Gähnender Stein ist einen Besuch wert

Von Herwart Kopp

Sulz-Holzhausen. Vom Gähnenden Stein aus – hoch über der Stadt – hat man einen wunderschönen Blick auf Sulz.

Der Blick zeigt nicht nur die Stadt Sulz im Tal, sondern schweift auch zu zwei weiteren wunderschönen Aussichtspunkten über Sulz – der Ruine Albeck und dem Stockenberg. Der Neckar durchstreift das Blickfeld auf der gesamten Länge des Tals. Die historische Altstadt mit ihrem Marktplatz zeigt sich so, wie sie nach dem großen Stadtbrand 1794 erbaut wurde. Damals sind nur wenige Gebäude dem Brand nicht zum Opfer gefallen. So ist auch die im Jahre 1513 erbaute Evangelische Stadtkirche erhalten geblieben.

Der Blick geht von links vom Stadtteil Kastell bis nach rechts zur Schillerhöhe, ebenso vom Wohn- und Schulgebiet "Breite" bis zum Friedhof unterhalb des Gähnenden Steins.

Für Kinder ist es interessant, wenn gerade ein Zug den Bahnhof verlässt und im Tunnel verschwindet. Die Ruhe hoch über der Stadt lädt zum Träumen ein und lässt den sonst üblichen Verkehrslärm vergessen.

Der Name Gähnender Stein, erstmals im Jahre 1285 genannt als "ginanden steine an der holzhuser staige", ist eine historische Besonderheit. Der steile Felsabbruch gegen das Neckartal, Sulz und der Bergfelder Klinge bildet den Gähnenden Stein (auf schwäbisch "gehneder Stoà). Der Name kommt wohl von "gähnen" – also "den Mund weit aufsperren". Geologisch führt eine Verwerfung zur Bergfelder Klinge zum Einbruch (Graben) unterhalb des Felsens. Verwerfung und Verkarstung öffnen und vertiefen diese Spalte immer mehr. Am Fußweg nach Sulz ist die Erweiterung deutlich zu sehen.

Durch diese Verwerfung wurde ein größerer Fels mit einer Fläche von circa 20 auf 20 Meter vom Gähnenden Stein getrennt. Eine Schlucht ist dadurch entstanden, sie driftete immer weiter auseinander. Das Plateau des vorgelagerten Felsens wird im Volksmund "Bärentanz" genannt. Der heutige Abstand beträgt rund fünf bis sieben Meter. Nach Aussagen ältere Bewohner von Holzhausen konnte man früher noch mit einem Sprung zum "Bärentanz" hinüber gelangen. Der Abstand müsste demnach wesentlich geringer gewesen sein als heute. Ob es früher Bären gab, ist fraglich und nicht belegt. Als Unterschlupf und Versteck hätte diese Felsspalte schon dienen können.

Nach einer Sage soll ein Graf mit seinem Pferd versucht haben, vom Plateau des Gähnenden Steins auf den vorstehenden Fels hinüber zu springen. Er sei aber prompt in die Felsspalte abgestürzt.

Vom "Bärentanz" etwas weiter am Hang abwärts zur Holzhauser Steige gibt es noch eine kleinere Fläche, benannt als "Hexentanz". Vielleicht ist dies eine alte Überlieferung des Volks- und Aberglaubens. Hexen – als böse Geistern – schrieb man unheimliche Eigenschaften zu. Womöglich waren es auch nur besondere angsteinflössende Geräusche, wenn der Wind an der Felswand "heulte", die die Bewohner dort Hexen vermuteten ließen.

In manchen Schriften ist auch vom "Kunofelsen" zu lesen. Benannt nach Graf Kuno von Üxküll-Gyllenband. Er wurde 1800 in Ludwigsburg geboren und 1831 zum königlich-württembergischen Oberförster in Sulz befördert.

Er bezog zuerst eine Wohnung in Holzhausen und hat den Gähnenden Stein zu einem Aussichtspunkt hergerichtet.

Im Jahre 1841 haben die Sulzer Bürger ihm zu Ehren einen Gedenkstein aufgestellt. Im Nebenamt wurde er 1836 Direktor der Sulzer Seidenfabrik, 1847 zum Kommandant der Sulzer Bürgerwehr und zum Vorsitzenden des landwirtschaftlichen Bezirksvereins gewählt. In den Revolutionswirren 1848 wurde Graf Kuno von Üxküll-Gyllenband zuerst auf dem Hohen Asperg eingesperrt, im November 1852 zum Revierförster degradiert und zum Forstamt Ensingen versetzt, obwohl er in den Gerichtsverhandlungen in Ludwigsburg freigesprochen wurde.

Vom Parkplatz der Holzhauser Panoramahalle sind es nur 200 bis 300 Meter bis zur Aussichtspunkt Gähnender Stein. Wanderfreudige Besucher können auch das Auto im Tal auf dem Parkplatz beim Friedhof abstellen und die Höhe zu Fuß erklimmen.

Wer nicht nur die Aussicht nach Sulz in das Neckartal genießen möchte, dem wird eine kleine Wanderung entlang des ausgeschilderten Wanderwegs "Durch Wald und Flur" vorbei am "Liebeswegle" empfohlen.

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