River Roux hinterfragt in ihrer Solo-Performance „Juice“ den genormten Blick auf Geschlechter. Foto: Fotonoid

Beim Landesfestival der freien Szene kratzten Performerinnen an Mythen und Geschlechternormen. Performances von Tanz bis Theater zeigten Positionen zwischen Provokation und Poesie.

So viel intensive Einblicke in Arbeit und Haltung von Bühnenkünstlerinnen gibt’s nicht oft. „3 Tage frei“, das Festival der freien darstellenden Künste im Land, bot viel Überraschendes und überraschend viele starke Positionen von Frauen. Eine Performerin (Laura Oppenhäuser), die sich von ihren Bühnenmännern den Allerwertesten vergolden lässt; eine Choreografin (Juliette Villemin), die über ihren Tod hinaus die Menschen bewegt; eine Künstlerin (Nana Hülsewig), die sich im schon zu Lebzeiten nach ihr benannten Haus beim Aufwachen zuschauen lässt: das und mehr hatten die Programmmacher zusammengetragen.

 

Mit Humor wird da an Männlichkeitsmythen gekratzt, nachdenklich auf Lebenswege geblickt. Oder das Zweigeschlechtersystem unter die Lupe genommen, wie es River Roux in ihrem Solo „Juice“ tut. In einem Umfeld, in dem klare Zuordnung als Norm gilt, ist ein geschlechtsuntypischer Körper ein Störfaktor. Die rothaarige Performerin lebt in einem solchen, hat ihn als Escort-Dame und Pole-Tänzerin exponiert. Die Blicke auf ihn, in denen sie Begehren und Ekel zugleich spürte, inszeniert und befragt sie in ihrer mit Bibiana Mendes erarbeiteten, mit dem Theaterschiff Heilbronn koproduzierten Performance, die im Jes Eindruck machte.

Rückzug ist im Glaskasten nicht möglich

„Juice“ mixt historische, kulturelle, medizinische Perspektiven. Der Körper ist mal Fetisch, der akrobatisch, aber doch in aller Fragilität an einem Luftreifen schwebt, mal Problemfall, dem Hormone und Messer drohen. Zu Beginn liegt River Roux wie ein anatomisches Exponat in einem Glaskasten, den sie nicht verlassen wird und der keinen Rückzug ermöglicht. Der Saft, den die Performerin aus Genderkonformität versprechenden Mitteln mixt und auf die Scheiben klatscht, könnte helfen – doch am Ende einer starken Performance, die für Verständnis wirbt, sorgt River Roux wieder für Durchblick. Schade nur, dass sehr viel englischer Text neue Barrieren aufbaute.

Mehr Empathie für Erfahrungsvielfalt könnte auf allen Ebenen helfen, vielleicht auch Lösungen in einer herausfordernden Zeit bieten. In dem aus Freiburg angereisten Tanzstück „Birdsland“ sucht ein Paar nach Leichtigkeit, findet sie unter Vogelköpfen und im lockeren Tanz. Das Duett, das die Choreografin Nadine Gerspacher mit Jonathan Sánchez entwickelte und im Theater Rampe zeigte, lässt Zeit und Ort offen: Blicken wir wie in den Nachrichten durch eine weggebombte Fassade in ein Wohnzimmer, in dem zwei Leichen in immer neuen Positionen die vielen Krisenherde andeuten? Dann wären die Tanzszenen Rückblicke in ein zerstörtes Glück. Oder sehen wir zwei Depressive, die in Sesseln oder unterm Teppich verschwinden wollen? Dann könnte vogelleichter Tanz ein Gegenmittel sein. In jedem Fall lässt „Birdsland“ mal charmant, mal anrührend die Federn fliegen.

Szene aus „Birdsland“ mit Nadine Gerspacker und Jonathan Sánchez Foto: Nicolas Clausen

Das gilt auch für die Dokumentation „The Lost Move“, in der Wegbegleiter von Juliette Villemin die Trauer über die 2023 plötzlich verstorbene Choreografin umwandeln in die Suche nach dem, was von einem Leben für den Tanz bleibt. Anika Bendel und Bernhard M. Eusterschulte, die der Tod der Kollegin von Tanz- zu Filmschaffenden machte, berichteten in der Rampe von den vielen Fragen, mit denen sie konfrontiert waren.

Das gefundene Material zeichnet einfühlsam den Weg vom klassischen Ballett zum modernen Tanz, vom Ausführen zum Gestalten, von Bilbao nach Stuttgart nach. Manches war neu zu entdecken, anderes wiederzufinden – wie Juliette Villemins Interesse an den verborgenen Botschaften im Sichtbaren. Die freie Szene bot ihr Raum, das zu erkunden. Auch das zeigte der weibliche Blick des Festivals, das am Samstag endete: Während Künstler die freie Szene oft als Sprungbrett in Institutionen nutzen, gehen Künstlerinnen den umgekehrten Weg.

Vom Wettbewerb zum Austausch

Plattform
Das Festival „6 Tage frei“ findet seit 2015 biennal im Theater Rampe statt. Gestartet ist es als „Theaterpreis der Stuttgarter Zeitung“ bereits 1988, von 2005 an wurde es als Tanz- und Theaterpreis der Stadt Stuttgart und des Landes Baden-Württemberg ausgerichtet. Statt Wettbewerb stehen heute Aufführungen und Austausch im Vordergrund. Das Festival gilt als wichtigste Plattform der freien Szene im Südwesten.