Leonard Fritz ist das jüngste Mitglied im Familienunternehmen der Stuttgarter Innenstadtkinos. Wie ist es, Teil einer traditionsreichen Kinofamilie zu sein?
Leonard Fritz ist mit dem Kino aufgewachsen. Wenn er von seiner Kindheit erzählt, dann sind es nicht nur Filme, an die er sich erinnert, sondern Räume, Gerüche und Begegnungen. Kindergeburtstage im Vorführraum, Streifzüge durch die Gänge, Premieren mit berühmten Gästen. Besonders im Kopf geblieben ist die Filmpremiere von „7 Zwerge“ als Otto Waalkes zu Besuch in Stuttgart war. „Damals ist schon die Liebe zum Film und Kino entstanden“, sagt er.
Seine persönliche Geschichte ist eng verwoben mit der Geschichte eines Hauses, das wie kaum ein anderes für die Kinokultur in Stuttgart steht: das ehemalige Hotel Marquardt. Im 19. Jahrhundert von dem Unternehmer Wilhelm Marquardt gegründet, war es einst die erste Adresse der Stadt. Persönlichkeiten wie Richard Wagner, Otto von Bismarck, Karl May oder Ferdinand von Zeppelin gingen hier ein und aus. Heute lässt sich noch erahnen, wo die feinen Herrschaften genächtigt haben. Lange Gänge mit Zimmern, die nach rechts und links abgehen und die heute als Büroräume genutzt werden. Hier hängen teils noch prächtige Kronleuchter.
Vom Hotel zu den Stuttgarter Innenstadtkinos
Wer im 19. Jahrhundert auf den Balkon über der Königstraße trat, blickte auf einen noch dicht bewachsenen Schlossplatz, einen waldähnlichen Park, der den Glanz des Hauses unterstrich. Dieser Glanz wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. 1944 trafen alliierte Bomben das Gebäude, nur die Außenmauern blieben stehen. Dass aus der Ruine einmal wieder ein kultureller Mittelpunkt entstehen würde, ist dem Architekten und Stadtplaner Eugen Mertz zu verdanken – dem Urgroßvater von Leonard Fritz.
Mertz, der aus einer Cannstatter Winzerfamilie stammte und im Widerstand gegen das NS-Regime aktiv war, übernahm nach dem Krieg eine zentrale Rolle beim Wiederaufbau Stuttgarts. Als enger Vertrauter des späteren Oberbürgermeisters Arnulf Klett arbeitete er im Stadtplanungsamt. Doch seine Visionen gingen nicht immer auf – etwa die Idee, Mineralwasser aus Cannstatt bis zum Schlossplatz zu leiten und dort ein Bad einzurichten. Enttäuscht verließ er das Rathaus und kaufte 1946 die Ruine des Marquardt-Baus.
„Ich versuche, einmal die Woche ins Kino zu gehen“
Aus dem ehemaligen Luxushotel wurde ein Geschäfts- und Kinohaus – und der Beginn einer bis heute andauernden Familiengeschichte. 1950 eröffnete Mertz im großen Saal das Kino „EM“, benannt nach seinen Initialen. Was damals niemand ahnte: Nur zwei Jahre später starb er mit 56 Jahren. Doch seine Idee lebte weiter. Es folgten das Cinema (1955) und das Gloria (1956). Heute werden die Stuttgarter Innenstadtkinos von Karin Fritz geführt, der Enkelin von Eugen Mertz – und Leonard Fritz’ Mutter. Leonard selbst ist aktuell nicht im operativen Geschäft tätig, aber er ist präsent: als Ideengeber und als regelmäßiger Kinobesucher.
„Ich versuche, einmal die Woche ins Kino zu gehen“, sagt der 31-Jährige. Dabei beobachtet er genau: Funktioniert alles reibungslos? Finden sich die Gäste zurecht? Ganz abschalten kann er beim Schauen also nicht. „Man ist schon ein bisschen angespannt und denkt sich: Hoffentlich klappt alles, hoffentlich sind alle zufrieden.“
Streamingdienste sind kaum eine Konkurrenz
Er selbst schaut besonders gerne Science-Fiction und Fantasy – Genres, die es ihm erlauben, „wirklich in eine andere Welt einzutauchen“. Das beeindruckendste Kinoerlebnis überhaupt? „‘Odyssee im Weltraum‘ von Stanley Kubrick.“
Seine Lieblingsplätze im Kino liegen dabei überraschend weit vorne. „Ich habe es am liebsten, wenn ich vor mir alles frei habe“, sagt er. Dazu Popcorn süß und salzig gemischt.
Für ihn ist Kino ein immersives Erlebnis – eines, das sich klar vom Streaming zuhause unterscheidet. Und genau darin sieht er auch die Zukunft des Kinos. Die Konkurrenz komme weniger von Streamingdiensten als vielmehr von einem veränderten Freizeitverhalten. Seit der Corona-Pandemie seien viele Menschen zurückhaltender geworden, gingen seltener aus. „Man muss sich heute eher aktiv motivieren, rauszugehen. Das trifft nicht nur Kinos, sondern auch Restaurants oder Clubs.“
Ein Stück Stadtidentität, das erhalten werden soll
Für Kinos bedeute das: Sie müssen mehr bieten als nur den Film. Eventformate, besondere Reihen, gemeinschaftliche Erlebnisse. Die Innenstadtkinos böten zum Beispiel immer wieder Kinoabende an, bei denen die Besucherinnen und Besucher gemeinsam stricken können oder Events wie Tanzaufführungen zum neuen Michael Jackson-Film Ende April. Im Mai kommt das Internationale Trickfilm-Festival vorbei. „Früher hat ein gutes Filmprogramm gereicht. Heute muss man aktiver auf die Leute zugehen.“ Trotz aller Herausforderungen blickt Fritz optimistisch auf die Zukunft. Entscheidend sei, das Kino weiterhin als besonderen Ort zu begreifen – als Erlebnis, das man bewusst aufsucht.
Auch für ihn persönlich ist die Richtung klar, wenn auch der Zeitplan noch nicht steht. „Es ist etwas Besonderes, so einen Familienbetrieb zu haben“, sagt Leo Fritz. „Ich möchte das erhalten aber noch nicht jetzt.“ Aktuell betreibt er mit seiner Freundin den Secondhand-Laden „Teos Vintage“ in der Gloria-Passage. Doch der Familienbetrieb bleibt im Hintergrund präsent. „Der Gedanke ist immer da“, sagt er. Druck verspürt er keinen – eher eine innere Verantwortung.
Denn die Geschichte des Marquardt-Baus ist zu einem Stück Stadtidentität geworden. Ein Ort, den „eigentlich alle kennen“, wie Fritz sagt. Ein Ort, der Generationen überdauert hat – und der, wenn es nach ihm geht, auch die nächsten Jahrzehnte prägen soll.