Die große Wandergruppe am Jägerstein – Heide Dittus und Bernhard Proß erzählen der großen Wandergruppe die spannende Geschichte um Wilderei und Mord. Foto: Timo Roller

Die Heimatforscherin Heide Dittus nimmt eine interessierte Wandergruppe mit zum Sulzer Jägerstein, wo das bis heute erhaltene Kreuz an spannende Ereignisse aus einer Zeit vor 300 Jahren erinnert.

Die Wanderung von der Gemeindehalle in Sulz am Eck hinaus zum Jägerstein im Sindlinger Tal war nicht nur eine 1,5 Kilometer lange Wegstrecke – sie war auch eine anschauliche Reise in die Vergangenheit.

 

Heide Dittus vom Schwarzwaldverein, eine ambitionierte Heimatforscherin, nahm die mehr als 120 Wanderer mit in die Zeit vor 300 Jahren, als der württembergische Herzog Eberhard Ludwig Landesherr war.

Vor allem die Menschen im ländlichen Raum waren damals nach mehreren Kriegen, durch Seuchen und Nahrungsmittelknappheit arg gebeutelt und verarmt. Währenddessen nahm sich der Adel ein Vorbild an der Üppigkeit und den Ausschweifungen des französischen Hofs und kümmerte sich wenig um das Schicksal der Landbevölkerung.

Anschauliche Demonstration, wie es sich vor 300 Jahren zugetragen haben könnte: Der Wilddieb und der »ermordete« Forstknecht Foto: Timo Roller

Im Gegenteil – die große Leidenschaft des Herzogs war die Jagd, das Ludwigsburger Schloss wurde von Eberhard Ludwig nach dem Vorbild von Versailles gebaut, um von dort aus der Jagd zu frönen. Wenn sich der Herzog entschied, in den Wäldern Württembergs auf Jagd zu gehen, hatten die Untergebenen ihn vorbehaltlos zu unterstützen – sogar in der Erntezeit. Dies belastete die Menschen noch zusätzlich.

In Sulz am Eck war diese Jagdfron nur auf der rechten Seite des Agenbachs zu leisten, die linke Seite gehörte zum Kloster Reuthin, wo die Repressalien weniger streng waren. Daher wurde in Sulz zuerst die eigentlich weniger attraktive Schattenseite besiedelt.

Nachforschungen bringen Details ans Licht

Mit diesen und weiteren Informationen versorgt, gelangte die große Wandergruppe an den Jägerstein. Dort erzählten Heide Dittus und Bernhard Proß die spannende Geschichte um Wilderei und Mord, die sich hinter den wenigen in das Steinkreuz eingemeißelten Buchstaben verbirgt. Nachforschungen in Kirchenbüchern und im Stuttgarter Staatsarchiv haben nämlich weitere Details ans Licht gebracht.

Aufgrund der schwierigen Lebensumstände gingen viele Menschen der Wilderei nach. Dies wurde allerdings als besonders schweres Verbrechen angesehen. Der Forstknecht Friedrich Zahn aus Oberjettingen war daher beauftragt, das adelige Jagdprivileg zu schützen.

Fatale Konfrontation mit Wilderern

Am 4. Januar 1724 kam es jedoch zu einer fatalen Konfrontation mit Wilderern hier im Sindlinger Tal, die für den Forstknecht tödlich endete: Nach den alten Akten müssen es Wilderer von außerhalb Württembergs gewesen sein, sie kamen aus dem vorderösterreichischem Oberamt Rottenberg und waren katholisch. Das Risiko, fürs Wildern in fremden Landen belangt zu werden, war für die fremden Wilddiebe wohl geringer, Proß wollte nicht ausschließen, dass es auch evangelische Württemberger gab, die umgekehrt in Vorderösterreich zu Unrecht wilderten.

Für Erheiterung sorgte eine persönliche Schilderung von Bernhard Proß: Als Heranwachsender habe er einmal den sogenannten Bock-Jakob mit eigenen Augen beobachtet, wie er einen toten Feldhasen unter seinem langen Mantel nach Hause getragen habe – mutmaßlich der letzte Wilderer in Sulz!

Gesangsgruppe und Schauspiel sorgen für amüsanten Schluss

Amüsant und doch geschichtsträchtig war zum Schluss das von einer kleinen Gesangsgruppe um Heide und Rolf Dittus vorgetragene „Moritat vom Wilddieb“. Während des Liedes spielte sich am Waldrand das tragische Geschehen von damals ab: Der Wilddieb jagte einen Schauspieler, der sich mit echtem Geweih zum Hirschen machte. Plötzlich kam der Forstknecht hinzu, der – mit echtem Büchsenknall – „ums Leben gebracht“ wurde. Zuletzt konnte der Wilderer verhaftet werden und musste das bis heute erhaltene Sühnekreuz errichten lassen.

Der Name des Täters ist in den alten Dokumenten nicht festgehalten. Aber das Kreuz ist bis heute erhalten geblieben und die vorgetragene Volksweise war von der Gesangsgruppe um einen letzten Vers ergänzt worden, der auf das Geschehen in Sulz anno 1724 Bezug nimmt und auf das weithin bekannte Kreuz, „von jedem der vorbeigeht der Jägerstein genannt.“