Spaziergang vor 60 Jahren: Helmut Hauser setzt sich mit der Bedeutung der Heimat auseinander
Von Marzell Steinmetz
Sulz-Renfrizhausen. Auf dem Leiterwagen, gezogen von zwei Ochsen, sitzt eine alte Frau mit Kopftuch. Dahinter sind zwei herausgeputzte, stattliche Fachwerkhäuser zu sehen. Eine Dorfidylle von Renfrizhausen: Helmut Hauser hat sie fotografiert – vor 60 Jahren.
Doch es gibt von damals auch andere Ansichten. In der Dorfstraße mit der Kirche im Hintergrund sind manche Häuser dem Verfall nahe. Man sollte sich lieber nicht vorstellen, wie es innen aussah. Heute wollte da jedenfalls niemand wohnen. So kurz nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele Menschen in den Dörfer arm und konnten sich eine Hausrenovierung nicht leisten. Autos sind Anfang der 1950-er Jahre noch eine Seltenheit gewesen. Die Straße war, als Hauser die Aufnahme machte, noch nicht geteert.
Der gebürtige Renfrizhauser hat mit den Fotos seine Zulassungsarbeit für die zweite Dienstprüfung als Lehrer ergänzt. Sein Thema: "Renfrizhausen und seine beiden ehemaligen Klöster Kirchberg und Bernstein".
Dabei setzt er sich mit der Heimat und ihrer Bedeutung auseinander, gerade auch im Hinblick auf die mit viel Leid verbundenen zurückliegenden Kriegsjahre. "Soll dieses schwere Erleben nicht umsonst gewesen sein, so bedarf es einer Verinnerlichung und Vertiefung unseres Lebens", leitet er seine Arbeit ein. Einen Ansatz dafür sieht er in der Verwurzelung mit der Heimat, ihren Bildungsgütern, Werten und der Natur.
Hauser nimmt den Leser mit auf einen Spaziergang. Ausgangspunkt ist Fischingen, wo der Mühlbach in den Neckar mündet. Er beschreibt die Geologie des Mühlbachtals und führt nach Renfrizhausen.
Die Vergangenheit des Dorfes prägten die Steinbrüche: "Sie gaben einst dem Dorf das Brot", schreibt Hauser. Der Sandstein sei noch bis zum Ersten Weltkrieg bis in die Schweiz verschickt und zu Grabmälern verarbeitet worden. Später rentierte sich der Abbau nicht mehr. Hauser: "So ist heute das harte Klopfen der Hämmer und das Geschrei der Fuhrleute verstummt."
Mönche waren geschickte Handwerker
Daneben spielte auch die Landwirtschaft eine große Rolle. Hauser listet einige der Flurnamen der Gemarkung wie Ahlen, Brandäcker oder Breite auf und erklärt sie.
Weiter führt die Wanderung auf die Keuperberge zu den ehemaligen Klöstern Bernstein und Kirchberg.
Ein "Klösterle" sei der Bernstein eigentlich nur gewesen, ohne große Geschichte und großen Besitz, beschreibt Hauser diesen abgelegenen Ort.
Die Mönche, die sich Anfang des 14. Jahrhunderts hier niederließen, waren aber geschickte Handwerker und sehr arbeitsam. Sie lebten nach dem Grundsatz "ora et labora – bete und arbeite". Allerdings, so Hauser, kam das "labora" manchmal vor dem "ora". 1806 ergriff Württemberg Besitz vom Bernstein, und das Kloster wurde in eine Staatsdomäne umgewandelt. Vor 60 Jahren bevölkerte die Arbeitsgemeinschaft für Kunst den Bernstein.
Ein weiteres ausführliches Kapitel widmet Hauser dem Kloster Kirchberg, das 2012 sein 775-jähriges Bestehen feiert.
Hauser zeigte mit seiner Zulassungsarbeit am Beispiel von Renfrizhausen auf, wie, in Zusammenarbeit mit den Schülern, ein Heimatbuch entstehen und der Heimatkundeunterricht interessant gestaltet werden könnte. Mit der Note "gut" ist seine Zulassungsarbeit bewertet worden: Der Autor war damit höchst zufrieden. Eine Inflation guter Noten, meint Hauser, habe es vor 60 Jahren noch nicht gegeben.