Stuttgarter Unternehmerin Schülke „Meine Mutter hat mich gewarnt, mich selbstständig zu machen“

Daniel Gräfe
Smilla Schülke verkauft in ihrem Geschäft Mode und Wohnaccessoires wie außergewöhnliche Vasen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/KI/Midjourney/Sebastian Ruckaberle

Smilla Schülke (27) führt in Stuttgart zwei Geschäfte. Sie arbeitet länger und verdient weniger als ihre Bekannten in den Konzernen. Dennoch ist Unternehmerin zu sein ihre Berufung.

Unternehmerin zu sein, ist bei der Stuttgarterin Smilla Schülke (27) eine Entscheidung fürs Leben – und für lange Arbeitszeiten. Wenn ihre Bekannten Feierabend machen, steht sie noch in ihrem Laden. Schülke gehört wie ihre Freunde und Bekannten der Generation Z an – Menschen, die zwischen 1997 und 2012 geboren wurden. Arbeitet Schülke zu viel oder arbeiten die anderen zu wenig? Und was denkt sie über die Vorurteile älterer Generationen? Wir haben uns mit ihr lange unterhalten – und ihre Antworten als Protokoll in der Ich-Form wiedergegeben.

 

„Ich heiße Smilla Schülke und bin in einer Einzelhandelsfamilie großgeworden, schon als kleines Kind nahm mich meine Mutter in ihren Laden mit. Handel liegt mir wahrscheinlich im Blut. Meine Mutter hat mich gewarnt, mich selbstständig zu machen – natürlich habe ich es trotzdem getan.

Erster Laden 2020 gegründet

Mit 18 Jahren habe ich in Nagold Textilmanagement studiert und anschließend in einem großen Unternehmen in Düsseldorf im Einkauf gearbeitet. Dort konnte ich internationale Lieferketten, Projektstrukturen und eine stark leistungsorientierte Arbeitskultur kennenlernen.

2020 habe ich im Stuttgarter Westen meinen eigenen Laden Smilhus gegründet, kurz vor der Pandemie. Mehrfach musste ich schließen, Konzepte anpassen und wirtschaftliche Risiken tragen. Diese Jahre haben mich stark geprägt. Inzwischen bin näher zur Innenstadt umgezogen. Das Konzept – skandinavische Mode, Wohnaccessoires und Möbel – ist geblieben.

„Ich arbeite also da, wo ich schon als Kind gespielt habe“

Vergangenes Jahr habe ich auch das Smilhus Studio eröffnet. Dafür vermiete ich einen Teil meines Lagers als Fotostudio und biete Strick-, Stick- und Häkelworkshops an. Die Kurse laufen gut an, viele suchen nach etwas Entschleunigung. Im vergangenen Jahr bin ich auch in das Geschäft meiner Mutter in Meersburg am Bodensee eingestiegen. Wir führen jetzt gemeinsam den Laden – ich arbeite also da, wo ich schon als Kind gespielt habe. Nur, dass ich inzwischen dreifache Geschäftsführerin bin.

Ich arbeite rund 60 Stunden die Woche. In den Läden in Meersburg und Stuttgart übernehme ich den Einkauf, kümmere mich ums Personal und die Warenpräsentation. In Meersburg bin ich tageweise im Laden und dem dazugehörigen Café. Die andere Zeit bin ich in Stuttgart täglich auf der Fläche, wie wir sagen – meine Aufgaben als Geschäftsführerin kommen obendrauf.

Smilla Schülke in ihrem Stuttgarter Laden Smilhus. Foto: Leif Piechowski/Lichtgut

Das würde ich natürlich anders gestalten, wenn es die wirtschaftliche Lage zuließe. Steigende Kosten, zurückhaltender Konsum und die Konkurrenz durch den Onlinehandel setzen viele kleine Läden unter Druck. Wirtschaftlich ist es für viele von uns derzeit kaum anders möglich, als selbst stark präsent zu sein.

Viele meiner Bekannten und Freunde sind in Konzernen beschäftigt – das ist eine andere Arbeitsrealität. Sie arbeiten teils 35 Stunden die Woche, verdienen aber viel mehr als ich. Das ist eine andere Welt, in der man an Homeoffice-Tagen in der Mittagspause auch mal die Wäsche waschen kann. Ich würde gerne mehr von zu Hause arbeiten und zusätzlich Personal einstellen – das kann ich mir aber nicht leisten.

Arbeit ist Teil ihrer Identität

Für mich ist das kein Anlass für Neid. Im Gegenteil, ich gönne es jedem von Herzen, sich selbst zu priorisieren und stabile Rahmenbedingungen zu haben. Ich habe mich bewusst für einen anderen Weg entschieden. Ich lebe nicht nur für die Arbeit, aber Arbeit ist auch Teil meiner Identität. Vielleicht fehlt das manchen meiner Generation. Gleichzeitig ist mir wichtig, den Bezug zu anderen Arbeitsrealitäten nicht zu verlieren. In Medizin, Pflege, Einzelhandel, Gastronomie und vielen weiteren Bereichen arbeiten Menschen tagtäglich sehr viel und oft unter hoher Verantwortung.

Eine Freundin hat jüngst die Arbeitszeit reduziert, weil der Druck so groß war. Unsere Generation achtet vielleicht mehr auf sich. Aber ich verstehe auch, wenn manche sagen, dass sie weniger belastbar ist als Generationen vor ihr. Vielleicht sind manche erschöpft, weil es in der Welt so viele Konflikte gibt.

Ein Haus zu kaufen, können wir uns nicht leisten, sagt Schülke

Gerade deshalb halte ich pauschale Urteile darüber, meine Generation arbeite zu wenig, für zu kurz gedacht. Arbeitsrealitäten, Belastbarkeit und Prioritäten unterscheiden sich. Auch ich achte inzwischen stärker auf meine mentale Gesundheit, seitdem ich vor rund einem Jahr einen kleinen Burnout hatte. Ich möchte auch langfristige leistungsfähig sein und Verantwortung tragen.

Und schaffe, schaffe Häusle bauen? Auch in meiner Generation arbeiten wir viel, leisten können wir uns das Haus dennoch nicht, falls wir nicht geerbt haben. Da verstehe ich, dass viele einfach ein bisschen weniger arbeiten und die Zeit anders nutzen, für Freunde, Familie oder für Reisen.

Natürlich könnte ich als Angestellte eine bessere Work-Life-Balance haben, aber ich bin nicht der Typ Mensch dafür. Ich liebe meine Arbeit und das Gefühl, meine eigene Chefin zu sein. Ich mache das, was mir Spaß macht. Ich möchte nicht nur für meine Miete arbeiten, meine Arbeit muss Sinn machen – da ticke ich wohl wie viele in meiner Generation.“

Unternehmensgründungen von Frauen

Gründungen
Laut dem aktuellen Gründungsmonitor 2025 der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) haben 2024 zu 36 Prozent Frauen neue Unternehmen gegründet. Der Anteil entspricht ungefähr den Gründungen im Einzelhandel.

Unterschiede
Im Vergleich zu Männern gründen Frauen Unternehmen häufiger allein und häufiger im Nebenerwerb. Studien legen nahe, dass Frauen wegen einer geplanten Familiengründung und einer etwas geringeren Risikoaffinität häufiger erst ab Mitte 30 Unternehmen gründen.