Mustafa Ünal stand am 18. Mai im Spiel beim FC 08 Homburg letztmals als Kickers-Trainer an der Seitenlinie. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Am 31. Mai hat Fußball-Regionalligist Stuttgarter Kickers Trainer Mustafa Ünal frei gestellt. Nun äußert sich der 40-Jährige erstmals zu seinem Rauswurf und sagt dabei auch, was ihn an der Trennung geärgert hat.

Mustafa Ünal hat die Stuttgarter Kickers in die Regionalliga geführt und mit dem Aufsteiger Platz zwei belegt. Die Entwicklung nach der Winterpause, als ein Zehn-Punkte-Vorsprung verspielt und der Durchmarsch verpasst wurde, nahm der Verein zum Anlass, sich vom 40-Jährigen zu trennen.

 

Herr Ünal, wie groß war für Sie die Überraschung und die Enttäuschung, als Ihnen die Trennung in Ihrem Urlaub am Telefon mitgeteilt wurde? Wie haben Sie es verarbeitet?

Natürlich war ich sehr überrascht, aber vor allem war ich enttäuscht. Ich habe aus den Medien entnommen, dass eine Analyse im sportlichen Bereich stattfindet, und ich bin ehrlich gesagt davon ausgegangen, dass meine Meinung als verantwortlicher Trainer bei einer solchen Analyse auch gefragt ist. Leider ist es dazu nicht gekommen.

In der Pressemitteilung stand, dass die Saison mit Sportdirektor Marc Stein sehr intensiv analysiert wurde. Sie hätten sich also gewünscht, dass Sie Ihre Sicht der Dinge auch hätten einbringen können?

Ehrlicherweise habe ich schon darauf gewartet, meine Analyse ebenfalls vortragen zu dürfen. Es gab vor meinem Urlaub nur einen kurzen Austausch zwischen dem Sportdirektor und mir, wobei es sich aber mehr um organisatorische Themen gehandelt hat. Wenn jedoch eine Analyse, die die Mannschaft betrifft, stattfindet, dann wäre es doch kein Fehler gewesen, als Trainer, der seit sieben Jahren im Verein ist und seit knapp drei Jahren jeden Tag mit der Mannschaft arbeitet, auch meine Sicht auf die Dinge äußern zu dürfen.

Als Hauptgrund für die Trennung wird die generelle Entwicklung nach der Winterpause genannt. Können Sie dies nachvollziehen?

Nein. Das ärgert mich auch. Denn es hat meiner Meinung nach sogar eine sehr positive Gesamt-Entwicklung stattgefunden. Diese Entwicklungen im Fußball sind doch nicht linear, sondern passieren meistens in Wellen. Wir haben als Aufsteiger insgesamt eine hervorragende Saison gespielt mit einer ähnlichen Mannschaft wie in der Oberliga. Die Spieler haben sich schnell in der Regionalliga zurecht gefunden und das geht nicht ohne Entwicklung. Das hat dazu geführt, dass wir bis zum letzten Spieltag auf Platz eins gestanden sind, leider konnten wir im letzten Spiel nicht unseren großen Traum erfüllen und aufsteigen.

Den Abwärtstrend 2024 können Sie doch aber nicht leugnen.

Unser Saisonziel war, dass wir uns in der Liga etablieren und im besten Fall einen einstelligen Tabellenplatz erreichen. Unser Weg war doch eine Sensation. Man tut dem Trainerteam und den Spielern, die ein Jahr lang hart gearbeitet haben, unrecht, wenn man ihnen jetzt diese mangelnde Entwicklung vorwirft. Nur mit diesem Engagement, dieser Entwicklung und mit diesen Fans war es möglich, als Aufsteiger eine so gute Saison zu spielen.

Dennoch ging die Stabilität der Hinserie verloren.

Wir hatten viele Spieler, die zuvor noch nie in der Regionalliga gespielt haben, und Ausfälle von Leistungsträgern wie etwa Niklas Kolbe konnten leider nicht so ersetzt werden, wie das bei einer Mannschaft, die Aufstiegsambitionen hat, der Fall ist. In der Winterpause wurde gemeinsam entschieden, dass wir dem Team vertrauen und dass keine neuen, qualitativ besseren Spieler dazu geholt werden, um mit denen die Entwicklung und die Chancen, aufzusteigen, zu verbessern. Es war klar, dass es kein Muss ist, aufzusteigen. Andere Vereine hatten sicherlich mehr individuelle Qualität als wir in ihren Teams.

„VfB hat ganz andere Möglichkeiten“

Sie hatten mit Ihrem Team einen Zehn-Punkte-Vorsprung auf den VfB Stuttgart II noch verspielt. Irgendetwas muss in der Mannschaft doch „verrutscht“ sein. Welche Erklärung haben Sie dafür?

Es ist eigentlich immer so, dass die U-23-Mannschaften die Vorrunde benötigen, bis sich die jungen Talente an den Herrenbereich gewöhnen. Der VfB hat ganz andere Möglichkeiten und individuell außerordentliche Talente in seinen Reihen, die sich in der Rückrunde dann hervorragend entwickelt und sehr konstant gespielt haben. Sie sind ganz ruhig geblieben – auch nach der 1:8-Niederlage gegen Homburg – und sind auch deswegen immer besser geworden. Sie waren in allen Mannschaftsteilen sehr gut besetzt und stellten vor allem auch zwei Spieler, die unter den besten drei Torschützen in der Liga waren.

Ihr Team musste immer ans Limit?

Es war aber auch sichtbar, dass wir als Mannschaft immer an unsere Leistungsgrenze kommen mussten oder sogar noch darüber, um in dieser Liga punkten zu können. Wenn uns das nicht gelang, haben wir uns gegen jedes Team schwer getan. Wir waren nicht so aufgestellt, dass wir da jetzt Plan A, B oder C aufrufen konnten und mit individueller Qualität, auch mal an einem schlechten Tag, das Spiel gewinnen. Aber wir kommen schon wieder in den Modus, dass ich mich als Aufsteiger für eine Vizemeisterschaft entschuldigen muss.

Welche Rolle spielte der Kapitän? Und gibt es etwas, dass Sie im Nachhinein anders machen würden?

Natürlich machen Menschen, die arbeiten und Entscheidungen treffen müssen, auch Fehler. Keine Frage. Aber wir haben uns als Mannschaft und Verein die letzten Jahre – und da schließe ich diese Regionalligasaison hundertprozentig mit ein – hervorragend entwickelt. Es zählt immer nur das ganze Team und nicht der einzelne. Unser Kapitän hat ebenfalls seinen Teil dazu beigetragen, dass wir Oberliga-Meister geworden sind, mehr als ordentlich in der Regionalliga angekommen sind und wir als Verein positiv auf uns aufmerksam gemacht haben. Diese Zuschauerzahlen, diese Stimmung, diese Begeisterung – das haben wir doch alle gemeinsam entwickelt und erarbeitet.

Was Vertrauen und konstruktives Miteinander im Sinne des Vereins betrifft, gab es im Verhältnis zu Sportdirektor Marc Stein, vorsichtig ausgedrückt, Luft nach oben. Welche Auswirkungen hatte dies, und welche Lehren ziehen Sie daraus?

Ich war ja schon Cheftrainer, als er bei uns als Sportdirektor angefangen hat. Es gab davor keinen Austausch zwischen uns und somit wussten er und ich nicht, wer wie arbeitet und ob das überhaupt passen kann. Sicherlich war die Zusammenarbeit nicht immer optimal und auch nicht immer von Vertrauen geprägt. Dennoch haben wir es geschafft, sehr erfolgreich zu sein mit der Oberliga-Meisterschaft, dem WFV-Pokalsieg und der Regionalliga-Vizemeisterschaft als Aufsteiger und haben immer professionell zusammengearbeitet.

Stimmt es, dass in Ihrem bis 30. Juni 2025 laufenden Vertrag eine festgeschriebene Abfindungssumme verankert war, und ist der Kontrakt inzwischen aufgelöst?

Ich bin vom Verein freigestellt worden, zu Vertragsinhalten äußere ich mich natürlich nicht.

Wie sehen Sie Ihre sportlichen Zukunft? Als Chef- oder auch als Co-Trainer in einer höheren Liga, in der Region oder im Ausland?

Ich möchte der bestmögliche Trainer werden, der ich sein kann, unabhängig von der Position als Cheftrainer oder Co-Trainer. An welchem Ort es weitergeht ist nicht wichtig. Wichtig ist die Überzeugung, dass es das Richtige ist.

Werden Sie weiter als Lehrer arbeiten, oder setzen Sie künftig komplett auf die Karte Fußball? Und gibt es Signale, dass Sie am Lehrgang für die Uefa-Pro-Lizenz teilnehmen können?

Ich war ja schon die ganze Zeit als Lehrer tätig, kann mir aber auch sehr gut vorstellen, komplett auf die Trainerkarriere zu setzen. Die Uefa-Pro-Lizenz werde ich definitiv anstreben, ob ich da aber im nächsten Lehrgang oder eben später teilnehmen kann, wird man sehen.

Wann und in welcher Form werden Sie sich von der Mannschaft verabschieden?

Da ich zwei Wochen nach Saisonende während meines Urlaubs per Anruf freigestellt wurde, hatte ich leider nicht die Möglichkeit, mich persönlich zu verabschieden und habe dies dann bisher leider nur über die Mannschaftsgruppe per WhatsApp gemacht.

Gute Wünsche für den Verein

Was trauen Sie den Kickers in der kommenden Saison zu?

Nach der erreichten Vizemeisterschaft in dieser Saison wünsche ich dem Verein, dass sich die Mannschaft nochmal verbessert und die Meisterschaft erreicht. Das würde ich dem Verein, der Mannschaft und diesen unglaublichen Fans wünschen.

Sie stammen aus der Region, Sie waren sieben Jahre lang im Verein tätig, Sie kennen das Innenleben der Kickers. Was muss beherzigt werden, um sich mittelfristig zumindest in der dritten Liga etablieren zu können?

Ich wünsche mir, dass der Verein den Weg fortsetzt, den wir in den letzten Jahren eingeschlagen haben. Sportlich, aber auch mit dem neuen Stellenwert, den großen Steigerungen bei Mitgliedern, Dauerkarten und Zuschauern. Mit so sensationellen Pokalspielen, wie wir sie gegen Frankfurt, Fürth und Ulm im WFV-Pokal-Finale erlebt haben. Und ich wünsche den Kickers, dass sie ihre Identität, ihre Wurzeln und vor allem auch die Nähe zu den Fans beibehalten. Denn der Verein hat großes Potenzial, um auch in Zukunft erfolgreich zu sein , das haben auch diese außergewöhnlichen Fans verdient.

Zur Person

Vita
Mustafa Ünal wurde am 7. September 1983 in Laichingen geboren und wuchs in Wiesensteig (Kreis Göppingen) auf. Er spielte beim TSV Bad Boll und beim TSV Obere Fils und war dort auch Jugendtrainer. Von 2013 bis 2017 trainierte er Nachwuchsteams beim SSV Ulm 1846, ehe er ins Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) der Kickers wechselte. Dort führte er in der Saison 2020/21 die U19 in die Bundesliga. Vom 27. September 2021 bis Juni 2024 war er Chefcoach der ersten Mannschaft.

Persönliches
Ünal ist Lehrer an der Körschtalschule Plieningen für die Fächer Informatik, Wirtschaftslehre, Sport und Technik. Er unterrichtet an dieser Gemeinschaftsschule. Er wohnt mit seiner Familie in Birkach, ist verheiratet mit Esra. Das Paar hat zwei Söhne – Ömer (5) und Mert (2). (jüf)