Foto: Kraufmann/Thomas Hörner

In der Wilhelma durfte Wilbär - Eisbär, Publikumsliebling und Ex-Stuttgarter - nicht auf arktisches Klima hoffen. Eis und Schnee zaubern eine Atmosphäre der Stille in den Zoo, die weder Besucher noch Tiere kalt lässt.

Stuttgart - In der Wilhelma durfte Wilbär - Eisbär, Publikumsliebling und Ex-Stuttgarter - nicht auf arktisches Klima hoffen. Doch er hat sich zu früh gen Schweden verabschiedet, denn den Januar 2010 hätte er genossen. Eis und Schnee zaubern eine Atmosphäre der Stille in den Zoo, die weder Besucher noch Tiere kalt lässt.

Ab minus sieben Grad Celsius knirsche der Schnee unter den Schuhen, hat kürzlich ein Meteorologe via TV-Bildschirm verbreitet. Hinter dem Kassenpavillon knirscht nur das Splitschneegemisch zwischen Asphalt und Sohlen. Die Wege in der Wilhelma sind vorbildlich präpariert. Geht doch, würden all jene konstatieren, die dieser Tage kein gutes Haar am städtischen Winterdienst gelassen haben. Der Zoo macht's vor. Ins Knarzgeräusch mischt sich ein entferntes Blöcken, Kreischen und Knurren. Dafür verliert sich der Lärm der Laster auf Prag- und Neckartalstraße zusehends. Rascher als sonst, hat man das Gefühl. Der Schnee schluckt den Schall - das schiefe Bild des Volksmunds kommt der Winterwirklichkeit der Wilhelma recht nahe.

Stille und starr ruht der Mineralwasserteich der Flamingos. Noch in Sichtweite der Hauptkasse entpuppt sich die Wilhelma winters als eine Oase der Ruhe, die die dünnbeinigen Vögel nicht durch allzu viel Gestakse im lauen Wasser der Mombachquelle stören. In ihr Rosa mischen sich zwei weiße Tupfer: Frei lebenden Störche im Schnee - sieht man nicht alle Tage. Offenbar hat sich herumgesprochen, dass bei den Flamingos ein 15 Grad warmes Fußbad wartet.

Die Seelöwen gleiten durchs warme Cannstatter Sauerwasser, schnappen abwechselnd nach den Fischen, die ihnen Pflegerin Beate Jarczewski entgegenwirft. "Wenn es so kalt ist fressen die Tiere dreimal soviel wie üblich." Abgesehen von einer Mama mit Kinderwagen, einem Paar mittleren Alters und einem Hobbyfotografen findet die mittägliche Fütterung unter Ausschluss der Öffentlichkeit und daher ohne Kunststücke statt.

Von Zeit zu Zeit zwängen sich Sonnenstrahlen durch den bedeckten Stuttgarter Himmel. Die Wärme bleibt dabei auf der Strecke. Kein Wetter für Seelöwenmüßiggang auf den Klippen des Bassins. Drinnen lässt sich's besser aushalten. Auch die manch andere sind bei Minusgraden Stubenhocker. Die Drills gucken missmutig durch die Lucke nach draußen, ein Teil der Gibbons und die Dscheladas lassen sich erst gar nicht blicken. Anders die Makaken, die abwechselndes Kuscheln und Toben im Schnee samt Schneeballschlacht klasse finden. Letzteres "ist ihnen nach ein paar Tagen zu langweilig geworden," sagt Marion Gosel. Mit einer Wanne Schnee in der Aufzuchtstation hat auch Gorilla-Ersatzmama Elke Kastner ihre Schützlinge überraschen wollen. Die weiße Masse hat neugierig gemacht, letztlich war das Spielen mit den Kristallen eine einseitige Angelegenheit. Kalte Luft und Schnee - kann, muss aber nicht sein, lautet offenbar die Devise.

Natürlich, die Eisbären Anton und Corinna, die Schneeziegen und die Schneeleoparden führen ihre Präferenz bereits im Namen. Das Gepardenpaar Tama und Twist macht sich hingegen rar. Daher weiter zu den Elefanten, die mit ihren Rüsseln den Schnee zuweilen gerne zu Kugeln formen. Aber nicht zum gegenseitigen bewerfen. Molly, Pama und Zella stopfen sich den Schnee lieber ins Maul. Vilja fehlt. Für die Grande Dame der Wilhelma-Elefanten ist stapfen durch den Schnee tabu. "Zu glatt, zu gefährlich", sagt Pfleger Markus Koch. Mit über 60 Jahren zu wackelig auf den Beinen sei das Risiko eines Sturzes - womöglich in den Graben - zu groß.

Es beginnt zu schneien, was Viljas Artgenossinnen nicht die Bohne kümmert. Elefanten wirken immer, als lächelten sie. Der Winterausflug lässt Pama, Molly und Zella geradezu grinsen, könnte man meinen. Kalte Füße haben sie jedenfalls noch nicht bekommen. Die Flocken von oben machen neugierig. Denn auch Gepard Twist wagt sich ins Freie. Runde um Runde streichelt er mit seinen Pfoten die weiße Unterlage, bis es ihn an den Krallen friert.

Wird es ihnen zu kalt, verziehen sich viele Tiere von sich aus ins Warme. Eine Ausnahme bilden dabei die exotischen Vögel, sagt Wilhelma-Sprecherin Karin Herzog. Die meisten Volieren oberhalb des maurischen Landhauses sind daher leer. Nur die Papageien krächzen die wenigen Passanten an. Sie sind intelligent genug, sich bei Bedarf zurückzuziehen.

Im Maurischen Garten wird der Winterausflug in die Wilhelma endgültig zur meditativen Exkursion. Kein Kindergequengel unterbricht das Plätschern am Seerosenteich ohne Seerosen. Sohlen knirschen. Es klingt wie Musik, zu der die Flocken tanzen.

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