Die Diskussion gibt es nicht erst seit gestern: Macht eine Person im Präsidium der Stuttgarter Kickers mit sportfachlicher Kompetenz Sinn? Kann einer mit Stallgeruch im Profifußball wertvolle Impulse liefern? Entsprechende Planspiele gibt es.
Nichts gegen die Fußballkompetenz von Rainer Lorz. Der Präsident des Fußball-Regionalligisten Stuttgarter Kickers hat sich im Laufe der Jahre ein richtig gutes Netzwerk aufgebaut, auch sein Fachwissen ist unbestritten. Über Clubs in der Region und Ligakonkurrenten der Blauen kann der 61-Jährige durchaus auch mit Detailkenntnissen aufwarten. Das ändert nichts daran, dass er als Spieler oder Trainer keinen Stallgeruch im leistungsorientierten Fußball mitbringt. Genauso wenig wie Christian Steinle, sein designierter Nachfolger ab Ende 2025.
Auf Augenhöhe diskutieren
Das muss in dieser Position mit der Verantwortung fürs große Ganze auch gar nicht zwingend der Fall sein. Doch es kann garantiert nicht schaden, wenn in einem Präsidium eine Person vertreten ist, die absolut auf Augenhöhe mit dem Cheftrainer und anderen für den Sport verantwortlichen Entscheidungsträgern diskutieren kann. Die das Innenleben einer Mannschaft kennt, Dinge hinterfragt, ein Korrektiv darstellt und einfach im Sinne des Vereins konstruktiv ihre Expertise einbringt.
Bei den Kickers fehlt eine solche Person. Und deshalb gibt es seit geraumer Zeit Überlegungen, dies zu ändern. In diesem Zusammenhang wurde auch schon einmal über Ex-Trainer Robin Dutt nachgedacht, er könnte aber eine Nummer zu groß sein. Zuletzt tauchte der Name Lutz Siebrecht auf. Er war von 2019 bis Oktober 2021 Sportlicher Leiter bei den Blauen, stellte in dieser Zeit in einigen Bereichen wichtige Weichen, ehe es ihn mit seinem langjährigen Geislinger Weggefährten Markus Gisdol zum russischen Erstligisten Lokomotive Moskau zog. Nach Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine kehrten beide wieder Anfang 2022 nach Deutschland zurück.
Siebrechts Rat gefragt
Siebrecht ist seitdem ohne ein Engagement im Sport, trotzdem noch nah dran am Geschehen. Sein Rat war immer wieder einmal gefragt, das Heimspiel gegen den 1. FSV Mainz 05 II (1:0) am 9. November schaute er sich im Gazi-Stadion an. Ansonsten konzentriert er sich auf die Leitung seiner Firma auf dem Stuttgarter Großmarkt.
Angesprochen auf dieses Thema hüllen sich alle Beteiligten vor dem Spiel am Sonntag (14 Uhr) bei Eintracht Frankfurt II in Schweigen. Lorz bestätigte allerdings bei der Mitgliederversammlung, dass es Überlegungen gäbe, im Präsidium „auf der sportlichen Leitungsebene“ jemanden gewinnen zu können. Das sei aber Zukunftsmusik. Nach Informationen unserer Zeitung gab es bereits ein erstes loses Gespräch mit Siebrecht, in dem aber lediglich die grundsätzliche Bereitschaft des 57-Jährigen abgeklopft wurde, ohne in irgendeiner Weise in die Tiefe zu gehen.
Nähe zum Team wichtig
Unabhängig von Siebrecht stellen sich bei der Inthronisierung einer solchen Person grundsätzliche Fragen: Wenn ein für den Sport verantwortliches Präsidiumsmitglied seine Aufgabe gewissenhaft und zielführend wahrnehmen will, muss dieses nah dran sein an Mannschaft und Trainerteam. Er wird auch maßgeblich die Herangehensweise und grundsätzliche Spielphilosophie bestimmen wollen, und damit einen Weg, den die verantwortlichen Personen im Verein auch mitgehen sollten.
Eine solch zeitintensive Aufgabe kann nicht im Ehrenamt bewältigt werden. Sie wird keiner wahrnehmen, ohne entsprechend entlohnt zu werden. Ein zusätzlicher Sportdirektor wäre für einen Regionalligisten wie die Kickers derzeit aber nicht zu finanzieren, denkbar wäre ein Mann, der eine Assistentenrolle für den Sportchef im Präsidium einnimmt.
Bleibt die Frage, wie es mit Marc Stein weitergeht. Der Vertrag des Siebrecht-Nachfolgers auf dem Sportdirektor-Posten läuft am Saisonende aus. Auch der 39-Jährige könnte theoretisch ins Präsidium aufrücken. Eine Entscheidung sollte mit Blick auf die Planungen der neuen Saison in der Winterpause fallen. Alles scheint derzeit offen. Fest steht nur: Siebrecht und Stein – das wird nicht funktionieren.