Zwei eindrückliche Werke engagierter Filmemacher haben beim SWR-Doku-Festival den Deutschen Dokumentarfilmpreis bekommen. Der Ehrenjubilar Werner Herzog erheiterte mit einer skurrilen Videobotschaft.
Dokumentarfilme können tief eintauchen in Themen und Schicksale – so wie „Dear Future Children“ von Franz Böhm und „Herr Bachmann und seine Klasse“ von Maria Speth. Beide sind beim SWR-Doku-Festival im Stuttgarter Kino Gloria mit dem diesmal geteilten Deutschen Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet worden.
Böhm, geboren in Gerlingen und erst 23, hat mit seinem Langfilmdebüt bereits den Publikumspreis des Hot-Docs-Festivals in Toronto gewonnen. Er begleitet 2019 drei junge Aktivistinnen ins Getümmel: Die Chilenin Rayen (23) ist Teil der Massenproteste gegen eine ausbeuterische Machtelite, Hilda (22) kämpft in Uganda gegen die Folgen des Klimawandels, die den elterlichen Bauernhof ruiniert haben, Pepper (22) demonstriert für die Freiheit ihrer Heimat Hongkong.
Ein junges Team hat junge Aktivistinnen begleitet
Böhm geht teils durch Straßenschlachten, hält die Brutalität chilenischer wie chinesischer Polizisten hautnah fest. Mit Hilda war er auf einer Klimakonferenz in Kopenhagen, bei der sie feststellt: „Es wird viel geredet – besser wäre, einfach etwas zu tun.“ Die Frauen geben Einblicke in ihr Denken, Fühlen, Träumen; ihr Aktivismus belastet Familien, Beziehungen und Freundschaften; Mitstreiter sterben oder werden verletzt.
„Globaler Aktivismus junger Menschen fasziniert uns, und wir glauben, dass diese Themen jetzt diskutiert werden müssen“, sagt Böhm vor der Preisverleihung. Er sitzt auf dem Podium beim Branchenkongress Dokville im Stuttgarter Hospitalhof, bei dem das Haus des Dokumentarfilms flankierend zum Festival einen vertieften Diskurs kuratiert, in diesem Jahr unter dem Motto „Dokumentarfilm. Investigativ“. Elf Bewegungen mit demokratischen Zielen quer über den Globus hätten sie im Auge gehabt, sagt Böhm, die letztlich ausgewählten seien jeweils auf ihrem Höhepunkt gewesen. „Wir haben dann Personen gesucht, die die Bewegung auf der Straße repräsentieren.“
Auf manche Krisen beim Drehen kann man sich nicht vorbereiten
Je drei Monate haben er und sein Team vor Ort gedreht – unter teils brenzligen Bedingungen und mit minimalem Budget, teils finanziert durch Crowdfunding. „Wir arbeiten sehr effizient, einige im Team sind gut darin, gesponserte Flüge und Unterkünfte zu organisieren“, sagt Böhm. Vorm Drehen besuchten alle einen Kurs zum richtigen Verhalten in Krisensituationen. „Wir standen neben fünf Leuten, die vor unseren Augen ermordet wurden, darauf kann man sich nicht vorbereiten“, sagt Böhm.
Die MFG-Filmförderung hat die Postproduktion gefördert – und die Entwicklung des nächsten Projekts: „Wir erzählen zwei Geschichten über die Arbeitslager im Norden Chinas“, sagt Böhm. „Aber fiktiv, um unsere Quellen zu schützen.“
Die Regisseurin Maria Speth begleitet in ihrem Dokumentarfilm „Herr Bachmann und seine Klasse“ den Unterricht eines Lehrers in einer maximal multikulturellen sechsten Klasse. Die Schülerinnen und Schüler haben bulgarische, türkische, kasachische, marokkanische, sardische Wurzeln, und Dieter Bachmann lebt Vorurteilsfreiheit, lockt die Kinder aus der Reserve und musiziert mit ihnen, um Druck abzubauen.
Der Lehrer Dieter Bachmann lebt die Vorurteilsfreiheit
Wie er seine Schützlinge ernst nimmt, Vertrauen aufbaut und einen Klassenverband herstellt, ist faszinierend. „Herr Bachmann“, 2021 bei der Berlinale bereits mit dem Silbernen Bären der Jury ausgezeichnet, ist mit dreieinhalb Stunden nur bedingt kinotauglich – liefert aber in pädagogischer Hinsicht außergewöhnlich interessantes Anschauungsmaterial.
Werner Herzog grüßte aus Venedig
Der Ehrenpreis geht an das bayerische Filmemacher-Original Werner Herzog (79), der immer auch dokumentarisch gearbeitet hat. Er ist nicht nach Stuttgart gekommen, schickt aber eine sehr unterhaltsame filmische Danksagung. Er beginnt im verregneten Venedig, „weil meine Frau Lena hier eine Installation hat. Ich bin sozusagen der Ehemann.“
Dann taucht als Laudator Wim Wenders auf, er kennt Herzog seit den 60ern, beide haben den deutschen Autorenfilm miterfunden. „Wir verstehen uns so gut, weil wir uns so selten sehen“, sagt Wenders. Dann dementiert Herzog, überhaupt Dokumentarfilmer zu sein: „Das sind ja alles nur Spielfilme in Verkleidung“, sagt er. Goethes „Werther“ sei auch „kein Briefroman“, „sondern eine stilisierte Romanform“. Wenders lacht: „Jetzt ist meine ganze Rede im Eimer.“
Natürlich ist der cholerische Klaus Kinski zu sehen
Filmausschnitte zeigen „Land des Schweigens und der Dunkelheit“ (1971) über eine taubblinde Frau, „The white Diamond“ (2004) über ein skurriles Luftschiff. Und Klaus Kinskis „Fitzcarraldo“-Wutausbruch in Herzogs Doku „Mein liebster Feind“ (1998), nachdem die Indios im Team dem Regisseur anbieten, den Choleriker um die Ecke zu bringen.
Herzog habe die Grenzen zwischen Spiel- und Dokumentarfilm „zertrümmert“ und „mit beiden Elementen Berge versetzt“, erklärt Wenders. Der Preis sei deshalb „nicht in falschen Händen“, findet Herzog selbst und schwenkt grinsend die Trophäe. So viel Eitelkeit kann er sich leisten: Der Regisseur, Autor und Schauspieler wird in den USA abgöttisch verehrt. Zuletzt hat er in der ersten Staffel der „Star Wars“-Serie „Mandalorian“ (2019) sensationell einen abgründigen Schergen des Imperiums verkörpert.
Deutsche Dokumentarfilmpreisträger 2022
Hauptpreis
„Dear Future Children“ von Franz Böhm sowie „Herr Bachmann und seine Klasse“ von Maria Speth.
Förderpreis
„The other Side of the River“ von Antonia Kilian.
Kategorie Kultur „
Auslegung der Wirklichkeit – Georg Stefan Troller“ von Ruth Rieser.
Kategorie Musik
„A Symphony of Noise – Matthew Herberts Revolution“ von Enrique Sanchez Lansch.