Die Ingenieure von Schlaich Bergermann Partner aus Stuttgart haben das Tragwerk für Christos posthumes Kunst-Event entwickelt. Bis zum 18. September soll die Verhüllung des Arc de Triomphe vollendet sein.
Paris/Stuttgart - Am 18. September 2021 schaut die Welt auf Paris. Von diesem Tag an zeigt sich der Arc de Triomphe komplett verhüllt – von einer silberblauen Stoffhülle, die von roten Seilen zusammengehalten wird. Das Nationalheiligtum wandelt sich zum monumentalen Päckchen.
„L‘Arc de Triomphe, Wrapped“ ist Christos und Jeanne-Claudes Vermächtnis – die letzte „Empaquetage“ des weltberühmten Verhüllungskünstlers, die noch akribisch von ihm und seinem Team vorbereitet wurde, bevor Christo am 31. Mai 2020 in New York kurz vor seinem 85. Geburtstag starb. Sechzehn Tage Lebenszeit werden der Megaskulptur im Herzen von Paris beschieden sein. „Nichts dauert ewig, und das ist die ganze Schönheit des Lebens“, soll Christo einmal gesagt haben, der mit seiner Frau Jeanne-Claude ein osmotisches Künstlerpaar bildete – die Vergänglichkeit war der Kern ihrer Kunst.
Die besten Bauingenieure, die zu kriegen sind
Knapp 50 Meter hoch, 45 Meter breit und 22 Meter tief: Wie stellt man es an, diesem Koloss 25 000 Quadratmeter Stoff überzuwerfen, mit 3000 Metern Seil zusammen zu zurren, so dass nichts vom Wind aufgebläht oder weggerissen wird und die Polypropylen-Seile wie auch jede einzelne Stoff-Falte genau dort sitzen, wo Christo es vorgesehen hat? Wie schützt man dabei die Friese und Reliefs, all die Engel und Trompeten, die Krieger und Schwerter und sichert so den Denkmalschützern ruhige Nächte?
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Die Antwort kennen nur Konstruktionskünstler, Tragwerk-Spezialisten, Statik-Cracks - kurz die besten Bauingenieure, die zu kriegen sind. Genau die hat Christo in Stuttgart gefunden: das Büro Schlaich Bergermann Partner (sbp) – eine Topadresse für spektakuläre Ingenieursprojekte weltweit. Zwei Jahre lang haben Mike Schlaich und die Projektleiterin Anne Burghartz dafür an einem gigantischen Tragwerk getüftelt – einem Korsett aus Stahl, das dem Triumphbogen um den massigen Leib gebunden wurde; am 14. Juli haben dafür die Bauarbeiten begonnen. „Da ist nichts dem Zufall überlassen, alles ist auf den Zentimeter genau mit Christo abgesprochen“, hatte Mike Schlaich im Vorfeld versichert.
Wie wurden die Stuttgarter zu Christos Tragwerksberatern?
Fast sechzig Jahre ist es her, dass der junge Christo Wladimirow Jawaschew in seiner Pariser Mansardenkammer Objekte zu Bündeln schnürte und dabei auch den Gedanken gebar, den Triumphbogen einzupacken. Ebenfalls weit in die Vergangenheit führt die Geschichte, wie Christo und die Stuttgarter Ingenieure zusammenkamen. Als Vermittler fungierte Christos Projektfotograf Wolfgang Volz, der, so erzählt Schlaich, in jungen Jahren für das Stuttgarter Ingenieurbüro Leonhardt, Andrä und Partner (die Fernsehturm-Konstrukteure) fotografierte, jenes Büro, bei dem der sbp-Co-Gründer Jörg Schlaich erst als junger Entwurfsingenieur, dann als Partner tätig war. „Mein Vater sollte damals Wolfgang Volz begleiten und ihm sagen, was er zu fotografieren hat.“
Die größte Skulptur der Welt
So konzipierten sbp zunächst Montage und Tragwerk für eine Christo-Installation, die in ihren Ausmaßen alle bisherigen Projekte des Künstlers übertreffen sollte: eine Mastaba in der Wüste von Abu Dhabi, also ein Pyramidenstumpf, der mit 500 000 Ölfässern verkleidet ist. Bislang scheiterte der Bau der größten Skulptur der Welt an der Finanzierung eine Miniaturausgabe in London hat Christo 2018 realisiert. „So sind wir Christos Tragwerksberater geworden“, erzählt Schlaich. Das Schönste an ihrem Job sei, dass sie vor Aufgaben gestellt würden, die es zuvor noch nie gab, sagt der 61-Jährige. „Problemlösung als Beruf, nicht als Stressfaktor“.
Fulminante Pionierleistung
Die Pont Neuf in Paris 1985, zehn Jahre später der Reichstag in Berlin – auf diese legendären textilen Verpackungs-Aktionen konnten die Ingenieure bei der Tragwerksplanung für die Triumphbogenverhüllung zurückgreifen. Gleichwohl haben sie eine fulminante Pionierleistung vollbracht. Sie sind tief in die Baugeschichte des Triumphbogens eingetaucht, haben digitale wie analoge Modelle erstellt und aufwendige Windkanaluntersuchungen anstellen lassen. „Wir mussten unbedingt wissen, wo die Windkräfte drücken, wo sie saugen, erklärt der 61-Jährige, der das Hauptstadt-Büro von sbp mitleitet.
Die Verpackung soll natürlich aussehen
Die Konstruktion aus vorgespannten Stahlseilen sichert das zum Kunstwerk verwandelte Staatssymbol gegen diese Windlasten. „Christos rote Päckchenseile sind kein Fake, doch sie reichen nicht, um alles sicher zusammenzuhalten“, so Schlaich. Durch die punktuell am Gebäude befestigte Stahlseilstruktur werde das Paket „diskret ertüchtigt“; an ihr können der mit Metall Aluminium beschichtete Polypropylen-Stoff und die Seile verankert werden - unsichtbar für den Betrachter. Der Stoff sei lediglich an den Kreuzungspunkten der 36 Millimeter dicken Seile an der Unterkonstruktion befestigt, verrät Projektleiterin Burghartz. Das sei Christo sehr wichtig gewesen, „damit die Verpackung natürlich aussieht.“ „Mithilfe einer Seilklemme fassen wir den Knotenpunkt der Seile und verankern ihn durch einen Schlitz im Stoff hindurch nach hinten am gespannten Stahlseil.“
Aussichtsplattform auf dem Dach
Um die Fassadenornamentik zu schützen, konstruierten die Ingenieure Stahlkäfige, zwanzig Meter hoch, acht Meter breit, die vor die filigranen Skulpturen gestellt werden. Das Dach haben sie mit einem Stahlgitter aus sogenannten Z-Trägern ertüchtigt, um es zunächst als Arbeitsbühne und nun als Aussichtsplattform für Besucher zu nutzen.
Die Herausforderung bestand darin, das Wahrzeichen so wenig wie möglich zu verletzen, zumal es schon von Hunderten Bohr- und Einschusslöchern übersät ist. „Unsere Lösung ist minimalinvasiv, darauf sind wir stolz“, sagt Schlaich. Die Alternative wäre gewesen, den Triumphbogen mit einem Gerüst zu umbauen. 700 Löcher hätten gebohrt werden müssen, Form und Proportionen des Monuments hätten gelitten. „Wir wollten, dass auch ,drunter‘ Baukultur herrscht“, betont der Ingenieur. Das sbp-Tragwerk kommt mit nur 324 zusätzlichen Löchern aus.
Eine Kunst „ohne jeden Sinn“
In einem Pariser Vorort wurden Mock-ups im Maßstab 1:2 für beide Varianten gebaut. Mike Schlaich zeigt Fotos, auf denen er mit Christo und seinen engsten Vertrauten vor dem verschnürten Modell zu sehen ist. Er habe Christo bei den Treffen in New York, Paris, Berlin und Stuttgart als „charismatische Künstlerpersönlichkeit“ kennengelernt, „warmherzig“, „menschenfreundlich“. Was ihn an seiner Kunst so fasziniert? Sie sei schön und „ohne jeden Sinn“. „Man sieht etwas, was man noch nie zuvor gesehen hat – und schaut danach die ganze Welt mit anderen Augen an.“ Christo kann nicht mehr erleben, wie seine Vision nun Wirklichkeit geworden ist. Vom 18. September bis 3. Oktoberwird sie die Welt in den Bann ziehen.
Weltweit gefragte Tragwerkspezialisten
Bauwerk
Der Arc de Triomphe de l’Étoile in Paris wurde von 1806 bis 1836 im Zentrum des Place Charles-de-Gaulle (bis 1970 Place de l’Étoile) errichtet zum Gedenken an siegreiche Schlachten der Grande Nation. Unter dem Bogen liegt das Grabmal des unbekannten Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg mit der täglich gewarteten „Ewigen Flamme“.
Event
Zweimal ist die Triumphbogenverhüllung verschoben worden: Ursprünglich sollte sie im Frühjahr 2020 begleitend zu einer Christo-und-Jeanne-Claude-Ausstellung im Centre Pompidou stattfinden. Erst kreuzte ein im Gestein nistendes Falkenpärchen die Pläne, dann die Coronapandemie.
Ingenieure
Schlaich Bergermann Partner (sbp) wurde vor 41 Jahren vom jüngst verstorbenen Jörg Schlaich und von Rudolf Bergermann in Stuttgart gegründet. Jörg Schlaichs Sohn Mike leitet seit 1999 gemeinsam mit fünf weiteren Partnern das Ingenieurbüro, das über Niederlassungen in Berlin, New York, São Paulo, Shanghai, Paris und Madrid verfügt. Sbp entwerfen und bauen leichte, weitgespannte Dächer, Brücken, Türme, innovative Hochbauten und Solarkraftwerke. Mike Schlaich leitet außerdem den Lehrstuhl Entwerfen und Konstruieren am Institut für Bauingenieurwesen der TU Berlin. Anne Burghartz ist seit 2017 als Projektingenieurin in der Tragwerksplanung bei sbp in Berlin tätig.