Am Sonntagabend ist der 39. Stuttgarter Filmwinter unter dem Motto „Scheiße/Gold“ zu Ende gegangen – mit den Preisen für herausfordernde, mutige Medienkunst.
Ausgerechnet den Hauptpreisträgerfilm wollten nur wenige Besucher bei der Abschlussgala des diesjährigen Stuttgarter Filmwinters sehen. Nach der Triggerwarnung der Moderatorin, Suse Itzels autobiografischer Dokumentaressay „Ich hätte lieber einen anderen Film gemacht“ behandle das Thema sexuellen Missbrauchs in der Familie, leerten sich die Reihen im kleinen Saal des Figurentheaters Fitz schlagartig.
Die verbliebene Publikumshälfte bekam zwar starker Tobak zu hören, aber auch ein visuell spannendes, inhaltlich mutiges Stück Kino zu sehen. In 24 Minuten Lauflänge schildert die 1984 in Neuss geborene Filmemacherin in erzählerischen Fragmenten eine höllische Kindheit im spießigen Haushalt akademisch gebildeter Eltern, mit einer Mutter, die ihre Tochter nicht liebt, und einem Vater, der sie unterm Vorwand übergroßer Liebe missbraucht.
Aus dem Off beschreibt Suse Itzel, wie die Mutter den Missbrauch übersieht
Die Eltern und auch die Filmemacherin selbst kommen im Film nur als Leerstellen vor; Itzel hat die Personen aus den Familienbildern herausgeschnitten und deren Silhouetten schwarz hinterlegt. Außerdem überblendet Itzel ihre aktuellen Lebensräume mit Aufnahmen von Räumen ihrer Kindheit. Die altdeutsch-massive Schrankwand ihrer Eltern, deren erbsengrüne Sofalandschaft aus den 1970ern und die braunen Riemchenklinker über dem Kamin wirken bedrückend.
Aus dem Off kommentiert Suse Itzel die Bilder, beschreibt, wie die Mutter den Missbrauch jahrelang übersieht und der Tochter die Schuld für ihre Einsamkeit in der Ehe zuschiebt. Und auch, wie sich der Vater 2016 zu Tode säuft, ohne für seine Verbrechen an seinem Kind Rechenschaft abgelegt zu haben.
Dass sich das nur wenige Zuschauer zutrauten, ist schade
„Scheiße/Gold“ lautete das diesjährige Motto des 39. Filmwinters. Suse Itzel hat gezeigt, wie man entsetzliche Erfahrungen produktiv verarbeitet. Dass sich nur wenige Zuschauer zutrauten, Itzels Darstellung auszuhalten und ihrem zwar intimem, aber auch künstlerisch allgemeingültigem Film etwas Positives abzugewinnen, ist schade. Kunst zeigt eben nicht nur das Schöne und Gute, sondern auch menschliche Grausamkeit. Sich dieser Hässlichkeit auszusetzen, mag unbequem sein, aber auch notwendig, um sich überhaupt noch in andere Erfahrungsräume hinein versetzen zu können. Vielleicht helfe ihr das Preisgeld von 4000 Euro, einen weiteren Film zu machen, sagt die Künstlerin, als sie die von der Stadt Stuttgart gestiftete Auszeichnung entgegen nimmt.
Das Thema „Transformation“ hat die 39. Ausgabe des Stuttgarter Festivals für Kurzfilme und Expanded Media – erweiterte Medienformate wie Installationen im Raum – im Jahr Eins des finanziell heftig beschnittenen Doppelhaushaltes 2026/2027 besonders beschäftigt. Neben kleinen Preisgeldern erhielten die Geehrten auch eine live auf der Bühne gestaltete Trophäe. Zum Jaulen eines Theremins, das in alten Gruselfilmen oft zur musikalischen Untermalung eingesetzt wurde, schmelzen Teammitglieder Blei, um das flüssige Metall im Wasserbad in veränderter Form in den festen Aggregatzustand zurückzuversetzen. Die amorphen Würstchen erinnern an die im Motto beschworenen Fäkalien, die den Preisträgern in Petrischalen übergeben werden. Die Idee ist witzig, die sich wiederholende Prozedur überdehnt den Abend aber. Dagegen werden leider nicht alle ausgezeichneten Werke im Lauf der Preisverleihung in voller Länge gezeigt.
Visuelle Hommage auf schrottige B-Monster-Movies
Besonders im Gedächtnis haften bleibt Vera Seberts mit einer lobenden Erwähnung bedachter Zwei-Minuten-Film „Mothra against prehistoric Creatures“, eine visuelle Hommage an die kunstvoll schrottigen B-Monster-Movies der späten 1950er und an einen legendären Avantgardefilm namens „Moth Light“ (1963) von Stan Brakhage, der mit Licht und Mottenflügeln experimentierte.
Der mit 1500 Euro dotierte Zwei-Minuten-Kurzfilmpreis ging an den Iraner Reza Golchin, der sogar nur eine Minute, zwei Bilder und wenige Sätze braucht, um in seinem Clip „Once Lake Urmia“ sowohl vom Austrocknen eines Sees als auch vom Versiegen der Hoffnung auf Freiheit im Iran zu erzählen – erschütternd! Bleibt zu hoffen, dass zumindest die Geldquellen des kommenden 40. Filmwinters gesichert sind.