Loris Maier mit einem Fallrückzieher bei der Partie Stuttgarter Kickers gegen 1. FSV Mainz 05 II – die Blauen gewannen mit 4:1. Foto: Pressfoto/Baumann

Die Stuttgarter Kickers sind in der Regionalliga-Tabelle eingerahmt von drei Reserveteams von Profivereinen. Sie nehmen Traditionsclubs einen Platz weg, sagen die einen. Für die Talententwicklung auf höchstem Niveau sind sie unabdingbar, meinen die anderen.

Platz eins: VfB Stuttgart II. Platz zwei: Eintracht Frankfurt II. Platz vier: TSG 1899 Hoffenheim II. Eingerahmt von diesem Trio rangieren die Stuttgarter Kickers vor dem Spitzenspiel an diesem Freitag (19 Uhr/Sportpark Dreieich) bei Eintracht II in der Tabelle der Fußball-Regionalliga auf dem dritten Platz. Nimmt ein Reserveteam eines Proficlubs am Ende einem Traditionsclub mit großer Fanbasis einen Aufstiegsplatz weg?

 

„Ungleichheit der Waffen“

Es ist eine nicht endende Diskussion, die schon lange vor dem Sprung der Blauen in die vierte Liga geführt wird. „Wenn die Proficlubs mit ihren zweiten Mannschaften Ernst machen, hast du keine Chance mitzuhalten“, monierte Thomas Sobotzik, der ehemalige Sportdirektor von Regionalligist Kickers Offenbach und aktuelle Sportchef des Drittligisten Hallescher FC, die „Ungleichheit der Waffen in Sachen infrastrukturellen und finanzielle Voraussetzungen“.

Auf der einen Seite steigern die Traditionsclubs die Attraktivität der Spielklasse, auf der anderen Seite steht der übergeordnete Wunsch nach einer bestmöglichen Nachwuchsförderung auf höchstem Niveau. Dass ein Talent in seiner Entwicklung zum Profi davon profitiert, wenn es in einem umkämpft-hitzigen Männerspiel am Bieberer Berg oder im Gazi-Stadion auf der Waldau gegen Widerstände ankämpfen muss – diesbezüglich gibt es keine zwei Meinungen.

Wunsch nach vielen Traditionsclubs

Dennoch wäre Matthias Becher, dem Geschäftsführer der Stuttgarter Kickers, eine Regelung wie in England am liebsten. Dort sind die zweiten Mannschaften der Premier-League-Clubs in einem eigenen Wettbewerb in der Premier League 2 am Ball. „Natürlich würden wir uns wünschen, wenn wir so oft wie möglich gegen Traditionsclubs mit vielen Fans spielen könnten und die Reserveteams in einer eigenen Ausbildungsliga gegeneinander antreten“, sagt Becher, „aber wir akzeptieren selbstverständlich die DFB-Regularien, die die Profivereine völlig legitimerweise nutzen.“

Die Kritik wird immer dann lauter, wenn willkürlich Profispieler eingesetzt werden. „Gegen uns hat Hoffenheim II Lizenzspieler gebracht, eine Woche später gegen Hessen Kassel nicht. Das ist nicht fair, das ist Wettbewerbsverzerrung“, kritisiert Roland Seitz, der Trainer des SGV Freiberg. Auch für Martin Braun hat eine solche Vorgehensweise einen „faden Beigeschmack“. Der Coach der TSG Balingen schlägt vor, dass zumindest die Anzahl der Spieler, die im Laufe einer Saison eingesetzt werden können, begrenzt wird. So hätten auf der Spielberechtigungsliste von Borussia Dortmund II, das sich 2021 im Fernduell um den Drittligaaufstieg gegen Rot-Weiss Essen durchsetzte, bisweilen 57 Akteure gestanden. Der SC Freiburg II setzte in seiner Aufstiegssaison zur dritten Liga 2022/23 insgesamt 38 Spieler ein.

Markus Fiedler, der Coach des VfB Stuttgart II, kann die Argumente der Traditionsclubs durchaus nachvollziehen, verweist aber auf den sensiblen Umgang mit dem Thema in seinem Verein. In dieser Runde kam bisher nur Torwart Dennis Seimen aus dem Profikader zum Einsatz. „Dass er mit seinen 17 Jahren schon Regionalliga-Spielzeit bekommt, ist natürlich sehr gut. Da ergibt die vierte Liga als Brücke und Sprungbrett zu den Profis schon Sinn“, sagt Fiedler, der darauf verweist, dass sich in Spanien die zweiten Mannschaften sogar in der zweiten Liga messen dürfen. In Deutschland ist es maximal bis zur dritten Liga möglich. Weitere Schranke: Zweite Mannschaften von Drittligisten dürfen nur bis zur Oberliga am Spielbetrieb teilnehmen.

Letztendlich führen die Diskussionen immer zu der zentralen Frage, was stärker zu gewichten ist: Die Talententwicklung oder die Vereinsinteressen? Aus dem Umfeld des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) verlautet, dass es bei diesem Thema „die eine und einzige Lösung nicht gebe, man durchaus aber über den Tellerrand hinausschaue, auch ins Ausland“.

Kein Abstieg bei U 19 und U 17

Dass sich die zweiten Mannschaften mit Männerteams im Kampf um Auf- und Abstieg messen, passt nicht ganz zusammen mit einer Änderung, die sich ab der Saison 2024/25 auswirkt: Dann werden die U-17- und U-19-Bundesligen in ihrer aktuellen Form abgeschafft und von sogenannten Nachwuchsligen ersetzt, in der alle Vereine mit einem Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) dauerhaft vertreten sind.

Es gibt also keinen Abstieg mehr. Die Argumentation vonseiten des DFB: Da der Ergebnisdruck für Vereinsverantwortliche aufgrund der gesicherten Ligazugehörigkeit geringer ist, kann sich der Spieler individuell besser entwickeln. Salopp formuliert: Nicht getrieben von der Angst abzusteigen, werden keine elf Renner, Kämpfer, Klopper aufgestellt, die nur hinten reinstehen, sondern – getrieben von der Gier zu gewinnen – sollen die guten Techniker und Dribbler vom Typ Straßenfußballer ein spielerisches Feuerwerk abbrennen. Ob es den deutschen Fußball wirklich nach vorne bringt, ist fraglich, fest steht nur: Die Diskussionen zu diesem Thema werden nie enden.

Info

Stammspielerregelung
In Paragraf 11 der DFB-Spielordnung ist der Einsatz von Akteuren aus der Bundesliga-Mannschaft in der U 21/U 23 klar geregelt. So sind Stammspieler für die letzten vier Spieltage grundsätzlich nicht spielberechtigt – die einzige Ausnahme: „Sie sind in vier aufeinanderfolgenden Pflichtspielen der Lizenzspieler-Mannschaft (Meisterschaft und Pokal) nicht zum Einsatz gekommen, obwohl sie für einen Einsatz spielberechtigt gewesen wären“, heißt es in Paragraf 11 unter Punkt 2. Als Stammspieler ist definiert, wer bis einschließlich des fünftletzten Spieltages mehr als die Hälfte der möglichen Pflichtspiele (Meisterschaft und Pokal) in der Bundesliga-Mannschaft bestritten hat – unabhängig von der Dauer des Einsatzes.

Routiniers
Der DFB erlaubt den Bundesligisten, dass in der U 21/U 23 gleichzeitig drei Spieler eingesetzt werden dürfen, die älter als 23 Jahre sind. (red)