Zwischen Bunker und Boxring, Friedhof und Krankenhaus: Das Stuttgarter Literaturfestival lotet Dimensionen des Überlebens aus – bis dem Reporter die Lichter ausgehen.
Es ist vielleicht nicht die naheliegendste Idee, ein Festival, das sich „Über Leben“ zum Thema gesetzt hat, auf dem Friedhof zu beginnen, an einem Ort, an dem alles endet. Aber ist die Geistersprache der Literatur nicht von Anbeginn immer auch ein Austausch mit dem Abwesenden? Vor dem an einen aztekischen Tempel erinnernden Jugendstil-Krematorium des Stuttgarter Pragfriedhofs richten sich gerade die Autorinnen und Autoren der „Get shorties“-Schreibbühne ein. Sie bieten etwas an, was man existenzielle Reizwortgeschichten nennen könnte. Wer einen Verlust welcher Art auch immer zu verzeichnen hat, nennt den Stegreif-Künstlern ein charakteristisches Motiv, von dem aus sie einen poetischen Bogen der Erinnerung schlagen.
Margit Gregorian hat von ihrem vor Kurzem gestorbenen Vater erzählt; nach jedem Besuch sei er bis zuletzt immer winkend auf der Straße gestanden. Nun wartet sie vor einem Stück Kuchen der ehrenamtlichen Vergesellschaftungsinitiative des gegenüberliegenden Café-Kränzchens, was aus diesem Bild des Abschieds wird. Kaum eine idyllischere Vereinigungsszene lässt sich denken: Tod und Leben, Vergänglichkeit und Frühlingserwachen, Vogelgesang, untermalt vom Klappern altmodischer Schreibmaschinen, die dem Verlorenen ein eigenes Lied singen.
„Was für ein wunderbarer Ort, traurig und schön zugleich, man sollte die Friedhöfe mehr ins Leben einbinden“, sagt Gregorian, deren Familie armenische Wurzeln hat. „Es wäre schön, wenn durch Veranstaltungen wie diese auch Leute animiert würden, die man in kulturellen Kreisen sonst eher selten sieht.“
Genau das ist die Idee des zehntägigen Festivalreigens: Eingrenzen statt Ausgrenzen, Begegnung stiften zwischen den vielstimmigen Literaturunternehmungen der Stadt und dem, was eine berufene Kuratorin aus dem großen Ganzen der Welt von außen hereinholt. In diesem Jahr ist das die georgisch-deutsche Schriftstellerin Nino Haratischwili. Auch das, was sie zusammengestellt hat, ließe sich in Reizworten umreißen, die zu Geschichten führen wie jene, die am Abend die französische Autorin Constance Debré im Studio Amore vorstellt.
Das leicht ramponierte Ambiente der ehemaligen Lobby des Schlossgarten-Hotels bildet den idealen Ort für das großbürgerliche Abrissunternehmen, das mit ihrem autofiktionalen Roman „Playboy“ begonnen hat. Constance Debré stammt aus einer der bekanntesten Familien Frankreichs, ihr Großvater war Premierminister unter Charles de Gaulle, der Vater ein bekannter Journalist, die Mutter Model, beide Elternteile drogensüchtig. Sie selbst machte als Anwältin Karriere. Weg mit dem ganzen Plunder, könnte die kürzeste Umschreibung ihres literarischen Überlebensprojekts lauten.
Kahlgeschoren, in der androgynen Schönheit eines tibetanischen Mönches, sitzt sie im Schummerlicht der Interimsbar, befreit von allen bourgeoisen Insignien – abgesehen von einem aparten Nadelstreifenanzug. Ihr Roman erzählt von einer Frau in der Mitte des Lebens, die in einem kompromisslosen Reduktionsprozess eine Haut nach der anderen abstreift: Beruf, Klasse, Familie. Sie entdeckt ihre Liebe zu Frauen, doch auch die Schule der Lust, die sie durchläuft, ist nicht das letzte Wort: „Auch dabei geht es nur um Sex und Liebe“, heißt es am Schluss des Romans, „nichts Neues. Nichts, was das Leben ändern würde.“ Was bleibt ist das nackte Schreiben selbst – und auf dem Podium eine Autorin, die jede der an sie gerichteten Fragen unterläuft, gerade damit aber beantwortet, um was es eigentlich geht: nicht festgelegt zu werden.
Macht sich Constance Debré durch radikale Selbstpreisgabe unverletzbar, loten die Künstlerinnen Anna Gohmert und Cy Linke in einer Brief-Performance tief unter der Erde in Stuttgarts größtem Bunker aus, welcher Schutzräume es in einer Welt bedarf, in der beispielsweise Trans-Identitäten wie die von Cy Linke in dem Begriff „Künstlerin“ leichtfertig zum Verschwinden gebracht werden. Navigiert von klugen Assoziationen, passieren die beiden auf ihrer Reise auf dem Gedankenstrom Verletzbarkeiten aller Art und landen irgendwann bei der ermächtigenden Kraft der Haare, wie sie in der Gestalt Rapunzels ihren Ausdruck findet.
Höchste Zeit, sich an dieser Stelle des Berichts gewissermaßen an Rapunzels Zopf ins Literaturhaus abzuseilen. Denn hier wartet die finnisch-estnische Autorin Sofi Oksanen. Und wenn es dem Ernst ihres eindrucksvollen Auftritts nicht entgegenstünde, könnte man hier einige Bemerkungen über die Farbenpracht ihrer kunstvollen Rasta-Frisur einflechten, erwähnen, dass sie mit „Norma“ schon einmal eine Rapunzel-Paraphrase über die Handelsware Haar geschrieben hat. Doch an diesem Abend geht es, moderiert von Nino Haratischwili selbst, um Oksanens Essay „Putins Krieg gegen die Frauen“. Er führt ins schmerzhafte, politische Nervenzentrum des Festivals. Die Reizworte lauten hier: Krieg, Gewalt, Misogynie, Imperialismus und Ignoranz.
Denn eines ist den eingeladenen osteuropäischen Autoren und Autorinnen, für die Überleben eine sehr konkrete Bedeutung hat, gemein: ein tiefes Befremden darüber, wie lange sich der Westen mit fromm verblendeten Opportunitäten über die wahre Natur nicht nur des Putin-Regimes, sondern der kolonialen Vergangenheit und Gegenwart des russischen Imperialismus hat hinwegtäuschen lassen.
Sofi Oksanen zeigt, wie die kulturelle Auslöschung von Nationen nicht nur auf der Landkarte stattfindet, sondern sich dank der propagandistischen Definitionsmacht Moskaus in westlichen Köpfen fortsetzt. Im Zentrum ihres Buches steht die Analyse des gezielten Einsatzes sexueller Gewalt. Russland verfolge das Ziel, seine Feinde mit allen Mitteln zu destabilisieren. Es unterstütze, wo es könne Frauenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rassismus, um in anderen Ländern Probleme zu schaffen. Abgesehen von der schleichenden Verrohung der russischen Gesellschaft, führt Oksanen die systematischen Vergewaltigungs- und Folterorgien weniger auf männliche Triebe zurück, als auf Kriegstaktik und politisches Kalkül.
Auf Haratischwilis Frage, warum die Linke im Westen so nachsichtig auf russische Gräueltaten reagiere, antwortet ihr Gast mit einem tiefen, resignierten Stoßseufzer: „Ich habe wirklich die Nase voll von der Idee, man könne Russland beschwichtigen.“ Umso wichtiger sei es, wo es nur geht, die russischen Menschenrechtsverbrechen vor Gericht zu bringen. Niemand kann nach diesem Abend sagen, man habe nicht gewusst, was in den besetzten Gebieten passiert. Aber wer weiß schon, ob Oksanens Erkenntnisse als die einer Pythia oder Kassandra ankommen.
Leiden, Schmerz, Gewalt
Ein anderes Schlachtfeld hat sich die Akademie für gesprochenes Wort ausgesucht. In einem Karatestudio im Stuttgarter Osten peitscht der Sprachkünstler Timo Brunke als Text-Battle-Promoter seine Truppe auf: Smack down – Literarisches Wrestling. Es geht kurz gesagt darum, Leute in Grund und Boden zu texten. „Ihr werdet sehen, wie gefährlich es ist, hier zu sein“, verspricht er dem vor einem Boxring versammelten Publikum. Und er ahnt noch nicht, wie recht er hat.
Der Reihe nach treten die mit furchteinflößenden Kampfnamen und entsprechendem Chic aufgebrezelten Streiter und Streiterinnen in die Arena und zeigen was sie zu bieten haben: Brüder Grimm, Nietzsche, Ernesto Cardenal. „Leiden, Schmerz, Gewalt, das ist Leben in potenzieller Form“, sagt Dolly the Rank alias Libido Woman und beginnt ein Mörike-Gedicht. Aber die Fatalität des Lebens, wie es bei Nietzsche heißt, hat ihr eigenes Skript für den Abend geschrieben.
Der Griff nach einem über eine Leine gespannten Handtuch reißt einen Scheinwerfer um, der einem der Zuschauer auf den Schädel rasselt. Die Aufführung muss unterbrochen werden, überall Blut, der Betreffende ist angezählt. Der Schreck ist auf beiden Seiten groß. Und es würde sich verbieten, darüber in einem so flapsigen Tonfall zu schreiben, handelte es sich bei dem Bedauernswerten nicht um den Reporter dieses Berichts selbst. Was eine Sublimation der Gewalt durch Worte hätte werden sollen, wird zur mit Sicherheit blutigsten Nummer der gesamten Tage.
Wie man im Sport vielleicht sagen würde, dieses Festival geht dahin, wo es weh tut. Und so endet, was auf dem Friedhof begann, für den Kritiker zunächst im Krankenhaus. Immerhin überlebt – was will man mehr.
Info
Programm
Am 20. und 21. Mai kommt unter anderem im Theater Rampe die musikalisch-theatralisch-kulinarische Performance „Supra – ein Fest“ von Nino Haratischwili zur Aufführung. Das gesamte Programm unter: www.literaturhaus-stuttgart.de