Porsche-Chef Michael Leiters greift zu harten Sparmaßnahmen. Foto: Marijan Murat/dpa

Gewinneinbruch, schwache Verkäufe, teure Strukturen: Porsche steckt tief in der Krise. Michael Leiters reagiert mit Härte – und räumt mit dem Erbe Oliver Blumes auf.

 „Die Batteriezelle“, sagte Oliver Blume, „ist der Verbrennungsraum der Zukunft“. Mit der neuen Porsche-Tochtergesellschaft Cellforce gelte es, „uns im globalen Wettbewerb bei der Entwicklung der leistungsstärksten Batteriezelle an die Spitze zu setzen“. So gestalte man „die Zukunft des Sportwagens“.

 

Gerade einmal fünf Jahre ist es her, dass der damalige Porsche-Chef im Beisein des damaligen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann feierlich bekanntgab, dass die Porsche-Tochter eine Fabrik für Hochleistungsbatteriezellen baut, wie man sie am Markt ihresgleichen sucht. Diese sollten genug Leistung liefern, um geplante elektrische Supersportwagen aus Zuffenhausen mit maximaler Beschleunigung nach vorn zu katapultieren.

Oliver Blume führte Porsche jahrelang von Rekord zu Rekord. Dann ging es steil abwärts. Foto: Marijan Murat/dpa

Cellforce ist nun Geschichte. Bereits im vergangenen Jahr zog Blume die Notbremse und stellte die Produktion ein. Nur eine kleine Restbelegschaft blieb erhalten. Nun weiß man: Es war nicht mehr als eine Schonfrist.

Blumes Nachfolger Michael Leiters zog wenige Monate nach seinem Amtsantritt Anfang des Jahres endgültig den Schlussstrich unter den einstigen Hoffnungsträger – und unter die Hoffnungen der verbliebenen 50 Beschäftigten, ihren Job zu behalten. Ein Schritt mit hoher Symbolkraft: Leiters räumt mit dem Erbe Blumes auf. Schonräume, die es unter ihm noch gab, werden beseitigt.

Harte Ansagen des Porsche-Chefs an Führungskräfte

Kurz nach seinem Amtsantritt gab es Zweifel daran, wie planvoll Leiters vorgeht. Schon nach wenigen Wochen sorgte er mit Aussagen auf einem Führungskräftetreffen für Aufsehen. Demnach kündigte er an, dass im nächsten Jahr wohl nicht mehr viele der Anwesenden dabei sein würden, weil sie das Unternehmen bis dahin verlassen hätten.

Auch auf der Jahrespressekonferenz Mitte März blieb er mit seinen Ansagen eher vage. Es gebe bei Porsche zwar ein „motiviertes und engagiertes Team mit großartigen Talenten“, sagte der 54-Jährige. „Allerdings ist die Organisation, insbesondere in den indirekten Bereichen, überproportional zur Entwicklung des Geschäfts gewachsen.“

Nur kurz wirkte der neue Porsche-Chef zögerlich

Zugleich dämpfte er Erwartungen, es werde schnelle Entscheidungen geben. „Wir befinden uns immer noch innerhalb der berühmten ersten 100 Tage.“ Da sei es „ganz natürlich, dass wir noch nicht auf jede Frage eine Antwort haben und nicht für jedes Problem eine Lösung“. Wer das als Zögern interpretierte, wurde nun eines Besseren belehrt.

Schon vor einigen Wochen zog sich das Unternehmen aus seiner Beteiligung an Bugatti zurück, die es zusammen mit dem kroatischen E-Supersportwagenbauer Rimac gehalten hatte. Dies zeige, „dass wir Porsche auf das Kerngeschäft zurückziehen werden“. Manche Schnitte sind noch härter. Zeitgleich mit der Schließung von Cellforce kündigte er an, auch die Tochter Porsche E-Bike Performance sowie den Softwareentwickler Cetitec zu schließen. Insgesamt sollen dadurch mehr als 500 Arbeitsplätze wegfallen.

Empörung in Porsche-Belegschaft hält sich in Grenzen

Trotz des harten, für erfolgsverwöhnte Porscheaner verschreckenden Vorgehens hält sich die Empörung in der Belegschaft in Grenzen. Das Bewusstsein für den wirtschaftlichen Absturz, der deutlich tiefer ausfällt als bei vielen Konkurrenten, wirkt einem reflexartigen Protest offenbar entgegen.

Innerhalb von drei Jahren ist die Rendite des Autogeschäfts von 18 auf 0,3 Prozent abgestürzt. Porsche war lange einer der erfolgreichsten Autobauer der Welt. Laut Blume schien sogar die Marke von 20 Prozent erreichbar.

Auch um heiße Eisen macht Leiters keinen Bogen. Jahrelang erhielten die Porsche-Mitarbeiter eine Erfolgsbeteiligung von bis zu 9110 Euro, die der damalige Betriebsratschef Uwe Hück einmal als „intergalaktisch“ bezeichnete. Jetzt wird die Sonderzahlung kurzfristig gestrichen – beschlossen noch unter Blume, umgesetzt unter Leiters. Die Porsche-Beschäftigten stehen damit auf einer Stufe mit Opel, aber deutlich unter Bosch und Mercedes-Benz.

Porsche-Betriebsrat will weiter über Bonus verhandeln

Doch auch hier hält sich die Empörung angesichts der beklemmenden Lage des Unternehmens in Grenzen. Selbst der Betriebsrat kleidet seine naturgemäß ablehnende Haltung in moderate Worte. Die Entscheidung sei vom Vorstand bereits im vergangenen Jahr „einseitig getroffen worden“, erklärte das Gremium. Für den Betriebsrat stehe das Thema „jedoch weiterhin auf der Agenda“.

Die Streichung der Sonderzahlung dürfte erst der Anfang sein. Hinter den Kulissen läuft derzeit ein intensives Ringen mit der Arbeitnehmervertretung um ein weitreichendes Sparprogramm. Die Streichung von 1900 Stellen und das Auslaufen von 2000 befristeten Arbeitsplätzen hatten Betriebsrat und Vorstand noch in der Ära Blume nach langwierigen Verhandlungen beschlossen. Doch selbst das reichte offenbar nicht aus.

Nicht nur die Entscheidungen haben sich verändert, auch die Tonlage ist neu. Blume war ein Chef der verbindenden Gesten, der sein Führungsvokabular gern aus der Sprache des Sports entnahm. Teamgeist, Mannschaft, gemeinsame Ziele, Wettbewerb – mit solchen Begriffen versuchte er, die Belegschaft anzuspornen und zusammenzuhalten.

Leiters dagegen, geprägt durch die harte Schule des legendären Ex-Porsche-Chefs Wendelin Wiedeking, spricht und agiert deutlich kantiger. Er versucht gar nicht erst, sein Unverständnis über manches, was er vorfindet, zu verbergen.

Auch vor Vorstandskollegen macht Leiters nicht Halt

Manch eine Konstruktion aus der Ära Blume wirkt heute tatsächlich aus der Zeit gefallen. Dass Sajjad Khan, zuständig für die IT im Auto, den Rang eines Vorstandsmitglieds erhielt, war organisatorisch schwer nachvollziehbar. Schließlich gehört das Thema zur Entwicklung, für die mit Michael Steiner bereits ein Vorstand zuständig ist. Wahrscheinlich lockte Blume Khan seinerzeit mit einem prestigeträchtigen Vorstandsposten, der ins Organisationsgefüge aber nicht wirklich hineinpasste.

Auch hier nahm sich Leiters zunächst Bedenkzeit, greift nur aber durch: Khan verliert seinen Vorstandsposten. Leiters legt sich also nicht nur mit unteren Ebenen an, sondern macht auch vor Besitzständen seiner eigenen Vorstandskollegen nicht Halt.

Blume führte Porsche auf jahrelangen Erfolgskurs

Unter der Integrationsfigur Blume reihte Porsche über Jahre ein Rekordjahr an das nächste – vieles muss also richtig gelaufen sein. Doch in den vergangenen zwei Jahren geriet Porsche massiv ins Straucheln. So agil und kurvensicher ein Porsche auf der Straße auch ist – das Management bekam die entscheidende Kurve nicht, bevor es gefährlich wurde. Nun wird Blumes Erbe demontiert.

Leiters ist ein Produkt seiner Zeit: einer Phase, in der es ums Überleben geht und wenig Raum fürs Genießen der erworbenen Lorbeeren und für die Pflege von Befindlichkeiten bleibt. Der Absturz von Porsche nach einer langen Erfolgsphase ist die Tragik der Amtszeit Blumes. Und er ist die Chance für Leiters, das Unternehmen auf links zu drehen. Seit wenigen Tagen zeigt er, wie entschlossen er ist, seinen Ankündigungen Taten folgen zu lassen.