Stuttgarter Paartherapeutin Affäre per App statt offene Beziehung: Der Reiz liegt im Verbotenen

Julika Wolf
Für mögliche Seitensprünge und Affären gibt es eigene Apps – und Coaches. Foto: KI/Midjourney/Montage: Sebastian Ruckaberle

Männer sprechen offen darüber, wie sie ihre Frauen am besten betrügen. Coaches und Affäre-Apps helfen ihnen dabei. Eine Stuttgarter Paartherapeutin über das Geschäft mit der Untreue.

Kürzlich in der S-Bahn in Richtung Stuttgarter Innenstadt: Zwei Typen unterhalten sich lautstark. Es sind Männer um die vierzig, sie sehen aus wie die freundlichen Familienväter von nebenan. Verheiratet sind sie, das geht aus dem Gespräch hervor. Sie sprechen über Coaches, denen sie im Internet folgen. Coaches, die ihnen Tipps geben, wie man Frauen abschleppt. Obwohl sie verheiratet sind.

 

Moment mal, was? Doch: Sie sprechen gut hörbar für andere darüber, wie man am besten fremdgeht. Den Seitensprung organisiert. Das geht – sagen die Experten im Zug – wohl besonders gut über bestimmte Apps. Der Name „C-Date“ fällt.

„Liebt, wie Ihr es wollt“ – eine App für Seitensprünge

C-Date ist eine App für Online Dating. „Liebt, wie Ihr es wollt“, das ist der Werbespruch der App. Die Macher legen großen Wert auf Diskretion und Datenschutz. Das macht die Plattform natürlich attraktiv für Menschen, die auf der Suche nach einem Seitensprung sind.

Tatsächlich gibt es einige solcher Apps. Die wohl bekannteste ist die kanadische Plattform Ashley Madison. Sie wirbt offensiv damit, Affären für verheiratete Menschen zu vermitteln. Ein Skandal hat sie weltberühmt gemacht. Dazu später mehr.

Die Stuttgarter Paartherapeutin Filomena Lorenz Foto: Viola Haderlein

Das mitgehörte Gespräch in der S-Bahn macht nachdenklich: Was treibt verheiratete Menschen dazu, sich Affären im Internet zu suchen? Schließlich geht es nicht um den unabsichtlichen Flirt mit einer zufälligen Bekanntschaft, gegen deren Anziehung man einfach nicht ankommt. Es geht um die explizite, gewollte Suche nach einem Seitensprung.

Filomena Lorenz ist Paartherapeutin in Stuttgart. Zu ihr kamen schon Paare, in denen ein Partner solche Apps benutzt hat. „Letztendlich steckt dahinter immer ein Bedürfnis“, sagt sie. Ob es nur um kurze Erregung geht oder um Langeweile in der Beziehung – irgendwas wollen Menschen damit befriedigen. „Es geht darum, etwas zu erleben“, sagt sie. Um die Erregung unseres Nervensystems, sagt sie, um Neues, Hormone und Glücksgefühle. Das Phänomen sei so alt wie die Menschheit.

Letztlich sei Monogamie „ja auch nur ein Modell – und es funktioniert nicht wirklich gut“, wie man an Debatten wie diesen sehe. Das scheinen viele Menschen erkannt zu haben – offene und polyamore Beziehungen haben Hochkonjunktur. Im Bestfall wird hier offen kommuniziert und nicht hintergangen – und alle Partner können sich nach Belieben (sexuell) ausleben.

Warum wählen Menschen nicht diesen offenen Weg, sondern suchen nach heimlichen Affären? „Weil es geheim ist“, sagt Lorenz. „Der Unterschied ist, dass es nur für mich ist, dass ich alleine entscheiden kann, auch über das Maß.“ Also, ob man auf einer App einfach nur suchen oder die Affäre wirklich durchziehen wolle. „Es geht um die Macht der Erregung, um das Geheimnis“, sagt sie. Der Reiz liege darin, „etwas Verbotenes, etwas Heimliches, etwas, was wir noch nie gemacht haben“ zu tun.

Paartherapeutin: Paare müssen über Werte und Bedürfnisse sprechen

Das Problem sei oft, dass Paare nicht darüber sprechen, was ihre Werte und Bedürfnisse sind. Zum Beispiel, ob Sex nur miteinander geht, oder auch geöffnet werden darf. Vielleicht wären geheime Affären unnötig, wenn Paare das mehr tun würden? Das würde allerdings das Geschäft von Plattformen wie Ashley Madison gefährden. Millionen von Menschen weltweit nutzen sie.

Laut einer Netflix-Dokumentarserie von 2024 half die Plattform ihren Mitgliedern, wo sie konnte, um die Affären ihrer Klienten geheim zu halten. Riefen Ehepartner an, weil sie die Zahlungen auf der Kreditkartenabrechnung nicht zuordnen konnten, hielten die Mitarbeiter dicht. Wollten Nutzer ihre Konten löschen, wurden sie extra zur Kasse gebeten. Das Unternehmen machte Geschäfte mit dem Geheimnis.

Die Macher haben damit kein Problem. Bis heute werben sie mit dem Slogan „Das Leben ist kurz. Gönn dir eine Affäre“. Der langjährige CEO Noel Biderman wird in der Netflix-Doku immer wieder gezeigt, wie er behauptet, seine Plattform rette Ehen – denn viele Menschen seien wieder aufmerksamer und präsenter, wenn sie ihre Leidenschaft andernorts auslebten.

Dem kann Filomena Lorenz so nicht zustimmen. „Eine Affäre rettet keine Ehe, sie bringt Verletzungen in die Beziehung und rückt ungeklärte Fragen ins Licht“, sagt sie. Was man daraus mache, sei dann wieder eine andere Frage.

Damit mussten sich viele Nutzer von Ashley Madison unfreiwillig auseinandersetzen: 2015 wurde die Seite gehackt und Millionen von Daten wurden veröffentlicht. Die heimlich geplante Suche nach Affären war plötzlich nicht mehr so heimlich.

Ist es verwerflich, dass es solche Plattformen gibt, die Menschen in Versuchung führen? Paartherapeutin Lorenz sieht das recht entspannt: „Das ist das Geschäft mit der Neugierde und dem Unbekannten, das den Menschen kitzelt“. Letztlich sei das nichts anderes als wenn die Filmwelt an einem Thriller Geld verdiene – auch das sei ein Geschäft mit dem Nervenkitzel.

„Wo Wünsche und Diskretion zusammenkommen“ – damit wirbt Ashley Madison heute. Foto: AP

Die Typen in der S-Bahn müssten nach Lorenz’ Empfehlung ihre Bedürfnisse erforschen – vorausgesetzt, sie würden überhaupt verhindern wollen, dass es zu (weiteren) Affären kommt. „Die Bedürfnisse sollte man mit dem Menschen besprechen, mit dem man sein Leben teilt“, sagt sie.

Letztendlich müssen die Männer in der S-Bahn tun und lassen, was sie wollen. Vielleicht sind sie ja in offenen Beziehungen. Das berühmte Störgefühl speist sich darüber hinaus aus feministischer Sicht auch daraus, dass die beiden sich auf Coaches verlassen, um an Frauen heranzukommen. Vielleicht predigen die Vorbilder der S-Bahn-Männer den Respekt vor Frauen – die meisten Coaches dieser Art behandeln Frauen aber wie Objekte, die man mit Manipulation und sexistischem Balzverhalten herumkriegen soll.

Paartherapeutin: „Nur eine schnelle Nummer“

Paartherapeutin Lorenz macht deutlich: „In dem Fall ist das Gegenüber nur ein Objekt – das hat nichts mit der Suche nach Bindung zu tun, die wir alle irgendwie wollen, sondern nur mit einer schnellen Nummer“. Dabei gehe es wieder darum, in irgendeiner Weise befriedigt zu werden.

Und die Moral von der Geschichte? Vielleicht in der S-Bahn doch lieber Kopfhörer aufsetzen.