Foto: Kunstmuseum Stuttgart/Gerald Ulmann

Am 16. Juni eröffnet das Kunstmuseum Stuttgart eine große Schau zum Werk des Praemium Imperiale-Preisträgers Wolfgang Laib. Wie erlebten Direktorin Ulrike Groos und Kuratorin Anne Vieth die Vorbereitungen?

Das Kunstmuseum Stuttgart kontert das Tempo und die Lautstärke der Festivalzeit mit einem der Stille und der Konzentration verpflichteten Projekt: Die Ausstellung „Wolfgang Laib. The Beginning of Something Else“ will auf ganz eigene Weise dem Werk des in Oberschwaben, in Südindien und in Manhattan lebenden und arbeitenden Weltkünstlers Wolfgang Laib nachspüren. Mit welchen Mitteln? Kunstmuseumsdirektorin Ulrike Groos und Kuratorin Anne Vieth geben Einblicke.

 

Frau Groos, eben wähnten wir uns im Kunstmuseum Stuttgart mit der Schau „Shift. KI und eine zukünftige Gemeinschaft“ noch weit in der Zukunft, nun soll uns mit Wolfgang Laib die große Stille locken. Sind Gegensätze Programm im Kunstmuseum?

Ulrike Groos: Die Besonderheit unserer Ausstellungen ist, dass wir seit Jahren selber die Konzepte entwickeln – wir sind Ideengeber und Produzenten der Ausstellungen, die dann oft von anderen Museen übernommen werden. Die abwechslungsreichen Inhalte kennen Sie: ob Eat Art, Rasterfahndung, Kunst und Jazz, Ekstase, Stammheim, Vertigo, Otto Dix und die neue Sachlichkeit, Michel Majerus, Willi Baumeister, Candice Breitz, Reinhold Nägele, Gego, Ragnar Kjartansson, Tobias Rehberger und viele mehr. Sie entsprechen dem Charakter der Museumssammlung und zeigen eine mögliche Bandbreite der Kunst des 19. bis 21. Jahrhunderts anhand von renommierten und unbekannten, jungen und älteren Künstler:innen.

Das klingt vor allem nach erfolgreicher Teamarbeit.

Wir wollen immer wieder die eigene Geschichte reflektieren, die Region stärken und ins nationale, ja internationale Bewusstsein rücken. Wichtig ist uns dabei die Mischung: historische Komponenten wechseln mit zeitgenössischer Kunst, Klassiker- mit Newcomer-Ausstellungen. Und ja – meine Mitarbeiter:innen mit ihrem jeweiligen Wissen und ihren Netzwerken ermöglichen diese vielen unterschiedlichen Ansätze.

Wolfgang Laib 2013 im Museum of Modern Art in New York Foto: Wolfgang Laib

Nun also Wolfgang Laib. Ein Künstler, der mit Naturmaterialien arbeitet. Zum Beispiel mit Blütenstaub. Welche Herausforderungen sind damit verbunden?

Anne Vieth: Im Falle des Blütenstaubs liegen die Herausforderungen zunächst einmal beim Künstler. Denn er kann jährlich nur für kurze Zeit den Pollen von Löwenzahn, Kiefer und Haselnuss sammeln. Wir haben in der Vorbereitung der Ausstellung hin und wieder die Nachricht erhalten, dass Wolfgang Laib erst am Nachmittag erreichbar ist, da es sich um einen perfekten Tag zum Sammeln von Blütenstaub oder zum Bearbeiten seiner Skulpturen aus Wachs handelte. Dies hat deutlich gemacht, wie sehr der Künstler in seinen Arbeitsprozessen im Einklang mit der Natur agiert.

Und auch wie sehr ein Museum darauf reagieren muss?

Für uns als Museum bedeutet der Umgang mit Naturmaterialien eine äußerst behutsame Handhabung der Kunstwerke, und das nicht nur beim Aufbau, sondern für die gesamte Laufzeit der Ausstellung. Das Reinigen der Räume bedarf zum Beispiel besonderer Vorsicht, aber unsere erfahrenen Kolleg:innen sind hier bestens vorbereitet.

Wolfgang Laib bei der Arbeit an einem Milchstein, 2017 in Lugano Foto: Masi

Eigentlich ist die Kunst von Wolfgang Laib ja immer ein zentrales Gewicht im Kunstmuseum Stuttgart. Seit der Eröffnung des Neubaus 2005 ist Wolfgang Laibs „Wachsraum“ ein Ankerpunkt in der Sammlung wie für das Museum an sich. Was macht dieses Werk für Sie aus?

Ulrike Groos: Als ich 2010 ans Kunstmuseum kam, freute ich mich als Laib-Fan, nicht nur etliche seiner Werke in der Museumssammlung vorzufinden, sondern mit dem Wachsraum auch eine dauerhafte und für diesen Ort konzipierte Arbeit zu beherbergen. Sie besteht aus einem länglichen schmalen Raum, der vollständig mit Bienenwachs und lediglich einer Glühbirne ausgestattet ist und nach Honig duftet. Immer wieder gehe ich in diesen Raum, tauche ein in seine sinnliche, stille Atmosphäre, bis ich Teil der Arbeit werde.

Anne Vieth verabschiedet sich mit der Ausstellung zu Wolfgang Laib vom Kunstmuseum Stuttgart Foto: Mercedes-Benz AG/

Das bringt uns vielleicht auf den Titel der Ausstellung. Was meint dieser genau für Sie?

Anne Vieth: Den Titel der Ausstellung, „The Beginning of Something Else“, hat Wolfgang Laib vorgeschlagen. Und wir fanden ihn mit Blick auf den Dreiklang unserer Zusammenarbeit – Ausstellung / Dokumentarfilm / Publikation – passend. Der Künstler wählt häufig englische Titel, da er viel im englischsprachigen Raum arbeitet und ausstellt. Er lebt mit seiner US-amerikanischen Frau Carolyn Laib in Oberschwaben, in New York und in Indien.

Wolfgang Laib galt in den 1980er und frühen 1990er Jahren als stiller Star der internationalen Kunstszene. Der später öffentliche Ruhm gipfelte 2015 im Nobelpreis der Künste, im Praemium Imperiale. Wie sehen Sie seine Position heute?

Ulrike Groos: Wolfgang Laib ist für mich nach wie vor einer der interessantesten und wichtigsten Künstler der Gegenwart. Sein Denken und Schaffen stellt seit Ende der 1970er-Jahre Fragen an unser Sein und Handeln als Teil fragiler Lebensräume und könnte darin nicht aktueller sein. Seine feinsinnigen Werke entstehen im Austausch mit der Natur und im Einklang mit den Jahreszeiten. Deshalb sind seine Werke heute so gegenwärtig wie 1982, als er Deutschland auf der Biennale Venedig vertrat und an der Documenta 7 teilnahm.

Wolfgang Laib, Chiesa delle Penitenti Fondamenta Cannaregio, Venedig 2019 Foto: SW

Seitdem hat Wolfgang Laib auf der ganzen Welt ausgestellt ...

Ulrike Groos: Ja, das Museum of Modern Art in New York zeigte 2013 ein beeindruckendes Blütenstaubfeld, große Ausstellungen von Laib tourten durch die USA und fanden in Museen in Japan und Korea statt, auch in Saudi-Arabien und Myanmar. Die Fondation Beyeler widmete sich seinem Werk 2005, die Museen in Lugano und Chur in den letzten Jahren. Verdientermaßen wurde er 2015 mit dem wichtigen Kunstpreis Praemium Imperiale für Skulptur in Tokio ausgezeichnet.

Auffällig ist das Interesse Laibs an einer Art räumlichem Gegenentwurf. Wie sehen Sie das?

Ulrike Groos: Historische Orte und besondere Museumsarchitekturen sprechen Wolfgang Laib besonders an: 1999 schuf er eine unvergessliche Ausstellung im Kunsthaus Bregenz, in den letzten Jahrzehnten stellte er seine Arbeiten immer wieder in Basiliken und Kirchen in Italien aus, zuletzt 2019 in Florenz. Wir fühlen uns deshalb geehrt, dass, nach früheren Ausstellungen, etwa 2002 im Haus der Kunst in München und in seinen deutschen Galerien in Berlin und Düsseldorf, das Kunstmuseum Stuttgart nun erneut eine große Überblicksausstellung in Deutschland präsentiert, die in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler entstanden ist.

Wolfgang Laib im Kunstmuseum Stuttgart

Die Ausstellung
Sei es das Sammeln des Blütenstaubs für seine minimalistischen, leuchtend gelben Bodenarbeiten oder die langwierige Bearbeitung seiner Skulpturen aus Bienenwachs – der Respekt gegenüber der Natur ist die treibende Kraft des Künstlers Wolfgang Laib. Das Kunstmuseum Stuttgart zeigt von 17. Juni an bis zum 5. November Arbeiten der wichtigsten Werkkomplexe aus allen Schaffensphasen, unter anderem Laibs „Reishäuser und Zikkurats“, eine Auswahl von Zeichnungen sowie ein Blütenstaubfeld. Auch die jüngsten Werke, die „Türme des Schweigens“, sind Teil der Präsentation. Eröffnet wird „Wolfgang Laib. The Beginning of Something Else“ am 16. Juni um 19 Uhr.

Der Film
Wolfgang Laib wurde 1950 in Metzingen geboren und hat seit über 30 Jahren seinen Lebensmittelpunkt in der Nähe von Biberach. Erstmalig begleitet ein Film den Künstler bei seiner Arbeit in Oberschwaben und auf seinem Zweitwohnsitz in Südindien. Zu sehen ist der Film „Wolfgang Laib – Here, now and far beyond“ von Maria Anna Tappeiner ab 20. Juli 2023 im Kunstmuseum Stuttgart, als Premiere am 17. Juli um 19 Uhr in der Rathauspassage Stuttgart im Rahmen des Sommerfestivals des Vereins Haus für Film und Medien Stuttgart.

Das Buch
Das Katalogbuch zur Ausstellung wird als Künstlerbuch angekündigt – „Wolfgang Laib“, heißt es zu der Publikation, „führt darin Texte und Bilder zusammen, die für sein Denken und Schaffen von besonderer Bedeutung sind“. Der Band erscheint im Hirmer Verlag und kostet in der Ausstellung 37 Euro.