Ein Historiker deckt während neuer Nachforschungen interessante Detail über die Sulzer Michaelskirche auf. Foto: Timo Roller

Historiker Jeff Klotz stellte sich im Rahmen des Kirchenführers einige Forschungen rund um die Sulzer Michaelskirche. Bei einem Vortrag in Sulz erläuterte er seine Funde. Grablegen deuten demnach auf eine rätselhafte Vorgeschichte der heutigen Michaelskirche im Wildberger Teilort hin.

„Ein kleiner Ort mit einer imposanten Kirchenburg, an den Hang oberhalb des Agenbachs gebaut“: Dies könne einen sicherlich erstaunen, erläuterte Jeff Klotz bei seinem Vortrag in der Sulzer Michaelskirche. Dass die Sulzer Michaelskirche in der Forschung weitgehend unerkannt geblieben ist, wundert Klotz, Historiker und Kenner der Kirchengeschichte speziell im Nordschwarzwald, besonders.

 

Seit 2020 arbeitet er mittlerweile bereits mit der Kirchengemeinde Sulz am Eck und der Ortshistorikerin Heide Dittus an einem Buch über die Kirche. Die Komplexität des Forschungsobjekts sowie einige Verzögerungen seien jedoch die Ursache dafür, dass das Ergebnis noch eine Weile auf sich warten lässt, meint der Verlags- und Museumsleiter.

Seinen Vortrag bezeichnete Klotz daher als einen „Werkstattbericht“ – und dieser hatte es in sich. Nicht nur wegen „einer der schönsten Kassettendecken Württembergs“ oder dem „Faszinosum Chorsakristei“ sei diese Kirche so besonders. Er selbst als besonders am Frühmittelalter Interessierter habe vor allem an Sulz „einen Narren gefressen wegen dem, was man nicht mehr sieht“.

Archäologische Funde in den 60er-Jahren

Auslöser für ein umfangreiches Quellenstudium war einerseits die Innenrenovierung während der Coronazeit, andererseits Fotos aus dem Nachlass des ehemaligen Pfarrers Helmut Lächler (1951 bis 1980 in Sulz). Diese Bilder dokumentieren ausführlich die Renovierungsarbeiten zu Beginn der 1960er-Jahre und insbesondere archäologische Ausgrabungen im Chorraum und in der benachbarten Chorsakristei.

Historiker Jeff Klotz berichtete bei einem Vortrag in Sulz über seine Forschungen rund um die Kirche. Foto: Timo Roller

Während der damaligen Arbeiten wurden im Inneren der Kirche uralte Grablegen entdeckt. Jeff Klotz hat sich beim Studieren dieser Fotos und den baulichen Begebenheiten den Kopf darüber zerbrochen, wie die Geschichte vor dem großen Neubau der Kirche gegen Ende des 15. Jahrhunderts verlaufen sein könnte. Schlussendlich kam er zu verschiedenen Hypothesen. Doch nach wie vor sei die genaue Bauabfolge nicht endgültig geklärt.

Bedeutende Grabkapelle eines Adligen

Doch die groben Umrisse der Sulzer Kirchengeschichte scheinen sich herauskristallisiert zu haben: Schon um das Jahr 1000 muss wohl auf dem befestigten Bergsporn gegenüber des Tiersteins eine bedeutende Grabkapelle eines lokalen Adels gestanden haben, der viele Pilger anlockte. Möglicherweise war das Vorgängergebäude der heutigen Kirche sogar ein Wallfahrtsort mit einer wichtigen – nicht mehr bekannten – Reliquie.

Der damit einhergehende wirtschaftliche Aufschwung wurde wohl durch die topografische Lage begünstigt: Durch das Agenbachtal führte ein vergleichsweise komfortabler Weg aus Richtung Herrenberg in den Schwarzwald hinein, wo das Kloster in Hirsau im gesamten deutschsprachigen Raum im elften und zwölften Jahrhundert eine wichtige Rolle spielte. Die Wallfahrtskirche über dem Agenbach könnte damals Zwischenstation für tausende Pilger gewesen sein.

Sulz war also bedeutend genug, dass am Ort eine Bruderschaft gegründet wurde und drei festangestellte Geistliche ihren Dienst in der Kirche taten. Auch mehrere Altäre wurden wohl – laut historischen Quellen – für die Kirche gestiftet.

Geheimnis der Chorsakristei

Das Geheimnis der sogenannten Chorsakristei mit ihren an das Kloster Maulbronn erinnernden Pfeilerbündeln und einem Deckengemälde liegt laut Klotz in der sogenannten „Sakralkontinuität“ begründet: Bevor die heute existierende Kirche gebaut werden konnte, musste das Vorgängergebäude abgerissen werden und eine Seitenkapelle wurde zum Ersatzort des Gottesdienstes – eine Zwischenlösung sozusagen. Für diese Theorie sprechen auch die Weihekreuze im sogenannten Beinhaus direkt neben der Chorsakristei.

Pilgerströme nach Hirsau

Und so war – bei allen Details, die noch im Verborgenen liegen – Sulz vor vielen Jahrhunderten eine wichtige Durchgangsstation für größere Pilgerströme, die auf dem Weg nach Hirsau unterwegs waren und hier heute namenlose Grabstätten und verloren gegangene Reliquien aufsuchten.

1489 wurde dann der heutige Chor mit seinem filigranen spätgotischen Netzgewölbe fertiggestellt, wenig später das Kirchenschiff, das allerdings erst im 18. Jahrhundert die einzigartige Kassettendecke mit 110 bemalten Holztafeln erhielt, von der keine mit einer anderen identisch ist.