Dieser Brief verändert das Leben der Selmanajs. Foto: Cools

Behörden vermuten Scheinehe. Avdi Selmanaj und Ehefrau Brigitte hoffen auf Wunder.

Sulz - Ihre Liebe währt seit sieben Jahren, seit vier sind sie sogar verheiratet – Brigitte und Avdi Selmanaj sind glücklich miteinander. Nun kommt der Schlag ins Gesicht: Alles soll eine Lüge sein, eine Scheinehe, und Avdi soll in den Kosovo abgeschoben werden.

Brigitte Selmanaj zittern die Hände, wenn sie davon berichtet, was ihr und ihrem Mann in den vergangenen Tagen geschehen ist. Mit einem Mal scheint ihr Leben komplett aus den Angeln gehoben worden zu sein.

Vor wenigen Tagen erreichte sie ein Brief des Regierungspräsidiums Karlsruhe, Abteilung 8 – Asylrecht. "Sie werden aufgefordert, die Bundesrepublik Deutschland innerhalb von 14 Tagen nach Bekanntgabe dieser Verfügung zu verlassen", heißt es im Schreiben an ihren Mann Avdi. Und weiter: "Für den Fall, dass Sie Ihrer Ausreiseverpflichtung nicht innerhalb dieser Frist nachkommen, drohen wir Ihnen die Abschiebung nach Kosovo an." Sollte es dazu kommen, darf Avdi zwei Jahre lang nicht mehr nach Deutschland einreisen.

Das Ehepaar fiel aus allen Wolken. Schließlich lebt Avdi bereits seit etwa anderthalb Jahren in Sulz. Kennengelernt haben er und Brigitte sich vor sieben Jahren über das Internet. "Ich hab gern online Poker gespielt und er auch. Schließlich habe ich mir ein Herz gefasst und ihn angeschrieben", erzählt die 64-Jährige. Sie hätte es früher selbst nie für möglich gehalten, dass so etwas passieren könnte, meint sie.

Brigitte ließ alles zurück

2011 reiste sie das erste Mal in den Kosovo. Zwei Jahre später heiratete die Nordrhein-Westfälin den Kosovaren. Da kannten sie sich bereits drei Jahre und standen unablässig in Kontakt. "Wir lieben uns", beteuert Brigitte Selmanaj. Nie hätte sie gedacht, dass sie das eines Tages beweisen muss.

Anfang 2016 floh Avdi aus dem Kosovo nach Deutschland. Seine Familie lebt seit 20 Jahren in Sulz, sein Bruder betreibt dort ein beliebtes Restaurant. Bei ihm fand er Arbeit in der Küche.

Brigitte, die zuvor in Bielefeld gelebt hatte, ließ Freunde, Familie und Bekannte zurück und zog zu ihrem Ehemann und dessen mittlerweile 25-jährigen Tochter nach Sulz. Diese hat ein immer auf ein Jahr befristetes Arbeitsvisum.

Im Januar 2016 stellte Avdi seinen ersten Asylantrag. Der wurde abgelehnt, weil der Kosovo als sicheres Herkunftsland galt. Seitdem meldet er sich immer wieder im Abstand von einigen Monaten beim Landratsamt in Rottweil, um seine sogenannte Duldung zu erneuern. Bisher hatte das immer funktioniert.

Avdi machte alles, was man ihm auftrug, suchte Papiere zusammen und ließ sie von einem gerichtlich bestätigten Dolmetscher übersetzen. Den letzten Asylantrag habe sein Anwalt vor fünf Monaten gestellt, meint Avdi. Das alles spielte wohl keine Rolle.

Das Ehepaar wurde zum Ausländeramt gerufen und getrennt zu seiner Ehe befragt. "Die haben Avdi gefragt, wann mein Vater gestorben ist und warum nur ich einen Ehering trage. Dabei ist das aus finanziellen Gründen so", meint Brigitte Selmanaj verzweifelt. Für sie ist das Verfahren eine Farce.

Nerven liegen blank

Die Aufenthaltsgenehmigung wurde ihm verwährt. Der Grund: Eine Scheinehe soll vorliegen. "Wir haben Einspruch eingelegt. Ich bin nach Berlin gereist und musste mich dort einer weiteren Befragung ohne Avdi unterziehen. Ob das überhaupt legal war, bezweifel ich stark", erzählt Brigitte. Am Ergebnis änderte es nichts. Das Ehepaar hat einen Anwalt eingeschaltet und Klage gegen die Abschiebung eingelegt. "Unsere Nerven liegen blank. Wir streiten nur noch seit der Brief kam", sagt Brigitte Selmanaj mit bebender Stimme.

Was passiert, wenn Avdi tatsächlich abgeschoben wird, darüber ist das Ehepaar ratlos. Ohne ihren Mann kann Rentnerin Brigitte die Wohnung nicht halten. "Mit 566 Euro im Monat lässt es sich nur schwer leben", sagt sie. Ein Umzug in den Kosovo komme nicht in Frage. "Das geht allein von der ärztlichen Versorgung gar nicht", weiß sie.

Einst hat sie Unterschriften bei Familie und Bekannten gesammelt, damit Avdi endlich seine Aufenthaltserlaubnis erhält. Die Liste hat sie dem Landratsamt vorgelegt. Es spielte keine Rolle. "Sogar unser Altersunterschied wurde als Grund für die Vermutung einer Scheinehe angeführt. Wenn der Mann älter ist, ist alles in Ordnung. Aber bei einer älteren Frau wird man misstrauisch", meint sie mit einem bitteren Zug um den Mund.

Avdi kennt ihre ganze Familie, hat Brigitte in Zeiten der Freude und Trauer begleitet. Dass er den Todestag ihres Vaters nicht kannte, ist einer der Gründe, warum er sie in nur noch wenigen Tagen verlassen muss. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht.

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