Präsident Rainer Lorz (li.) und Sportdirektor Marc Stein arbeiten seit 1. Januar 2022 zusammen. Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

Die Stuttgarter Kickers stehen vor einer richtungsweisenden Frage. Wird der am Saisonende auslaufende Vertrag von Sportdirektor Marc Stein verlängert oder wird eventuell sein Vorgänger auch sein Nachfolger? Präsident Rainer Lorz äußert sich.

Fußball-Regionalligist Stuttgarter Kickers befindet sich in der fast dreimonatigen Winterpause. Zeit für ein Zwischenfazit und die Möglichkeit, Weichen mit Blick auf die neue Saison zu stellen. Präsident Rainer Lorz spricht über beides.

 

Herr Lorz, wie fällt Ihr sportliches Zwischenfazit aus?

Wir hatten uns nach der Enttäuschung zum Ende der vergangenen Saison neu aufgestellt. Es war klar, dass es dauert bis die Mechanismen greifen und es nicht auf Knopfdruck geht. Nach einem ordentlichen Start hatten wir eine schwächere Phase mit dem ärgerlichen Pokal-Aus gegen den SGV Freiberg und weiteren vermeidbaren Punktverlusten in der Liga. Zuletzt hat sich das Team gefunden, es tritt sehr stabil auf und setzt um, was das Trainerteam vorgibt. 13 von 15 möglichen Punkten aus den letzten fünf Spielen bei 8:1 Toren – das ist sehr erfreulich und kann sich sehen lassen.

Der Rückstand auf Spitzenreiter TSG 1899 Hoffenheim II beträgt acht Punkte. Greifen die Kickers nach der Winterpause noch einmal an?

Es kann alles Mögliche passieren, aber es bringt doch nichts, jetzt die große Lippe zu riskieren und den Großangriff auszurufen, das motiviert doch nur die Gegner. Auch wenn es platt klingt, wir müssen uns auf unsere Stärken besinnen, auf das, was die Kickers auszeichnet, und wollen jedes Spiel gewinnen. Dafür engagieren sich ganz viele Menschen bei den Kickers und dafür haben wir auch das entsprechende Umfeld geschaffen.

Wer oder was war für Sie die größte Überraschung?

Auch wenn ich die sportliche Beurteilung gerne anderen überlasse: Persönlich war für mich Nyamekye Awortwie-Grant eine sehr positive Überraschung. Aber auch Nevio Schembri und Mario Borac haben sich toll entwickelt. Am Stabilsten präsentiert hat sich mit Sicherheit unser Torwart Felix Dornebusch. Mit der einen oder anderen Riesenparade hat er uns Punkte gerettet.

Zumal man vorne Topchancen öfter ungenutzt ließ.

Ganz klar war das unser Hauptmanko. Wir lassen den Ball gut laufen, spielen sehr ordentlich, haben uns aber zu selten für den großen Aufwand belohnt.

Wie sehen konkret die Pläne aus, den 25-Mann-Kader in der Winterpause zu verkleinern?

Wir sind in der Tat sehr komfortabel ausgestattet und haben eigentlich einen zu großen Kader. Aber es ist nun mal nicht so leicht, sich von Spielern zu trennen, die einen laufenden Vertrag besitzen. Da merkt man schon: Die Kickers sind eine gute Adresse. Aber es haben sich einige Spieler herauskristallisiert, die nicht die Einsatzzeiten haben, die sie gerne hätten. Mit diesen Spielern wird klar kommuniziert und es werden Möglichkeiten aufgezeigt. Aber letztendlich muss eben auch der Spieler mitmachen.

„Wir sprechen auch mit Dicklhuber über Lösungen“

Wie sehen Sie die Lage bei Kevin Dicklhuber?

Wir wollen keine Einzeldiskussionen beginnen. Aber klar sind seine Spielzeiten nicht so hoch, wie er sich dies als ehemaliger Führungsspieler vorstellt. Wir sprechen daher auch mit ihm über mögliche Lösungen.

Kommen wir zum Thema Sportdirektor. Wäre es nicht grundsätzlich sinnvoll, wenn der Vertrag eines Sportdirektors, der in Personalunion auch Kaderplaner ist, am Kalenderjahresende ausläuft und nicht erst am Saisonende, wie das bei Marc Stein der Fall ist?

Das kann man in beide Richtungen sehen. Wenn der Vertrag im Winter endet, wird die gleiche Diskussion sechs Monate vorher geführt, dann gewinnst du auch nichts. Wir machen aktuell Dinge, die auf jeden Fall Sinn ergeben, ganz unabhängig davon, wer in der neuen Saison Sportdirektor ist.

Wenn Sie Vertragsverlängerungen von Spielern wie Christian Mauersberger, Lukas Kiefer oder Nico Blank ansprechen, gebe ich Ihnen recht. Aber es gibt auch strittigere Personalien wie etwa die von Paul Polauke. Deshalb die Frage: Müssten Sie nicht so schnell als möglich Klarheit schaffen, damit auch derjenige die Weichen stellt, der in der neuen Saison die Verantwortung trägt?

Wir hatten jede Menge andere Aufgaben vor der Brust: Das 125-Jahr-Jubiläum, die Mitgliederversammlung – jetzt werden wir das von Ihnen angesprochene Thema angehen. Wir werden ein Zwischenfazit ziehen. Wo stehen wir? Was ist gut gelaufen? Was ist schlecht gelaufen? Dann treffen wir eine Entscheidung, die hoffentlich vernünftig ist.

Ob die Mannschaft in Villingen 1:0 gewinnt oder 1:1 spielt, dürfte nicht der entscheidende Faktor sein, Sie müssen eine längere Strecke zur Beurteilung heranziehen.

Selbstverständlich. Das ist eine prägende Entscheidung. Da spielen viele Facetten eine Rolle. Wir haben uns vor der Saison für eine andere Herangehensweise beim Spielsystem entschieden. Nur Powerfußball und hohe Intensität führte am Ende dazu, dass wir zu ausrechenbar waren. Nur mit spielerischen Akzenten und Ballbesitzfußball zum Erfolg zu kommen, funktioniert in der Regionalliga aber auch nicht. Das kannst du machen, wenn du Manchester City bist. Wir sind dazu nicht um so viel besser, als unsere Gegner.

Also?

Müssen wir schauen: Was passt zu uns? Was passt zum gesamten Verein? Was passt zu der Liga? Dafür brauchen wir eine gesunde Mischung. Das ist ein Puzzle, für das wir als Verein die grundsätzliche Linie vorgeben. Alle haben beschränkte Budgets in der Regionalliga. Am Ende gewinnt der, der das Geld am vernünftigsten einsetzt.

Ist Lutz Siebrecht die einzige Alternative zu Marc Stein, und fällt die Entscheidung noch vor Weihnachten?

Ich werde keinen Namen kommentierten. Wir müssen sehen, wann unser Meinungsbild abgeschlossen ist. Am Ende muss alles zusammenpassen. Klar ist das eine Kernfrage, die sich nicht bis Januar, Februar, März ziehen sollte, die Weichen werden jetzt gestellt.