Ursula Röhm überlebte als Kind einer sogenannten Mischehe in Rexingen das Nazi-Regime. Sie kann von vielen prominenten Stuttgartern erzählen, die dort ebenfalls Schutz fanden.
„Rexingen, das war für mich wie ein Kleinod“, sagt Ursula Röhm. Das Dorf bei Horb, das war für sie der Brunnen vor dem Haus und die Obstbäume dahinter. Das war das Wiesle, zu dem kaum jemand hinkam, weil es so versteckt lag. „Da haben wir alle Sonntage und Feiertage verbracht.“ Das Kind Ursula erlebte dort eine glückliche Kindheit. Die Erinnerung daran ist noch lebendig. „Ist doch toll, dass ich mir das so bewahren konnte“, sagt die erwachsene Ursula Röhm, wenn sie von den Jahren zwischen ihrer Geburt 1937 und dem Ende des NS-Staates 1945 spricht.
Jüdische Wurzeln
Dort in Rexingen, im Haus der Familie in der Geißgasse 7, verbrachte sie ihre Kindheit, bis sie mit Mutter und Schwestern nach 1945 in den Stuttgarter Westen in die Rosenbergstraße zurückkehrte und Ursula ins Olgastift zur Schule ging. Ihre Erinnerung setzt zwangsläufig erst nach der Zerstörung der Synagoge 1938 ein. „Die jüdischen Wurzeln gehören zu meiner Identität“, sagt sie. Auch wenn sie sich selbst nicht mehr dem Judentum zurechnet. Zu ihrer Lebensgeschichte gehört es untrennbar.
Die Erwachsenen verschwinden
Freilich gab es in Ursulas Kindheit Rätsel wie in jedem Kinderleben. Die Kleinen begreifen die Worte der Erwachsenen nicht oder können ihnen keine Bedeutung zuordnen. Und was es hieß, wenn die Großen sagten, dass die Nachbarn oder auch Verwandte „fortgekommen sind“, verstand das Mädchen Ursula ebenso wenig wie, was es mit Palästina oder Amerika auf sich hatte. Die Erwachsenen im Dorf, die ihre Locken bewunderten und Scherze mit ihr machten, waren verschwunden, bevor das Kind die einzelnen Menschen richtig voneinander unterscheiden konnte.
Auch begriff sie damals nicht, welche Kraft ihre Mutter aufbringen musste, um ihre drei Töchter durch die Zeit des Naziregimes zu bringen. Das ist Ursula Röhm erst bewusst geworden, seit sie die Puzzlestücke ihrer Kindheit versucht zusammenzusetzen – und neben anderem in Wiedergutmachungsakten gelesen und immer wieder das alte Fotoalbum ihrer Mutter durchforstet hat. Zumal Rexingen, ihr Zufluchtsort, ein besonderer Ort war. Dort gab es lange eine große jüdische Gemeinde. Ein Teil davon wanderte 1938 gemeinsam ins damalige Palästina aus und gründete dort die Siedlung Shave Zion. Heute ist Shave Zion eine der Partnerstädte von Stuttgart.
Lange hat Ursula Röhm nicht an diesen Erinnerungen rühren wollen. „Ich habe mich geschämt, dass wir eine Familie waren, die man vernichten konnte“. Verwandte aus ihrem engsten Umfeld wie die jüdische Oma Auguste Eppstein wurden ermordet. Der Onkel Rudolf deportiert, überlebte dann 42 Monate im Konzentrationslager Riga, um doch völlig geschwächt kurz nach seiner Befreiung an Typhus zu sterben.
Rexingen als Dreh- und Angelpunkt
Die anderen konnten von ihrem Vater erzählen, der gefallen ist. In dem Bändchen „Das hügelige Dorf“ berichtet sie nun von ihren Kindheitserlebnissen und wie sie sich auf Erkundungsreisen in die Familiengeschichte ins lettische Riga, in die USA, nach Israel und nach Rexingen begeben hat. Die zurückliegenden drei Jahrzehnte ihres Lebens stehen unter der Beschäftigung mit diesem Lebensthema.
Röhm, damals noch Zischkau, geboren 1937 in der Hoppenlau-Klinik in Stuttgart, war das Kind einer zur Glaubensgemeinschaft der Christlichen Wissenschaft konvertierten Jüdin und „eines Ariers“, wie Ursula Röhm es heute zugespitzt sagt. Sie ist die jüngste der drei Töchter des Paares. Kurt Zischkau, der Ehemann und Vater, war nur sporadisch bei seiner Familie. Aber der Nicht-Jude war die Lebensversicherung aller.
Sehnsucht nach dem Vater
Sogenannte Mischehen, wie die Nationalsozialisten Ehen zwischen Juden und Nicht-Juden nannten, blieben – zumindest bis Anfang 1945 – von der Deportation verschont. Vor der Angst, dass sich dieser Schutz jederzeit in Luft auflösen könnte, verschonte dieser Status jedoch nicht. Durch Tod des Ehepartners oder durch Scheidung. Oder durch Willkür. Dass die Ehe ihrer Eltern schon bei ihrer Geburt nur noch auf dem Papier bestand, wusste das Kind nicht. Sie hatte Sehnsucht nach dem Vater und den Momenten, in denen er wieder in Rexingen auftauchte. „Ich hab mich so bemüht, von ihm geliebt zu werden“, sagt die 88-Jährige. Ihrem Gefühl nach gelang ihr das nicht.
Liebe bekommt sie stattdessen von ihrer Mutter Hilda. „Meine Mutter war eine ganz starke Frau. Sie war immer für andere da.“ Kurz vor Kriegsende sollte jedoch auch die Mutter deportiert werden. Sie schaffte es offenbar durch Verbindungen und ihre Überzeugungskraft, vor diesem Schicksal bewahrt zu werden. Vielleicht war es auch nur Glück. Sie und ihre Töchter erlebten die Befreiung durch französische Truppen in Rexingen, ihrem Heimat- und Zufluchtsort.
Immer wieder quartierten sich in den Jahren davor für einige Zeit in der Geißgasse andere Ehepaare aus Stuttgart ein. Einer, der sich in Wiedergutmachungsangelegenheiten nach 1945 einen Namen gemacht hat, vorher jedoch von den Nazis als jüdischer Rechtsanwalt zum Konsulenten degradiert worden ist, war Benno Ostertag. Mit seiner Frau wohnte er bei ihnen, so Ursula Röhms Erinnerungen. „Rechtsanwalt, das war für uns gleichbedeutend mit König oder Kaiser“, erzählt sie. Der Respekt war groß. Als sei es gerade erst geschehen, erinnert sie sich an einen weiteren Logiergast, den Direktor der Deutschen Linoleumwerke „Doktor Heilner“. Und sie erinnert sich, wie ihre Schwestern die Maronen, die er auf dem Herd rösten wollte, aufgegessen haben. „Wir kannten Kastanien ja bisher nur als etwas, mit dem wir gespielt haben“, sagt sie. Von Richard Heilner bekommen sie nach seinem Verschwinden Postkarten, deren Absendeort Theresienstadt sie mühsam entziffern muss. Dass dort ein Konzentrationslager war, wussten die Mädchen zu diesem Zeitpunkt nicht.
Logiergäste aus Stuttgart
Auch Klara Lehrs fand Unterkunft in Rexingen. Ein Stolperstein erinnert im Stuttgarter Osten an sie. Die Lehrerin an der Waldorfschule konnte zwar 20 teilweise schwer behinderte Kinder vor der Ermordung retten. Sie selbst wurde jedoch im August 1942 nach Theresienstadt und dann später in ein anderes Vernichtungslager deportiert. Ursula Röhm erinnert sich auch an Eve-Dorothee Lahusen aus dem antroposophischen Umfeld der Waldorfschule Stuttgart. Ihr gelang es unterzutauchen. Und dann sind da auch Else und Josef Eberle. Else, die jüdische Schulfreundin der Mutter, selbst aus Rexingen, und der spätere Herausgeber und Chefredakteur der Stuttgarter Zeitung. Else Eberle und Ursulas Mutter bleiben zeitlebens Freundinnen. Nach 1945 revanchieren sich die Eberles und unterstützen die Familie mit Nahrungsmitteln.
Immer wieder hat Ursula Röhm in den vergangenen Jahren aus ihrem Manuskript gelesen. Ihr Plan: Sie will weiter in Schulen mit jungen Menschen sprechen. „Wehret den Anfängen“, so ihre Botschaft. Ihre Überzeugung: Wenn nicht so viele Leute die NSDAP gewählt hätten, wäre aus der Demokratie keine Diktatur geworden.
Veranstaltung
Am Sonntag, 7. September, 17 Uhr, stellt Ursula Röhm ihr Buch in der Ehemaligen Synagoge, Freudenstädter Str. 16, Rexingen vor. Der Rundfunksprecher Peter Binder liest Passagen aus dem Text. Der Eintritt ist frei.
Buch
Die Erinnerungen von Ursula Röhm sind unter dem Titel „Das hügelige Dorf“ im Barbara Staudacher-Verlag, Horb-Rexingen, erschienen. Es kostet 12 Euro.