Nach zuletzt nur einem Punkt aus vier Spielen ist die Stimmung bei den Stuttgarter Kickers gekippt. Präsident Rainer Lorz spricht im Interview über die Gründe für die aktuelle Lage sowie über die Zukunft von Trainer und Sportdirektor und seinen eigenen Plänen.
Der Druck ist groß, es besteht Lieferpflicht. Die Stuttgarter Kickers wollen nach vier sieglosen Partien in der Fußball-Regionalliga in Serie beim Bahlinger SC an diesem Samstag (14 Uhr – bei uns im Livestream) wieder einen Erfolg landen. Präsident Rainer Lorz stellt sich den Fragen zur aktuellen Situation.
Herr Lorz, die Stimmung bei den Fans ist komplett gekippt. Wie ernst sehen Sie die Lage bei den Kickers?
Grundsätzlich: Die Lage bei den Stuttgarter Kickers ist immer ernst. Und eigentlich war die Stimmung schon nach dem verpassten Aufstieg in der vergangenen Saison sehr wackelig. Aber es stimmt, die Ergebnisse, die wir bisher in dieser Saison erzielt haben, reichen nicht aus für einen Stimmungsaufschwung. Das wissen wir, und sind damit auch keineswegs zufrieden.
Nur ein Sieg aus den vergangenen sieben Pflichtspielen, Platz neun. Das kann nicht der Anspruch der Blauen sein, oder?
Umgekehrt haben wir 15 Punkte aus den ersten sieben Spielen geholt, in denen wir ungeschlagen geblieben sind. Was ich damit sagen will: Mit Serien und Ansprüchen ist das im Fußball nicht immer nicht ganz so einfach. In den ersten elf Spielen dieser Saison haben wir 16 Punkte geholt. In den letzten elf Begegnungen der vergangenen Saison waren es aber auch nur 14. Also reden wir saisonübergreifend von 30 Punkten in 22 Spielen, einem Schnitt von 1,36. Das ist in der Tat gerade bei dem Aufwand, den wir betreiben, zu wenig.
Wo liegen die Gründe?
Es gibt auf jeden Fall nicht den einen Grund oder den einen Verantwortlichen. Wir haben nach der schlechten Serie gegen Ende der vergangenen Saison Veränderungen vorgenommen, und uns geht es jetzt wie vielen anderen Vereinen im Profifußball, die viel verändert haben: dass es in einem solchen Entwicklungsprozess auch zu Rückschlägen kommen kann.
Halten Sie einen Aufstieg in dieser Saison noch für realistisch?
Um solche Einschätzungen geht es derzeit überhaupt nicht. Was man bei aller Unzufriedenheit mit der Situation nicht vergessen sollte: Wir waren fünf Jahre lang ein Oberligist und sind jetzt im zweiten Jahr in der Regionalliga. Natürlich wollen wir möglichst viele Punkte holen und eine klare Fortentwicklung sehen. Wenn man bei den Stuttgarter Kickers Präsident ist, weiß man ohnehin genau, wie schnell alles gehen kann im Fußball – unabhängig von der Richtung. Es gibt keinen Automatismus im Fußball. Vereine wie die Offenbacher Kickers, der FC Homburg oder auch andere streben seit Jahren den Aufstieg in die dritte Liga an – und haben es nicht geschafft. Dazu kommen extrem starke zweite Mannschaften aus Hoffenheim und Freiburg mit anderen Voraussetzungen. Aber wir schauen nach uns und wollen zunächst punktemäßig unsere Bilanz aufbessern.
Sportdirektor und Trainer betonen den Faktor Zeit. Müssen sechs Wochen Vorbereitung und 14 Pflichtspiele nicht reichen, damit ein neues Spielsystem greift?
Ich sehe auch nicht, dass es nur am Spielsystem liegt – wir haben eher eine Ergebniskrise. Ich habe das Spiel gegen den TSV Steinbach Haiger, das wir 5:1 gewonnen haben, nicht so gut gesehen wie andere – und ich habe das Spiel gegen den derzeitigen Spitzenreiter FSV Frankfurt nicht so schlecht gesehen wie andere. Wir suchen noch unsere Mitte – beim Spiel und bei den Ergebnissen. Das hat aber nichts mit der Vorbereitung, den 14 Pflichtspielen oder ausschließlich dem Faktor Zeit zu tun. Wir hatten, wie gesagt, einen sehr guten Start in die Saison und wir haben, wie ebenfalls bereits gesagt, in den letzten elf Spielen der vergangenen Saison weniger Punkte geholt – das hatte auch nichts mit dem Spielsystem oder dem Faktor Zeit zu tun. Fußball ist manches Mal komplizierter, als man denkt.
Wie lange geben Sie Trainer Marco Wildersinn noch Zeit?
Diese Diskussion fangen wir gar nicht erst an.
Für die Zusammenstellung der Mannschaft und der Verpflichtung des Trainers ist der Sportdirektor zuständig. Ist sein Schicksal mit dem des Trainers verknüpft – und wie planen Sie mit ihm, zumal sein Vertrag am 30. Juni 2025 ausläuft?
Ganz ehrlich: Diese Frage ist nach vier Spielen ohne Sieg etwas zu grundsätzlich und hängt nicht von der derzeitigen Ergebnissituation ab. Momentan konzentrieren wir uns im Verein darauf, die Ergebniskrise zu beenden. Und da geht der Präsident des Vereins mit gutem Beispiel voran und versucht, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und das sind nun einmal die Spiele.
Werden Trainer und Sportdirektor auch bei einer Niederlage am Samstag bei Schlusslicht Bahlinger SC im Amt bleiben?
Über dieses Stöckchen springe ich, wie bereits erwähnt, nicht drüber.
Werden Sie bei der Mitgliederversammlung am 18. November noch einmal als Präsident antreten?
Wir sollten uns im Moment alle ausschließlich auf die nächsten Spiele konzentrieren und keine anderen Diskussionen beginnen. Keine Sorge, wir werden die Mitglieder rechtzeitig informieren.
Zur Person
Karriere
Rainer Lorz wurde am 14. Dezember 1962 in Darmstadt geboren. Er ist in Berlin aufgewachsen und lebt seit 1995 in Stuttgart. Lorz spielte Fußball beim FV Wannsee Berlin und für die DJK Konstanz. 2005 kam er in den Aufsichtsrat der Kickers, seit 2010 ist er Präsident, gewählt bis 2024. Er ist Anwalt in Degerloch und Honorarprofessor an der Universität Stuttgart.
Persönliches
Lorz ist verheiratet mit Mirjam. Hobbys: Golf und Literatur. (jüf)