Wenn ein Aufsteiger auf Platz zwei landet, verdient das großen Respekt. Wenn er wie die Stuttgarter Kickers einen Zehn-Punkte-Vorsprung verspielt, dann ist das auch eine große Enttäuschung und eine Saison der verpassten Chance, kommentiert unser Autor Jürgen Frey und prognostiziert keine einfache Regionalligasaison.
Zweimal hatten die Stuttgarter Kickers die Steilvorlagen durch die Patzer der Konkurrenz ungenutzt gelassen, am letzten Spieltag hat es sich bitter gerächt. Die Mannschaft von Trainer Mustafa Ünal musste nach dem 0:3 beim FC 08 Homburg ausgerechnet den Stadtrivalen VfB Stuttgart II noch vorbeiziehen lassen – aus der Traum vom Durchmarsch in die dritte Liga. Das Enttäuschende daran: Nach dem 23. Spieltag Anfang März hatten die Kickers noch zehn Punkte Vorsprung auf die U 21 der Weiß-Roten, die immer besser in Fahrt kam und es mit ihrer Qualität letztendlich auch verdient hat.
Bis zur Winterpause hatten die Kickers als Aufsteiger eine überragende Saison hingelegt, teilweise auch über ihre Verhältnisse gespielt. Vor allem die mit Toptalenten gespickten Reserveteams der Bundesligisten hatten mehr fußballerische Klasse in ihren Kadern, auch Mannschaften wie der FC 08 Homburg oder Kickers Offenbach waren qualitativ keinesfalls schlechter besetzt. Doch bei keinem anderen Team waren der Wille, die Laufbereitschaft, die Siegermentalität und der Zusammenhalt (gerade auch mit den Fans, die die Mannschaft auch nach dem Abpfiff in Homburg beeindruckend aufmunterten) so ausgeprägt wie bei den Blauen.
Trainer Mustafa Ünal hat dies mit seiner ehrlichen, transparenten und konsequenten Art gefördert und aus den vorhandenen Möglichkeiten lange Zeit das Optimale herausgeholt. Deshalb verdient ein Aufsteiger, der die Saison als Vizemeister abschließt, Respekt. Was aber nichts daran ändert, dass die Regionalligarunde 2023/24 absolut als eine Saison der verpassten Chance in die Kickers-Geschichte eingeht und der aktuelle Frust riesig ist.
Dass im letzten Drittel der Saison der Aufstieg verspielt wurde, muss zum einen genauestens analysiert werden, zum anderen bei allen die Sinne schärfen. Die Mannschaft muss verstärkt werden. In allen Mannschaftsteilen. Auch was die Kommunikation und die konstruktive Zusammenarbeit im Sinne des Vereins zwischen Trainer und Sportdirektor betrifft, besteht nach wie vor viel Luft nach oben. Die Führungscrew um Präsident Rainer Lorz hat lange genug zugeschaut und muss nun ganz schnell entscheiden, ob es Sinn ergibt, in dieser Konstellation in die neue Runde zu gehen.
Es wartet Schwerstarbeit auf die Verantwortlichen, um die Voraussetzungen zu schaffen, dass die Blauen in der neuen Saison wieder oben landen, im besten Fall aufsteigen, um dann dort anzukommen, wo der Profifußball beginnt und wo der Club eigentlich auch mindestens hingehört.