oft hier. Er hat nach dem Sturz Assads an Demonstrationen teilgenommen und Schilder mit Fotos von Freunden hochgehalten, die verschwunden sind. Er kenne keinen einzigen Fall, in dem ein Vermisster wieder aufgetaucht sei. Derzeit gingen die Behörden von 150 000 Verschwundenen aus. El-Abed ist Sympathisant einer unter Assad verbotenen Partei und hat einen alawitischen Hintergrund. Gläubig sei er nicht. Seinen echten Namen will er nicht nennen. Im neuen Syrien unter der Führung des unter dem Kampfnamen Muhammad al Dscholani bekannten Islamisten-Chefs Ahmed al Scharaa fühlt er sich nach dem Blutbad an der Küste auch nicht mehr sicher.
El-Abed sieht in Ahmed al Scharaa einen gewieften Taktiker. Er sei zu allem bereit, um seine Führung zu zementieren. „Für mich ist er immer noch Al Dscholani, der Al-Quaida-Anführer“, sagt er.
Der Übergangspräsident hatte zunächst für die Terrororganisation gekämpft. 2016 sagte er sich von Al-Quaida los und gründete im Jahr darauf die islamistische HTS-Miliz.
Eine Gruppe Soldaten der neuen Armee Ahmed al Scharaas patrouilliert am Al Merjah Platz. Die jungen Männer erzählen, dass sie in der HTS-Miliz gekämpft haben. In Damaskus sei die Sicherheitslage gut, sagen sie. Einwohner der Hauptstadt klagen dagegen über Entführungen und Raub. Die Polizei ist von den Straßen verschwunden. Die Verfassung ist aufgehoben und damit auch das Strafgesetzbuch. Die Soldaten finden, die Lage sei schon viel besser geworden.
„Wir sind nicht die Taliban“
Und wie sehen sie die offene Lebensart in Damaskus? Immerhin verzichten viele Frauen auf ein Kopftuch. Und in Bars wird immer noch Alkohol ausgeschenkt. Ein System lasse sich eben nicht sofort ändern, sondern nur Schritt für Schritt, sagt einer. Ihnen schwebe kein Emirat in Syrien wie in Afghanistan vor. „Wir sind nicht die Taliban“, bekräftigt er.
Mahar El-Abed steuert sein Auto aus den verstopften Straßen von Damaskus heraus und biegt in die apokalyptische Wüste von Jarmuk ein. Er wuchs dort auf. Die Palästinenser in Jarmuk rebellierten nach Kriegsbeginn gegen Machthaber Assad. Rund 160 000 Palästinenser und viele Syrer wie die Familie von El-Abed lebten vor dem Krieg in dem Flüchtlingscamp. Die meisten flohen während der Kämpfe. Übrig geblieben von ihren Häusern sind Trümmerberge und grotesk verformte Ruinen.
In der Ödnis riecht es verbrannt. Ein Mann zerkleinert Kartonagen und wirft sie in die Flammen, die aus einer leeren Konservenbüchse züngeln. Darüber ist ein Grillblech installiert. Mehrere Männer warten um den Stand herum, auf den im Pappkartonfeuer gegrillten Kebab. El-Abed parkt und geht auf die Männer zu. Es sind Rückkehrer, die nun in den Ruinen hausen. Einer ist fast zahnlos und nennt sich Ahmed Abdullah Hussein. Er schildert, dass er mittlerweile Fenster in seiner zerstörten Wohnung hat, aber keine Türen. Strom, Wasser, Heizung, Kanalisation, all das gebe es nicht im zerstörten Jarmuk. Nachts heize er, in dem er Plastikabfälle verbrenne. „Die Kinder werden krank davon“, sagt der Palästinenser.
Jeder dritte Syrer ist obdachlos
Die neue Regierung verspreche den Wiederaufbau von Jarmuk. Bisher sei wenig passiert, etwas Müll sei zur Seite geräumt worden. „Wir hören viele Versprechungen, aber wir sehen keine Verbesserung“, sagt der Mann. Das sei kein Leben.
Das UN-Hilfswerk UNHCR schätzt, dass knapp sieben von 22 Millionen Syrern derzeit kein Dach über dem Kopf hat. Jeder dritter ist somit obdachlos. Millionen hausen in Zelt-Camps. Die neue Regierung würde sie am liebsten schließen. Hilfsorganisationen sind entsetzt. Denn nichts als Schutt und Trümmer warten auf die Heimkehrer aus den Flüchtlingslagern.
Mayada Hussein macht sich in einem Café in der Altstadt von Damaskus Gedanken, wie ihr Land zu retten ist. Die Aktivistin engagierte sich unter Assad im Untergrund für die Zivilgesellschaft. Jetzt kann sie offen sagen, was sie denkt. Sie setze auf den neuen Präsidenten, weil er als einziger noch so etwas wie einen Staat in Syrien repräsentiere. Sie müsse auf seinen guten Willen vertrauen. „Es bleibt uns keine Alternative.“
Verbrecher zur Verantwortung ziehen
Mayada Hussein wirft der Übergangsregierung jedoch vor, nichts zu tun, um die Vergangenheit aufzuarbeiten und Gerechtigkeit zu schaffen. „Die Menschen haben nach dem 8. Dezember Polizeistationen gestürmt und die Waffen mitgenommen. Sie nehmen das jetzt selbst in die Hand“, beklagt sie. Racheakte seien im neuen Syrien unerwünscht, versprach al-Scharaa. Nun wird in der Stadt Homs doch wieder gemordet. Gerechtigkeit heißt für Hussein, Verbrecher zur Verantwortung zu ziehen. Den mit dem Assad-Regime verbundenen Milieus müsse aber eine Brücke gebaut werden. „Sie haben selbst unter Assad in Angst gelebt und warten auf Erlösung.“
Die um ihren verschwundenen Mann trauernde Dahlia Abbas verurteilt in ihrem Schmerz die Gewalt an Alawiten. Niemand solle mehr sterben in Syrien, nicht einmal die Männer, die ihren Mann Bassem verschleppt haben. „Wenn wir dasselbe mit ihnen machen, was sie uns angetan haben“, sagt sie, „ dann sind wir nicht besser.“