Der SWR-Intendant und künftige ARD-Vorsitzende Kai Gniffke hält an Unterhaltungsshows fest. Zugleich betont er im Interview, offen für Reformen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu sein.
Die Krise beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) hat Debatten zur Rolle des gebührenfinanzierten Rundfunks abermals angefacht. SWR-Intendant Kai Gniffke, bald Vorsitzender der gesamten ARD-Gemeinschaft, stellt sich der Kritik.
Herr Gniffke, das war kein guter Sommer für die ARD-Intendanten. Kaum ein Tag verging ohne neue Enthüllungen aus dem womöglich skandalösen Innenleben einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt. Fragt man sich da nicht als Chef irgendwann, wie kommen wir jemals aus dem Schlamassel wieder heraus?
Ganz einfach, indem wir gute Arbeit machen. Indem wir den Menschen zeigen, dass wir sie jeden Tag mit unseren Programmen und unseren Web-Angeboten gut begleiten.
Derzeit interessieren sich viele Menschen vor allem für Fragen wie diese: Herr Gniffke, verfügen Sie als Intendant über einen Dienstwagen?
Ja, und zwar über einen geleasten Hybrid BMW X 5. Der SWR hat in diesem Jahr reduziert von einem 7er auf einen deutlich günstigeren 5er.
Verfügen Sie über einen Chauffeur?
Wir haben hier einen Fahrer, der für die Logistik unserer Bürogeschäfte zuständig ist; in diesem Rahmen fährt der Kollege seit 30 Jahren Intendanten zu ihren Terminen.
Fährt der Chauffeur Sie auch privat?
Keinen einzigen Kilometer. Der Intendant fährt morgens zur Arbeit selbst und abends auch wieder nach Hause.
Gibt es auf den Rücksitzen eine Massageautomatik?
Nein.
Ihr Jahresgehalt als SWR-Intendant beträgt 361 000 Euro brutto laut ARD-Angaben. Kommen da noch Boni hinzu wie bei Ihrer Ex-Kollegin Patricia Schlesinger vom RBB?
Nein, ich erhalte keinerlei Bonuszahlungen. Ich bekomme zusätzlich eine monatliche Aufwandsentschädigung von 350 Euro, die früher einmal Kleidergeld hieß.
Am 1. Januar 2023 werden Sie ARD-Vorsitzender. Wird aus diesem Anlass Ihre Stuttgarter Chefetage saniert?
Nein, warum? Das denkmalgeschützte Gebäude wurde 2018/19 generalsaniert, auch das Büro des Intendanten mit seiner dunkelbraunen Eichenholz-Schrankwand aus den 70ern.
Aber zusätzliche Stellen wird es für Sie als ARD-Vorsitzenden geben?
Für den SWR mit Sicherheit ja, und zwar befristet, alles andere wäre fahrlässig. Der ARD-Vorsitz ist zwar ein Ehrenamt, ist aber für die Dauer von zwei Jahren mit erheblichem zusätzlichem Aufwand für den SWR verbunden.
Fragen wie diese müssen Sie wahrscheinlich gerade häufig beantworten. Nervt Sie das?
Nein. Ich bekleide ein Amt, das aus öffentlichen Mitteln finanziert wird, und muss mir solche Fragen stellen lassen, sie wahrheitsgemäß beantworten und nicht genervt sein.
Wenn Sie von den möglichen Missständen an anderen Häusern hören, denken Sie da manchmal: Hoffentlich ist bei uns wirklich alles in Ordnung?
Bei uns ist mit Sicherheit nicht alles in perfekter Ordnung. Weil, wo gearbeitet wird, da werden Fehler gemacht. Wo Menschen am Werk sind, gibt es menschliche Schwächen. Aber wir haben hier ein ganz eng gestricktes Kontrollsystem, eine sehr gut organisierte Compliance. Doch ausschließen kann Fehler und Missstände kein Betrieb auf diesem Planeten. Wenn ich aber eines hinzufügen darf: Ich fände gut, wenn man in der Berichterstattung über mögliche Missstände nicht über das Ziel hinausschießt und journalistische Standards wahrt, zum Beispiel den Konjunktiv benutzen würde, solange die Untersuchungen noch nicht zum Abschluss gekommen sind.
Wie stark wächst aus all den Enthüllungen der Druck auf das gesamte öffentlich-rechtliche System? Haben Ihre Gegner jetzt endgültig genügend Munition für den Generalangriff?
Ich habe nicht den Eindruck, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden soll. Es wird von einigen Medienpolitikern sehr rational die Frage gestellt: Wie kann man solche möglichen Missstände wie jetzt beim RBB künftig vermeiden? Aber der generelle Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wird ja nicht dadurch relativiert, dass eine Intendantin in ihrem Dienstwagen diese oder jene Ausstattungsmerkmale hat.
Immerhin gibt der bayerische Ministerpräsident Markus Söder im Interview zu Protokoll, eine Erhöhung der Rundfunkbeiträge käme unter diesen Umständen nicht infrage.
Da kann ich nur sagen: Der Ministerpräsident hat recht. Die Höhe der Rundfunkbeiträge steht ja bis 2024 fest.
Söder fordert auch, bei den Beratungen zu einem neuen Medienstaatsvertrag zwischen den Ländern müsse klar sein, dass die öffentlich-rechtlichen Programme sich künftig von Inhalten verabschieden, die die Privaten besser produzieren könnten. Also weniger teure Shows, Unterhaltung, weniger Florian Silbereisen.
Geschmacksfragen können doch nicht die Grundlage von Medienstaatsverträgen sein! Es mag ja Leute geben, die persönlich keine Volks- und Schlagermusik mögen. Aber ich werde diese Sendungen in unserem Programm mit Zähnen und Klauen verteidigen. Wer soll sich denn künftig um die Programmwünsche beispielsweise einer älteren Generation kümmern, die unser Land aufgebaut hat? Pro Sieben? RTL 2?
An diese Stelle kommt man im Gespräch mit ARD-Intendanten immer: Reformen? Kein Bedarf.
Da kennen Sie mich falsch, ich bin ein großer Freund von Reformen. Aber ich möchte auf gar keinen Fall, dass wir die anstehenden dringenden Debatten über die großen Fragen unserer Gesellschaft den Plattformen amerikanischer oder chinesischer Tech-Konzerne überlassen. Irgendwann bestimmt dann nämlich der Algorithmus von Tiktok, was unsere jungen Menschen hier in Deutschland an Fakten oder Meinungen zu hören bekommen.
Ich glaube, dem wird kein deutscher Medienpolitiker widersprechen. Aber wohin soll dann die ARD-Reise gehen – bei Einnahmen von 8,42 Milliarden Euro allein an Beiträgen der Bürger für das gesamte öffentlich-rechtliche Rundfunksystem im vergangenen Jahr?
Wir müssen Prioritäten setzen, weil es keine zusätzlichen Ressourcen vom Himmel regnen wird. Wir müssen aus unseren linearen Angeboten Mittel abziehen, um digitaler werden zu können. Wir müssen effizienter produzieren. Das wird wehtun. Darum Reform.
Effizienter wäre es, zwei für sich finanziell nicht lebensfähige ARD-Anstalten im Saarland und in Bremen zu schließen und die Versorgung des Publikums dort dem SWR und dem NDR zu überlassen.
Dieses Projekt stellen Sie bitte den 16 Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten vor. Darüber kann kein ARD-Intendant entscheiden, darüber entscheiden die Parlamente der betreffenden Bundesländer.
Effizienter wäre es, weniger Radiowellen anzubieten, die sich untereinander ohnehin ähneln.
Derzeit ist im SWR-Staatsvertrag jede einzelne Radiowelle festgelegt. Der Staatsvertrag ist derart detailliert, da steht beinahe drin, welchen Musiktitel wir um welche Uhrzeit spielen müssen. Vorsicht, das war ein Scherz. Aber ernsthaft: Wenn die Landtage uns die Möglichkeit geben, weniger Radiowellen anzubieten, prüfen wir das gern. Meine Erfahrung ist: Wenn Sie in solchen Debatten die einzelnen Radiowellen durchgehen und die Menschen fragen, welches regionale Programm sollen wir abschaffen, kommt zum Schluss raus, dass für jede Welle irgendwo jemand die Hand hebt und diese für völlig unverzichtbar erklärt. Da wünschte ich mir Aufrichtigkeit und Konsequenz in der Debatte.
Ist das nicht die Haltung: Debatten sind nutzlos, wir machen einfach alles weiter?
Nein, ich bin bereit für diese Debatten. Wir werden sie führen, wenn man uns denn lässt. Aber ich verspreche, das wird dann für uns knüppelhart.
Herr Gniffke, die verlässlichsten Verbündeten scheint der öffentlich-rechtliche Rundfunk derzeit in Karlsruhe zu haben. Das Bundesverfassungsgericht hat im vergangenen Jahr die ausstehende Erhöhung des Rundfunkbeitrags einfach in Kraft gesetzt, obwohl die dafür nötige politische Entscheidung zwischen den Bundesländern nicht zum Abschluss gekommen war. Ist der Gang nach Karlsruhe bis in alle Ewigkeit Ihr Joker?
Unsere wichtigsten Verbündeten, das ist das Publikum. Auf die setze ich. Diese Verbündeten müssen sich auf unabhängig recherchierten Journalismus und eine Plattform für wichtige gesellschaftliche Debatten verlassen können. Dabei sind auch die Tageszeitungen wichtig und notwendig. Neben der regionalen Verankerung braucht es auch ein nationales Schaufenster. Und das bieten wir.
Der Journalist, Intendant und künftige ARD-Vorsitzende
Karriere
Kai Gniffke, Jahrgang 1960, ist als Journalist in den 1990er-Jahren beim Südwestfunk groß geworden. 1999 wechselte er nach Hamburg in die Zentralredaktion ARD-aktuell, die unter anderem für die „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ zuständig ist. Unter seiner Leitung entwickelten sich die Nachrichtensendungen im Ersten linear und digital zu Marktführern. 2019 wurde Gniffke als Nachfolger von Peter Boudgoust zum Intendanten des SWR gewählt, der zweitgrößten Landesrundfunkanstalt im ARD-Verbund.
Koordinator
Infolge des Skandals um die frühere RBB-Intendantin Patricia Schlesinger wird Kai Gniffke früher als ursprünglich geplant ARD-Vorsitzender, nämlich am 1. Januar 2023. Die neun Sendeanstalten der ARD sind zwar alle selbstständig, wählen sich aber einen Sprecher vor allem für die medienpolitischen Debatten. Derzeit beraten die 16 Bundesländer über einen neuen „Sendeauftrag“ für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.