Die Stuttgarter Kickers stehen vor dem ersten Rückrundenspiel gegen Fulda auf Platz elf. Sportgeschäftsführer Lutz Siebrecht spricht über die Hinrunde und die Zukunft des Trainers.
Platz elf bei Halbzeit: Es gibt viel Luft nach oben für die Stuttgarter Kickers vor dem ersten Regionalliga-Rückrundenspiel und letzten Heimauftritt des Jahres gegen die SG Barockstadt Fulda-Lehnerz (Samstag, 14 Uhr/Gazi-Stadion). Sportgeschäftsführer Lutz Siebrecht ordnet die Lage ein.
Herr Siebrecht, enttäuschender hätte der Hinrundenabschluss in Großaspach nicht sein können – oder sehen Sie das anders?
Der Spielverlauf war in einem insgesamt ausgeglichenen Spiel unglücklich. Großaspach hat zum richtigen Zeitpunkt zugeschlagen und damit den Unterschied gemacht. Es war nicht so, dass uns der Gegner klar überlegen gewesen wäre – aber in den entscheidenden Momenten waren sie konsequenter.
Aber in einer über 40-minütigen Überzahl keine zwingende Torchance herauszuspielen ist doch fast peinlich.
Peinlich würde ich es nicht nennen, aber es war eindeutig zu wenig. Wir haben keine klaren Lösungen gefunden und zu umständlich gespielt. Auch mit der Einwechselung einer zweiten Spitze kam nicht die Torgefahr, die wir uns vorstellen.
War diese Partie nicht ein Spiegelbild der kompletten Kickers-Hinrunde? Es wurde oft gefällig zwischen den Strafräumen kombiniert, doch es fehlte häufig die Durchschlagskraft im Strafraum.
Es gibt Parallelen zu dieser Beschreibung, ja. Trotzdem wäre es zu einfach, die gesamte Hinrunde auf dieses eine Spiel oder ein einziges Muster zu reduzieren. Zu Hause haben wir viele starke Leistungen gezeigt. Auswärts waren wir oft zu fehleranfällig, zu harmlos und sind mit Rückschlägen im Spiel nicht gut umgegangen. Das sind die entscheidenden Gründe für unsere aktuelle Platzierung.
Welche Schulnote würden Sie dem Team geben?
Ich halte nichts von Schulnoten, und ich bin auch kein Lehrer. Was ich sagen kann: Wir haben eine neu zusammengestellte Mannschaft, die sich entwickelt. Es gab gute Phasen, in denen man gesehen hat, welches Potenzial vorhanden ist. Die fehlende Konstanz hat uns Punkte gekostet. Und genau daran arbeiten wir.
Finden Sie, die Entwicklung seit Saisonbeginn nahm einen positiven Verlauf?
Die Entwicklung hatte gute Momente, aber auch Rückschläge, die wir als mögliche Folge des Umbruchs schon vor der Saison angekündigt hatten. Und für die wir auch Geduld eingefordert haben. Deshalb stehen wir dort, wo wir stehen. Unser Anspruch ist, regelmäßig intensive und zielstrebige Leistungen abzurufen. Wenn wir das schaffen, können wir Fehler besser wegstecken und stabiler werden.
Erinnert Sie die aktuelle Spielweise an den Fußball unter Ramon Gehrmann?
Nein, die beiden sind unterschiedliche Trainer mit unterschiedlichen Ansätzen. Beide legen jedoch Wert auf Ballbesitz und Offensivspiel. Entscheidend ist aber sowieso etwas anderes.
Bitte.
Unabhängig vom Spielstil darf man sich bestimmte Fehler nicht erlauben. Auswärts haben wir den Gegnern in einigen Spielen zu einfache Möglichkeiten gegeben. Das darf nicht passieren, da müssen wir uns deutlich verbessern. Aufwand und Ertrag müssen in Summe in einem guten Verhältnis stehen.
Fehlten nicht auch häufig Wucht und körperliche Robustheit?
In manchen Spielen war Robustheit ein Faktor, aber nicht grundsätzlich. In Großaspach hat der Gegner in den Strafräumen mehr Präsenz gezeigt. Das erklärt auch, warum sie bislang deutlich mehr Tore erzielt haben. Diese Konsequenz brauchen wir ebenfalls.
Was sagt das Torverhältnis 23:25 der Kickers aus?
Das Torverhältnis zeigt, dass wir im Mittelfeld stehen – und dass wir Steigerungspotenzial haben. Die Tabellenkonstellation ist sehr eng und mit guten Leistungen und gewonnenen Spielen haben wir noch die Chance, näher an die Spitzengruppe heranzukommen. Eine Serie kann dich in dieser Liga schnell nach vorne bringen. Dafür müssen wir aber zielstrebiger und klarer werden. In der Regionalliga Südwest entscheiden Kleinigkeiten, und genau da müssen wir konsequenter auftreten.
Kommen wir zum Trainer. Der Vertrag von Marco Wildersinn läuft am Saisonende aus. Wie ist Ihre Haltung zu diesem Thema?
Wie bereits gesagt: Das Thema besprechen wir im neuen Jahr, möglicherweise erst im Frühjahr. Im Moment liegt der Fokus komplett auf der Mannschaft und auf den kommenden Aufgaben.
Warum erst im Frühjahr? Die Winterpause beginnt für die Kickers am 6. Dezember und endet am 20. Februar, in dieser Zeit tun sich keine neuen Aspekte auf.
In dieser Zeit passiert sehr viel. Die Transferperiode, die Analyse der bisherigen Saison und vieles mehr. Das ist eine wichtige Zeit, um uns optimal auf die heiße Phase der Saison vorzubereiten.
Also ist Marco Wildersinn auf jeden Fall, egal wie die restlichen drei Spiele 2025 laufen, mindestens bis zum Frühjahr Trainer?
Im Fußball hat niemand eine hundertprozentige Jobgarantie – weder Trainer noch andere Verantwortliche. Es gibt immer verschiedene Konstellationen, die Veränderungen notwendig machen können. Am Ende geht es nicht um einzelne Personen.
Sondern?
Um die richtigen Entscheidungen im Sinne des Vereins. Wir haben den Kader verjüngt und Spieler verpflichtet, die Potenzial zur Entwicklung haben. Das ist ein guter Schritt, aber dieser Weg braucht Zeit. Entscheidend ist, die klare Linie weiterzuverfolgen und kontinuierlich an den nächsten Entwicklungsschritten zu arbeiten.
Zeit, die vor allem dem Trainer nicht von allen gegeben wird – vor allem, wenn man in die sozialen Medien schaut.
Soziale Medien spiegeln Emotionen wider, oft direkt nach einem Spiel. Das ist verständlich, aber es beeinflusst unsere Entscheidungen nicht. Wir suchen bewusst den direkten Austausch mit unseren Fans bei Stammtischen oder anderen Veranstaltungen. Unsere Anhänger unterstützen uns großartig – auch in Aspach war das große Klasse. Wenn nach so einem Spiel Enttäuschung da ist, kann ich das absolut nachvollziehen. Wir sind selbst ja auch enttäuscht.
Zur Person
Karriere
Lutz Siebrecht wurde am 26. Oktober 1967 in Geislingen/Steige geboren. Er begann seine Laufbahn bei seinem Heimatclub SC Geislingen, später absolvierte er zwischen 1988 und 1991 als offensiver Mittelfeldspieler für den SV Waldhof Mannheim 44 Bundesliga- und 18 Zweitligaspiele. Von 2015 bis 2018 fungierte er als Sportlicher Leiter beim SSV Ulm 1846, von Juli 2019 bis Oktober 2021 in gleicher Rolle bei den Stuttgarter Kickers. Danach folgte er seinem früheren Mitspieler, Freund und Nachbarn Markus Gisdol zu Lokomotive Moskau, wo er den Teammanagerposten antrat. Infolge des russisch-ukrainischen Krieges traten beide im März 2022 von ihren Ämtern zurück. Zum 1. Januar 2025 kehrte Siebrecht als Geschäftsführer Sport zu den Kickers zurück.
Persönliches
Neben seiner sportlichen Tätigkeit ist er einer von zwei Geschäftsführern bei der Wirth GmbH & Co. KG, ein auf dem Großmarkt Stuttgart handelndes Unternehmen, welches vorrangig Feinkostläden, Wochenmarkthändler sowie große Handelsketten mit (Süd-)Früchten beliefert. Siebrecht ist verheiratet, hat zwei Söhne (34 und 31 Jahre) und eine Tochter (23). Er wohnt in Bad Überkingen. Sein Hobby ist Reisen. (jüf)