Alisa Scetinina mixt im Hintergrund live die Musik für Friedemann Vogels Solo „Die Seele am Faden“. Foto: Andrea Veroni

Alisa Scetinina zaubert im Stuttgarter Schauspielhaus live Klänge für Friedemann Vogels Solo „Die Seele am Faden“. Wie sich die Ex-Balletttänzerin als Performerin neu erfunden hat.

Einer Marionette gleich hängt Friedemann Vogel zu Beginn seines Solos „Die Seele am Faden“ leblos in den Seilen. Derzeit sorgt der getanzte Kommentar auf Kleists berühmten Essay „Über das Marionettentheater“ im Rahmen des Ballettabends „Interaktion“ im Stuttgarter Schauspielhaus für viel Jubel. Mit auf der Bühne ist die Performerin und Musikerin Alisa Scetinina. Ihre Atemgeräusche begleiten das Erwachen der Puppe im Vordergrund. Später erinnert sie mit hölzernem Sound an die klackernden Glieder einer Marionette und moduliert für denn projizierten Avatar Vogels auf einem analogen Synthesizer eine Tonfrequenz , die zu den Bewegungen des digitalen Abbilds passt.

 

Wie eine Magierin bedient Alisa Scetinina im Hintergrund Geräte und Gerätschaften, holt Beats aus einer Drum Machine. Bei einem Gespräch, für das die aus Lettland stammende Künstlerin das trubelige Café in der Landesbibliothek ausgewählt hat, lässt sich die 31-Jährige in die Karten blicken. Das Knarzen? Live hergestellt, wie sie erläutert. „Ich nutze dafür eine Holzplatte, über die ich mit einem Stock streiche, damit es klingt, wie wenn Holz bricht oder sich bewegt.“

Ein Fundstück kommt laut heraus

Das Holzstück dafür sucht sie, berichtet Alisa Scetinina, in einem Park am jeweiligen Aufführungsort von „Die Seele am Faden“. In Frankfurt an der Oder, in Hamburg, in Spoleto und nun im Stuttgarter Schlossgarten ist sie schon fündig geworden. Wenn die zierliche Künstlerin mit lautem Schlag einzelnen Schritten von Friedemann Vogel punktgenaue Impulse gibt, dann lässt der perfekt auf die Bewegungen abgestimmte Sound ahnen, dass sie selbst einmal Tänzerin war.

In Riga geboren, kam Alisa Scetinina 2009 nach München, um an der dortigen Musikhochschule ihre Ausbildung zur Tänzerin abzuschließen. Nach einem ersten Engagement am Bayerischen Staatsballett wechselte sie 2016 nach Stuttgart; schon ein Jahr später stellte sich die Gruppentänzerin auf derselben Bühne, auf der sie nun für Friedemann Vogel musikalisch die Fäden zieht, bei einem Noverre-Abend als junge Choreografin vor. Für ihr mit Shaked Heller getanztes Duett „Intact“ hatte sie selbst die Musik geschrieben und unterstrich mit weiten Kostümen das Ineinanderfließen von Bewegungen, das den Körpern alle Kanten nahm.

Die kreativen Impulse des Stuttgarter Balletts

„Als ich zum Vortanzen während eines Trainings in Stuttgart den Ballettsaal betrat, habe ich mich sofort wohl gefühlt“, sagt Alisa Scetinina und spielt auf die hier vorherrschende Körperästhetik an. Der Künstlerin, die sich früh zwischen Musik und Tanz entscheiden musste, kamen sicherlich auch die kreativen Impulse der Kompanie und eines Dreispartenhauses entgegen. „Ich habe hier schnell gemerkt, dass ich ein neugieriger Mensch bin und nicht wie mit Scheuklappen nur aufs Ballett blicken will“, sagt sie. „Ich wollte mehr sehen, aber ein Tänzertag lässt wenig Energie und Zeit für anderes.“ Nach eineinhalb Spielzeiten kündigte sie und bewarb sich an der Stuttgarter Kunstakademie.

Und so sitzt die Reporterin heute einer jungen Frau gegenüber, die sich selbst als Performerin bezeichnet, die für Levin Goes Lightly am Synthesizer steht und die unter dem Künstlernamen Gaisma selbst mehrere Alben herausgebracht hat, auf denen sie langsame Beats, Pop- sowie Neo-Soul-Elemente und Hip-Hop-Gesang atmosphärisch dicht mixt. Mit oft melancholischer, manchmal fordernder Stimme singt Alisa Scetinina davon, dass man seinen Träumen folgen soll („Cashback“), oder fragt sich, was ein Leben in ihrer Heimat aus ihr gemacht hätte. („Motherland“).

Alisa Scetinina als Tänzerin in „Romeo und Julia“ (ganz links) und als freie Performerin (rechts) Foto: Stuttgarter Ballett/Anton Avdieiev

In den Video-Clips zu ihren Songs hielt Gaisma zuerst bewusst Distanz zum Tanz. Der Einwand ihrer Mutter, dass doch auch dieser Teil ihrer Persönlichkeit sei, ließ sie umdenken. Zu sehen ist daraufhin, wie die Tänzerin Alisa Scetinina für die Musikerin Gaisma über den Dächern von Stuttgart oder in einem Park weite, runde Bewegungen in den Raum zeichnet, als wolle sie eins mit ihm werden. Zu sehen ist eine Künstlerin, die verschiedene Facetten, die Inneres und Äußeres in Einklang bringt. Es verwundert kaum, dass auch das Kunststudium nur eine Etappe auf dem Weg dahin war. „Ich habe bemerkt, dass ich für meine Leidenschaft keine Institutionen brauche“, sagt Alisa Scetinina heute. Das Online-Studium während der Coronapandemie hat diese Erkenntnis noch schneller reifen lassen.

Im Dialog mit einem Ausnahmetänzer

Und so passt die Performance „Die Seele am Faden“, die Kunst als Balance von Können und Wollen zeigt, auch bestens zum Weg von Alisa Scetinina. Eine Ausstellung von Thomas Lempertz, der das Solo gemeinsam mit Friedemann Vogel konzipierte, stellte den Kontakt her. „Ich hatte seine Installation mit Ballettstangen in der Galerie Sindelfingen gesehen und war fasziniert davon, wie jemand aus Ballett auf neue Weise Kunst macht.“ Ein Konzert von Gaisma in der Galerie Kernweine brachte das „Seele am Faden“-Trio schließlich zusammen. Noch bis zum 30. Januar steht Alisa Scetinina mit Friedemann Vogel in Stuttgart auf der Bühne und zaubert mit Sounds Stimmungen. Auch aus ihrer Perspektive ist klar: „Einen Tänzer wie ihn gibt es nur einmal.“

Am Synthesizer und auf dem Laufsteg

Termine
„Die Seele am Faden“ ist im Rahmen des Ballettabends „Interaktion“ bis zum 30. Januar im Schauspielhaus zu sehen; es gibt nur noch Restkarten an der Abendkasse. Am 28. Februar und 1. März begleitet Alisa Scetinina als Tänzerin und Choreografin die Fashion-Show „Radiant Nexus“ von STJ-Design im Kunstverein Wagenhalle. Am 11. April steht sie als Gaisma bei den Jazztagen im Theaterhaus auf der Bühne.

Künstlerin
Alisa Scetinina, 1994 in Riga geboren, kam als 15-Jährige an die Münchner Musikhochschule und lebt inzwischen länger in Deutschland als in Lettland. In ihrer Wahlheimat Stuttgart war sie als Performerin zuletzt in dem mit Stella Covi konzipierten Stück „When will we be…?“ im Dezember in der Kulturinsel zu erleben. 2016 kam sie als Gruppentänzerin zum Stuttgarter Ballett, um sich 2018 neu zu orientieren. 2019 begann sie ein Studium an der Kunstakademie und unter dem Pseudonym Gaisma eine Karriere als Musikerin.

Name
Für ihren Künstlernamen wählte Alisa Scetinina ein lettisches Wort: „Gaisma verbindet mich mit meiner Sprache und meiner Heimat“, erklärt sie. „Es bedeutet Licht. Licht ist wie Sound eine Frequenz – und ich bin ein Mensch, der gerne mit Energie und Frequenzen arbeitet.“