Der Alkoholkonsum in Deutschland sinkt laut des aktuellen „Jahrbuchs Sucht“. Miriam Taeger äußert sich dazu, ob sich der Trend auch in der Ortenau bemerkbar macht.
Miriam Taeger von der AGJ-Suchthilfe Ortenau berichtet im Gespräch mit unserer Redaktion, ob sich die positiven Entwicklungen auch in der Region niederschlagen und wo die Verantwortung der Gesellschaft und jedem Einzelnen liegt.
Laut aktuellen Studien verzichten immer mehr junge Menschen auf Alkohol. Macht sich das auch bei Ihrer Arbeit bemerkbar?
Das werden wir in den kommenden Jahren sehen: Eine Alkoholabhängigkeit entwickelt sich in der Regel über eine lange Zeit. Zugleich gibt es einen Anstieg bei anderen Süchten, etwa internetbezogenen Verhaltenssüchten oder bezüglich Social Media. Die Suchtprävention muss also dringend weiter ausgebaut werden.
Und der Alkohol?
Die meisten Jugendlichen lernen, mit Alkohol gut umzugehen. Auf die, die hier Schwierigkeiten haben, müssen wir besonders achten, etwa als Freunde und Eltern, wenn nötig mit professioneller Hilfe. Hier spielt das Modell der Eltern oder anderer Erwachsener eine zentrale Rolle.
Apropos Vorbild, welche Rolle spielen Amtsträger, wenn sie Alkohol bei Festen per Fassanstich „freigeben“?
Feiern und Trinken sind für viele Menschen untrennbar miteinander verbunden, das ist bei uns auch kulturell sehr verankert. So sehr, dass der Alkoholkonsum und dessen Risiken allgemein viel zu wenig reflektiert und hinterfragt werden. Ein paarmal im Jahr bei bestimmten Anlässen ein Glas zu viel zu trinken, ist punktuell ungesund und viele Unfälle oder auch Straftaten passieren unter Alkoholeinfluss. Aber was eine potenzielle Suchtentwicklung betrifft, ist die Regelmäßigkeit des Konsums das wirklich Gefährliche. Nicht nur der Bürgermeister beim Fassanstich, sondern wir alle können mit unseren Worten und Taten dazu beitragen, hier aufmerksamer zu sein und zum Nachdenken anzuregen.
Und die vielen positiven Zuschreibungen?
Ja, die gibt es natürlich: Alkohol entspannt, macht lustig, locker und so weiter. Dass dies von vielen Menschen nicht hinterfragt wird, führt dazu, dass in Deutschland etwa jeder und jede achte einen riskanten Alkoholkonsum praktiziert, das heißt insgesamt zu viel, zu regelmäßig und ohne Risikobewusstsein trinkt. Das ist der Boden, auf dem Sucht entstehen kann – das betrifft 2,2 Millionen Menschen.
Erhöhen alkoholzentrierte Feste nicht das Rückfallrisiko von Menschen mit Suchterkrankung?
Wer eine Suchterkrankung bewältigt hat und nun abstinent lebt, ist in unserer Gesellschaft ständig mit Alkohol konfrontiert und muss damit einen Umgang finden. Welche Situationen eine Rückfallgefahr darstellen, ist sehr individuell. Für viele ist es sinnvoll, solche Feste zu meiden. Wer bei so einem Fest schon einmal nicht getrunken hat und dann von vielen Angetrunkenen umgeben war, weiß, dass das nicht so angenehm ist.
Und dann kommt womöglich noch der Gruppendruck dazu ...
Was ich persönlich besonders schlimm finde ist, wenn Menschen, die aus irgendwelchen Gründen keinen Alkohol trinken möchten, regelrecht bedrängt werden, mitzutrinken. Trinken wird als normal gesehen, für Nicht-Trinken muss man sich rechtfertigen? Da ist doch etwas verkehrt.
Braucht es aus Ihrer Sicht neue Formen von Festkultur ohne Alkohol im Zentrum?
Es gibt, außerhalb von Bier- und Weinfesten, viele Feste, bei denen Alkohol nicht im Zentrum steht. In den letzten Jahren gibt es immer mehr Auswahl an alkoholfreien Getränken. Das zeigt, dass immer mehr Menschen das wollen und genießen, vielleicht auch gesundheitsbewusster sind als früher. Meine Hoffnung ist, dass daraus auch weitere, kreative und erfüllende Formen der Festkultur entstehen.
Suchthilfenetz
Das Ortenauer Suchthilfenetz ist ein Zusammenschluss aller Einrichtungen, Institutionen und Gruppen, die im Kreis in der Suchthilfe zusammenarbeiten. Auf der deren Webseite auf suchthilfenetzwerk.ortenaukreis.de gibt es Informationen und Orientierung über verschiedene Hilfsmöglichkeiten. Unter anderem finden sich dort auch Ansprechpartner für unterschiedliche Anliegen.