Nils Büttner ist Experte für Rubens-Bilder und war an der Ausstellung in der Staatsgalerie beteiligt. Sein Job bringt den Kunsthistoriker immer wieder in die Welt verrückter Reicher und Krimineller.
Stuttgart - Die gute Nachricht ist: Die Finger sind alle noch dran. Das ist nicht selbstverständlich, wenn man immer wieder mit der Mafia zu tun hat und es um sehr, sehr viel Geld geht. Ein knappes „Nein“ von Nils Büttner genügt, um kühnste Träume vom großen Profit zu zerschlagen. Deshalb wollte eine Frau – „Kostüm, osteuropäischer Akzent“, wie er erzählt –, ihn auch unter Druck setzen und brachte zwei breitschultrige Begleiter mit. Büttner ließ sich davon nicht beeindrucken und erklärte gelassen: „Ich kann meine Meinung ändern, aber das ändert an der Sache nichts.“ Das Gemälde, das die Dame ihm vorgelegt hatte, war kein Original von Rubens.
Bestechungsversuche gehören dazu
Nils Büttner kann viele Geschichten erzählen, von unseriösen Ansinnen und handfesten Bestechungsversuchen. Dabei ist er eigentlich ein solider Kunsthistoriker, der an der Stuttgarter Kunstakademie lehrt und den Studierenden die Kunstgeschichte näherzubringen versucht oder, wie er es nennt, wie sich „eine Kunstausstellung vom Landfrauenbund im Posemuckel von Kunst unterscheidet“. Büttner ist aber auch Experte für Peter Paul Rubens und Mitglied im Centrum Rubenianum in Antwerpen, einer Forschungseinrichtung zum Werk des berühmten Barockmalers.
Alle hoffen dasselbe: einen echten Rubens zu besitzen
Deshalb treffen täglich Mails bei ihm ein, seine Expertise ist gefragt. Bei ihm melden sich Milliardäre, die ihn im Maybach vom Flughafen abholen lassen und in einer Suite mit Sauna und Ankleidezimmer einquartieren, aber auch Menschen, die ein Bild auf dem Dachboden gefunden oder von den Eltern geerbt haben. Er ist auch schon mehrfach in Situationen geraten, bei denen er sich sicher war, es mit der italienischen oder russischen Mafia zu tun zu haben. Aber wer auch anfragt, alle haben nur eine Hoffnung: dass ihr Bild von Rubens eigenhändig geschaffen wurde – und nicht nur von einem seiner Mitarbeiter gefertigt ist.
Denn Rubens (1577–1640) war nicht nur ein talentierter, sondern auch ein äußerst geschäftstüchtiger Künstler. Er unterhielt von Anfang des 17. Jahrhunderts an in Antwerpen eine florierende Werkstatt. Das war zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich. Wer gut am Markt war, beschäftigte einen ganzen Stab an Mitarbeitern, um die große Nachfrage bedienen zu können. Diese arbeiteten mitunter nach Schablonen, die der Meister gefertigt hatte. Aber schon damals waren die Käufer wählerisch und zahlten für die Werke von Mitarbeitern nur die Hälfte des Preises, das ihnen ein Original des Meisters wert war.
Rubens war clever und lernte seine Mitarbeiter deshalb gezielt an, seine Handschrift möglichst präzise nachzuahmen. „Sie tauchten ihre Pinselchen auch ins gleiche Farbtöpfchen“, erzählt Nils Büttner, und wiederholten bewusst die Motive des Meisters auf neuen Werken, so dass es viele biblische oder mythologische Szenen gleich mehrfach gibt.
Mit Kunst wird immer wieder Geld gewaschen
Ein kluger Schachzug, denn so entstanden wohl mehrere Zehntausend Bilder, bei denen der Laie auch heute nicht ohne Weiteres erkennen kann, ob sie wirklich von Rubens selbst ausgeführt wurden. „Wenn die Leute etwas haben, das aussieht wie Rubens, wollen sie, dass es auch einer ist“, sagt Nils Büttner. Verständlich, denn Rubens ist auf dem Kunstmarkt einer der teuersten Altmeister – aber eben nur dann, wenn gesichert ist, dass das Bild von ihm persönlich stammt.
Nils Büttner ist also ein durchaus mächtiger Mann. Trotzdem hat ihn die Erfahrung längst gelehrt: „Mein akademischer Blick und das, was auf dem Kunstmarkt passiert, haben nichts miteinander zu tun.“ Die meisten Besitzer, die bei ihm anklopfen, sind keineswegs kunstsinnige Sammler. Oft gehe es nur ums Geld, weshalb er auch lieber von Eigentümern spricht. Allen Gesetzen zum Trotz könne man „immer noch sehr gut auf dem Kunstmarkt Geld waschen durch An- und Verkauf“, sagt er. Wenn man dann noch einen günstigeren Werkstatt-Rubens als Original verkauft, lässt sich umso mehr Profit rausschlagen.
Mit Moral hat der Job nichts zu tun
Im Lauf der Jahre hat Nils Büttner allerhand erlebt und gesehen. Häufig muss er in sogenannten Zollfreilagern Bilder begutachten, die dort für den internationalen Handel liegen – einmal wollte man ihn hier mit einem Geldkoffer zu einem positiven Gutachten verführen. Dann wieder war er zu Besuch bei einem amerikanischen Milliardär, der seinen echten Rubens über den Kamin gehängt hatte, in dem es regelmäßig brannte.
Nils Büttner hatte auch schon Bilder in den Händen, die eindeutig von den Nationalsozialisten gestohlen wurden – und von den Dieben mitunter sogar aus dem Rahmen geschnitten und zusammengefaltet eingepackt wurden. In einem Fall wusste er, dass ein Bild einst der Familie Rothschild gehört hatte. Freudig informierte er die Nachkommen. Die aber winkten ab und hatten kein Interesse an einer Rückgabe, weil sie dann die Versicherungssumme plus Zinsen hätten zurückzahlen müssen. Das kommt häufiger vor – und wer weiß schon, ob jemand vielleicht sogar für eine Werkstattarbeit von der Versicherung den Preis eines Originals kassiert hat.
Mit seinem „moralischen Empfinden“ kommt Büttner in solchen Situationen nicht weit. Wenn er Recht und Wahrheit ins Feld führt, verstummt mancher Eigentümer schlagartig und verweigert fortan jeden weiteren Kontakt. Leider gibt es auch in seinem Metier schwarze Schafe, die Gefälligkeitsgutachten verfassen, wenn die Entlohnung entsprechend hoch ist. Büttner weiß, dass man sich selbst bei renommierten Kunsthistorikern das gewünschte Urteil „kaufen kann“. Bei Büttner nicht. Seine Gutachtertätigkeit ist kostenlos. „Meine Expertise ist so lange unbezahlbar, bis man sie kaufen kann“, sagt er denn auch.
Ein Bild von Cäsar: „Einfach hässlich“
Aber der 55-Jährige will und kann es sich auch leisten, auf Honorar zu verzichten. Als Professor an der Stuttgarter Kunstakademie muss er sogar ganz offiziell einen Teil seiner Arbeitszeit in die Forschung investieren, zu der auch die Untersuchung von Werken zählt. Jede Anfrage wird denn auch dokumentiert. Büttner fährt regelmäßig nach Antwerpen und speist seine Ergebnisse im Centrum Rubenianum in die Akten ein.
Auch seine Studierenden der Kunstakademie kommen kaum an Rubens vorbei, schon manche Master- und Doktorarbeit wurde dem Barockmaler gewidmet. Auch an der großen Rubens-Ausstellung,die noch bis zum 20. Februar in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen ist, hatten Büttner und Studierende ihren Anteil. Sandra-Kristin Diefenthaler, die als Kuratorin an der Staatsgalerie Stuttgart tätig ist, lud den Professor mit angehenden Restauratoren ins Depot. Dabei nahmen sie Porträts römischer Imperatoren ins Visier, die Rubens in seinen frühen Jahren gemalt hatte. Seine Zeitgenossen fanden es schick, sich Gemälde von Cäsar oder Marcus Aurelius ins Wohnzimmer zu hängen. Büttners Urteil dagegen: „Sie sind einfach hässlich.“
Keine Chance auf das Original
Ein kurzes Pling, schon trudelt auf seinem Smartphone eine neue Anfrage ein. Ihm genügt ein knapper Blick auf das Bild. „Die Antwort ist leicht“, meint er, „das kann ich aus dem Kopf sagen: Es ist ‚Lot und seine Töchter‘ – aber seitenverkehrt.“ Er kennt das Original. Und das ist letztlich die einfachste Faustregel, um ein Gemälde als Werkstattarbeit zu identifizieren: „Wenn eine bekannte Fassung im Louvre oder im Prado hängt, dann hat man keine Chance, das Original zu besitzen.“