Bilder einer dschihadistischen Facebookseite: Über dem Jeep weht die Kriegsflagge der ISIL. Foto: StN

Vieles spricht dafür, dass sich Hamza S. und Enver P. in einer Moschee in Botnang radikalisiert haben. Ende März wurden sie offenbar in Kämpfen zwischen Dschihadgruppen getötet.

Vieles spricht dafür, dass sich Hamza S. und Enver P. in einer Moschee in Botnang radikalisiert haben. Ende März wurden sie offenbar in Kämpfen zwischen Dschihadgruppen getötet.

Stuttgart - Selbstbewusst schaut der junge Mann in die Kamera: Sein Mund scheint Worte zu formen, wie sie Jugendlichen häufig über die Lippen kommen. Worte wie „Hey, was ist das Problem?“.

Sein Blick ist forsch. Und zeigt auch eine Spur von der Angst, die jungen Leuten eigen ist, die auf der Suche nach sich selbst sind. Die Wangen sind fast so rot wie der Kapuzenpulli. Mit diesem Bild suchte die Familie S. ihren Sohn Hamza: „Vermisst seit 17. Juli 2013“ haben die Eltern auf die kleinen Plakate geschrieben, die sie in Kirchheim unter Teck und rund um die Botnanger Regerstraße aufhängten. Verzweifelt fragen sie: „Wer hat ihn gesehen? Wer weiß, wo er sich aufhält?“

Acht Monate werden diese Fragen in einem Video beantwortet, das auf einer ­Facebookseite im Internet veröffentlicht wird: Das Filmchen zeigt die Leichname von Kämpfern, die, so heißt es in dem Streifen, „ins Paradies gegangen sind“. Unter den Toten: Hamza S., 27 Jahre alt, aus Kirchheim unter Teck im Landkreis Esslingen.

Allah soll dem Kämpfer "Frieden schenken"

Auf einer anderen Website wird der Allmächtige gebeten, er möge dem Kämpfer „Bruder Merjem Sandsak“ gnädig sein und ihm Frieden schenken. Das Bild des Toten zeigt Enver P. (41) aus Schwieberdingen im Landkreis Ludwigsburg.

Beide Männer hatten bosnische Wurzeln, lebten seit Jahren im Großraum Stuttgart. Im Sommer vergangenen Jahres reisten sie ins syrische Kriegsgebiet aus und schlossen sie sich einer überwiegend aus Bosniern bestehenden Kampfgruppe an. Diese gehört zur Terrorgruppe „Islamischer Staat im Irak und in der Levante (ISIL)“.

Ziel dieser Organisation ist es, in Syrien einen sunnitischen Gottesstaat zu errichten, in dem ausschließlich das islamische Rechtssystem der Scharia gilt. Der ISIL haben sich viele der etwa 320 aus Deutschland stammenden Dschihadisten angeschlossen, die aktuell nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz in Syrien kämpfen sollen.

Möglicherweise drei Opfer aus Baden-Württemberg

Ein Kommandeur der vom Westen anerkannten Freien Syrischen Armee (FSA) bestätigte, dass es im März im Nordwesten der Metropole Aleppo zu verlustreichen Kämpfen zwischen der ISIL und einer anderer Dschihadgruppe, der Jabhat an-Nusra, der Unterstützungsfront für das syrische Volk, gekommen sei. Beide dem Terrornetzwerk El Kaida nahestehende Gruppen kämpfen seit Monaten um die Vorherrschaft in Syrien. Die ISIL habe nahe der Ortschaft Anadan schwere Verluste erlitten. Offenbar wurden die beiden baden-württembergischen Islamisten in diesem Gefecht getötet. Viele Hinweise auf einschlägigen Internetforen sprechen dafür, dass ein weiterer Gotteskrieger aus dem Südwesten ebenfalls in diesen Kämpfen ums Leben kam.

S. und P. besuchten vor ihrer Reise ins Kriegsgebiet die Sahabe-Moschee in Stuttgart-Botnang. Dort treten auch Prediger des Missionierungsnetzwerkes „Die wahre Religion“ um den Kölner Islamisten Ibrahim Abou Nagie auf. Zu dem Netzwerk gehören auch die deutschen Stars der Szene, Pierre Vogel und Sven Lau. Der Mönchengladbacher Lau wurde im Februar von der Polizei festgenommen. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft Stuttgart vor, Deutsche für den Wehrdienst in einer militärischen Einrichtung im Ausland angeworben zu haben.

Abou Nagie gilt als einer der führenden Salafisten

Der gebürtige Palästinenser Abou Nagie gilt in Deutschland als einer der führenden Köpfe des Salafismus, einer radikalen Strömung innerhalb des Islam. Verfassungsschützer gehen davon aus, dass in Deutschland derzeit etwa 6500 Muslime dieser radikalen Glaubensrichtung anhängen. Der Islamwissenschaftler Guido Steinberg, einst Terrorexperte des Bundeskanzleramts, geht hingegen von etwa 18 000 Salafisten in Deutschland aus.

In seinen Predigten ruft der 49-jährige Nagie auch zur Gewalt gegen sogenannte „Kuffar“, Ungläubige, auf. Die Kölner Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, das Märtyrertum zu verherrlichen und Andersgläubige vernichten zu wollen. In einem Video bittet Nagie: „Möge Allah uns alle als Märtyrer sterben lassen.“ Im Herbst 2011 initiierte der deutsche Staatsbürger die Kampagne „Lies!“, bei der in vielen Städten Koranübersetzungen in Fußgängerzonen verschenkt werden. Auch Hamza S. beteiligte sich an der Verteilaktion.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: