Beim Dreikönigskonzert des Stuttgarter Kammerorchesters dreht sich alles um „Amadeus, Amadeus“.
Wilde Zeiten sind Hoch-Zeiten von Beständigkeit und Wiederkehr, und so nimmt es nicht Wunder, dass der Beethovensaal beim traditionellen Dreikönigskonzert des Stuttgarter Kammerorchesters gut gefüllt ist. Schließlich steht dieses Ensemble, das 2025 seinen achtzigsten Geburtstag feierte, wie kein anderes in der Landeshauptstadt für das, was die Finnen „Sisu“ nennen. Also für Ausdauer, innere Stärke und Resilienz. 1945 zwischen Ruinen gegründet, hat sich das Stuttgarter Kammerorchester immer wieder neu erfunden. Und zeigt, wenn es dem Publikum in neun Sprachen seiner Mitglieder ein gutes Neues Jahr wünscht, dass zu dieser Neuerfindung auch Öffnung und Integration gehören.
Pierre-Laurent Aimard nähert sich mit analytischem Blick
Das durch die Reihen gereichte Mikrofon gehört mit zum jährlichen Klangfest; ebenso, dass man gute Gründe haben muss, um nicht dabei zu sein. Dabei standen unter dem Motto „Amadeus, Amadeus“ ausschließlich Werke jenes Komponisten auf dem Programm, der 2026 seinen 270. Geburtstag gefeiert hätte. Die Schwelle lag also niedrig. Denkt man zumindest.
Welch ein Irrtum! Der Satz „Mozart ist zu leicht für Studierende und zu schwer für Profis“ bestätigt sich immer wieder. Mozarts Musik ist so transparent, dass jeder Fehler sofort auffällt. Sie will dramatisch verstanden, gleichzeitig aber auch ganz zart gesungen werden. Sie muss natürlich, leicht, ungekünstelt klingen, doch um dies zu erreichen, braucht es nicht nur höchste Kunst, sondern auch die Fähigkeit loszulassen.
Solist beim c-Moll-Klavierkonzert KV 491 ist der Franzose Pierre-Laurent Aimard, einer der renommiertesten Pianisten unserer Tage und ein Spezialist vor allem für moderne und zeitgenössische Werke.
Mozarts Konzert – eines seiner leidenschaftlichsten, individuellsten, auch harmonisch reibungsintensivsten Werke – nähert sich Aimard mit analytischem Blick.
Mozarts Musik braucht auch Atem und Gesang
Der gilt zuallererst dem Einzelton, den der 68-Jährige behutsam abtastet. Feine Differenzierungen werden so hörbar, präzise hört man das Gegeneinander von alter Form und neuem Ausdruck. Das ist die eine Seite. Die andere: Nicht alle Einzeltöne fügen sich zu Linien, nicht alle Linien enthalten das, was Mozarts Musik auch braucht, Atem und Gesang. Vor allem im Eingangssatz geht bei schnellen Läufen Einiges verloren oder fließt diffus zusammen. Schön wäre es gewesen, wenn Aimard danach dem Trauerton des Larghettos durch eine weniger direkte Tongebung Raum gegeben und sich der Flügel klangfarblich ein wenig den Holzbläsern angenähert hätte, für die Mozart so feine Dialoge mit dem Solo-Instrument erdacht hat.
In den Sinfonien, die das Konzert rahmen – erst der Pariser, dann der Linzer – gelingt dem dirigierenden Thomas Zehetmair die Balance auf beglückende Weise. Temperamentvoll befeuert von seiner Konzertmeisterin Susanne von Gutzeit, präsentiert die mit sehr guten Bläsern erweiterte Streichertruppe die Musik in optimaler Balance von Detail und Linie, Drama und Fluss. Immer wieder klingen Momente, als hätte Zehetmair eine Lupe auf die Musik gelegt. Dann sitzt man da und staunt, zum Beispiel über den flauschigen, ganz zurückgenommenen Streicherteppich unter den Aktionen der Holzbläser im Menuett-Trio der Linzer Sinfonie. In der Pariser Sinfonie zelebriert das Orchester die überbordende Ideenfülle mit Lust und klarem Durchblick. Man genießt, fühlt sich gestärkt und getröstet. Und erinnert sich lächelnd an einen Satz Mozarts: „Den Himmel zu erringen ist etwas Herrliches und Erhabenes, aber auch auf der lieben Erde ist es unvergleichlich schön.“ In diesem Sinne: ein gutes Neues Jahr!