Der KV Oostende ist seine erste Station als Trainer im Erwachsenenfußball. Und Alexander Blessin ist auf dem besten Weg, einen bisherigen Abstiegskandidaten in den Europapokal zu führen. Was sind die Hintergründe dieser Erfolgsgeschichte?
Oostende - Acht Jahre lang arbeitete Alexander Blessin im Nachwuchsleistungszentrum von RB Leipzig. Acht Jahre bedeutete das für den Fußballlehrer eine Fernbeziehung zur Familie. Gut 500 Kilometer liegen zwischen der Sachsenmetropole und dem heimischen Haus in Altenriet am Schönbuchrand. Dort wohnt Charlotte Blessin mit den Töchtern Patricia (10), Victoria (15) und Franziska (17) meistens alleine.
Als im Sommer 2020 der Vertrag bei RB auslief, sollte der neue Arbeitsplatz das Familienoberhaupt eigentlich wieder näher an seine vier Frauen heranführen. Doch Alexander Blessin verschlug es noch weiter weg aus der schwäbischen Heimat – an die 650 Kilometer entfernte belgische Nordseeküste, zum Fußball-Erstligisten KV Oostende.
Von Rangnick geprägt
Bereut hat er das nicht. Im Gegenteil. „Ich fühle mich hier richtig wohl. Sportlich hätte ich es nicht besser treffen können“, sagt der gebürtige Stuttgarter. Er hat aus einem Abstiegskandidaten einen Europapokalaspiranten geformt. Drei Spieltage vor Ende der Hauptrunde steht er mit dem Team auf Platz vier. Dieser Rang würde zu den Play-off-Spielen um die Meisterschaft und die internationalen Plätze berechtigen. In der belgischen Presse ist schon von einem „Wunder“ zu lesen. Auch Blessin selbst ist überrascht, wie schnell sich der Erfolg einstellte: „Wir liegen mit unserem 17-Millionen-Euro-Etat im unteren Drittel der Jupiler League, aber die Spieler sind ungemein lernwillig und haben meine Art von Fußball recht schnell verinnerlicht und umgesetzt.“ Intensiv, aggressiv, offensiv – das ist seine Art von Fußball. Die RB-Schule hat ihn geprägt, die Zusammenarbeit mit Ralf Rangnick, Helmut Groß und Frieder Schrof. „Der tägliche Austausch mit ihnen war Gold wert, ich habe die Trainerarbeit von der Pike auf gelernt“, sagt der 47-Jährige.
Bundesliga-Einsätze beim VfB
Seine Spielerkarriere hatte Blessin 2012 beim SV Bonlanden beendet. Davor stürmte er unter anderem für die Stuttgarter Kickers, die TSG Hoffenheim, den SSV Reutlingen und den VfB Stuttgart, für den er in der Saison 1998/99 auch sieben Bundesliga-Spiele und ein Europacupmatch bestritt. Jetzt steht er in seiner ersten Station als Trainer einer Erwachsenenmannschaft mit dem KV Oostende womöglich vor dem Sprung auf die internationale Bühne. „Die Bedingungen hier sind Weltklasse, das Trainingszentrum ist erst eineinhalb Jahre alt, wir haben vier Plätze, die Haupttribüne ist nagelneu, das Stadion fasst 9000 Zuschauer“, rattert Blessin die Rahmenbedingungen voller Begeisterung herunter.
„Ebbo“ Trautner Torwarttrainer
Die Topclubs wie FC Brügge, Royal Antwerpen, RSC Anderlecht oder KRC Genk könnten in der ersten Bundesliga mithalten, der Rest in der zweiten Liga, schätzt Blessin. In seinem Verein lobt er vor allem die Zusammenarbeit mit Sportdirektor Gauthier Ganaye, der auch die Interessen des US-amerikanischen Investors vertritt. Dem Konsortium gehört auch der englische Zweitligist FC Barnsley. Dort arbeitete Ganaye mit dem Ex-Bundesliga-Profi Daniel Stendel zusammen. „Er suchte einen deutschen Trainer für Oostende mit einer entsprechenden Philosophie“, erklärt Blessin, wie der Kontakt vergangenen Sommer zustande gekommen war. Mit zu seinem Team gehört auch Torwarttrainer Eberhard „Ebbo“ Trautner, ebenfalls VfB-Vergangenheit hat der offensive Mittelfeldspieler Nick Bätzner.
Wiedersehen mit Andreas Beck
In der Liga ist er schon zweimal auf Andreas Beck getroffen, der für AS Eupen am Ball ist, auch Ex-VfB-Spieler Raphael Holzhäuser läuft für Beerschot V. A. auf, der frühere Heidenheimer Niklas Dorsch für KAA Gent. „Die Spieler sind vor allem bei englischen Clubs im Fokus, aufgrund der räumlichen Nähe beobachten sie ganz genau, was in Belgien passiert“, sagt Blessin. Das gilt natürlich auch für die Trainer. Bei Blessin klopfen inzwischen Clubs aus anderen Kategorien an als zu seiner Zeit als U-19-Coach bei RB. Sein Vertrag läuft bis 2022 plus einer Option auf ein weiteres Jahr.
Regelmäßige Besuche
Klar kann er sich auch wieder ein Engagement in der Heimat vorstellen. Doch ihn zieht es derzeit nicht weg – und die Familie hat sich an die Fernbeziehung gewöhnt, genießt die regelmäßigen Besuche. „Die leckeren belgischen Waffeln sind der absolute Renner hier“, schwärmt Blessin. Das entschädigt zusätzlich für den 650-Kilometer-Trip an die windige Küste. „Und Fußballfans sind meine Mädels auch alle“, sagt das Familienoberhaupt. Das Zuschauen beim KV Oostende macht derzeit nicht nur ihnen Spaß.