In ihrem Buch und einer TV-Dokumentation spricht Kim Bui über die Bulimie-Erkrankung während ihrer Karriere. Und hofft, dass ihre Offenheit Anlass für Veränderungen des Systems Spitzensport ist.
Es ist ein sonniger Dienstagnachmittag im Februar 2023. Im Café am Cannstatter Daimlerplatz brummt der Laden. Gäste kommen, Gäste gehen, Gäste geben ihre Bestellungen auf. Mittendrin: Kim Bui, 34, bis vor einem Jahr eine der besten Turnerinnen Deutschlands.
Ihr Dasein erregt keinerlei Aufmerksamkeit, dabei ist die in Tübingen geborene Sportlerin derzeit eine gefragte Gesprächspartnerin. Die freien Stellen in ihrem Terminkalender sind jedenfalls rar in diesen Tagen. Aber sie sagt: „Es geht mir sehr, sehr gut.“ Doch das war nicht immer so. „Es gab da immer diese Fassade, hinter der ich mich versteckt habe“, sagt Kim Bui, „aber jetzt lasse ich quasi die Hüllen fallen.“ Und erzählt gleich mehrfach von den dunkelsten Stunden ihrer so langen und erfolgreichen Karriere als Spitzensportlerin.
An diesem Samstag erscheint zum einen die Autobiografie der mehrfachen deutschen Meisterin. „45 Sekunden“ heißt das Werk, 45 Sekunden dauerte die Übung am Stufenbarren, mit der Kim Bui im vergangenen Jahr von der großen Turnbühne abtrat. Doch beschreibt sie in ihrem Buch ihre komplette Karriere – die sich zwar immer wieder auf diese kurzen Zeiträume an Sprung, Boden, Schwebebalken und Stufenbarren fokussierte, in Summe aber ungewöhnlich lange andauerte.
Am Sonntag dann strahlt die ARD eine Dokumentation („Hungern für Gold“) aus, in der Kim Bui neben der Ex-Biathletin Miriam Neureuther die Hauptprotagonistin ist. Gleich zu Beginn hört man die Stimme der ehemaligen Turnerin – und Worte, die eine gewisse Wucht entfalten.
„Ich habe jede Woche 30 Stunden trainiert. Doch meiner Trainerin hat das nicht gereicht. Ich sollte abnehmen“, sagt Kim Bui. Und dann folgt sogleich ein entscheidender Fakt, der mit all seinen Folgen auch im Buch ein beherrschendes Thema ist und eine dunkle Seite des Spitzensports offenbart. Sie ergänzt: „Ich war erst 15, als ich das erste Mal das Essen wieder herauswürgte.“ Wenig später folgt der Satz: „Ich hatte jahrelang Bulimie.“ Und niemand wusste davon.
Die Trainerin forciert das Abnehmen
Was Kim Bui dagegen weiß: Was sie damals als Jugendliche in diese Essstörung getrieben hat.
Das tägliche Wiegen der jungen Turnerinnen gehörte, so schildert sie es, zum Training wie das Magnesium an den Händen. Und irgendwann sei dann der entscheidende Hinweis der Trainerin gekommen: „Kim, du musst mal ein bisschen auf dein Gewicht aufpassen.“ Zwei Tage später: „Kim, du musst aufpassen mit dem Essen, verstehst du das?“ Dann: „Kimi, wenn du ein, zwei Kilo weniger wiegst, fallen dir die Übungen leichter.“
Kim Bui beschreibt, wie sie damals aus Angst vor diesen Momenten auf der Waage begann, sich vor dem Training zu Hause zu wiegen – und sich schließlich regelmäßig erbrach, um den Anforderungen zu genügen. Das System Spitzensport, lässt sich schlussfolgern, hat sie krank gemacht.
Die damals jugendliche Sportlerin fühlte sich allein, fühlte Scham und Ekel, vertraute sich zunächst niemandem an. Heute weiß sie: Sie war und ist nicht allein mit eben diesem Problem. „Essstörungen im Leistungssport sind ein Thema, das muss man ganz klar sagen“, bestätigt Christine Kopp.
Die Oberärztin der Uniklinik Tübingen führt seit 20 Jahren sportärztliche Untersuchungen bei Kaderathletinnen und -athleten durch. 800 bis 1000 sind das pro Jahr, darunter, so sagt sie, seien jährlich etwa fünf „schlimme Fälle“ im Bereich der Essstörungen. Mit jeweils 20 bis 25 Sportlerinnen und Sportlern sucht sie aufgrund von ersten Anzeichen das vertiefende Gespräch. „Zuletzt hat sich die Lage wieder gebessert“, erklärt Christine Kopp, „während Corona habe ich jedoch phasenweise fast wöchentlich einen entsprechenden Fall von einem beginnenden Energiedefizit gesehen.“
Eine frühzeitige Erkennung ist ihr das Wichtigste – und ihr ist klar, dass sie sich dabei in einem „Spannungsfeld“ bewegt. Die angehenden Spitzensportler wollen ihre Leistungen steigern, die Karriere forcieren. Sie muss im Zweifel bremsen, die jungen Athleten womöglich sogar kurzzeitig sperren. „Ich will niemandem den Sport nehmen“, sagt sie, „aber manchmal muss man die jungen Sportlerinnen und Sportler auch vor sich selbst schützen.“ Oder gar vor deren Trainerinnen und Trainer?
Veränderungen sind angestoßen
So in etwa klingt das an vielen Stellen des Buches von Kim Bui. Die nicht nur von ihrer Bulimie erzählt, sondern generelle Kritik am System Leistungsturnen, wie sie es lange erlebt hat, äußert. Nicht zum ersten mal übrigens.
2021 hielt sie eine Rede vor dem Sportausschuss des Bundestages. „Der Zwang, der Druck, die Beschimpfungen, die Essstörungen, die körperlichen und seelischen Verletzungen waren bisher absolute Tabuthemen für uns. Alle wissen davon, nur die wenigsten trauen sich, darüber zu sprechen, weil sie Konsequenzen fürchten“, sagte sie damals. Zu Beginn ihrer Karriere habe sie das System nicht infrage gestellt, schreibt sie nun und berichtet davon, sich „bedingungslos“ unterworfen zu haben. Erst nach und nach hat sie sich dagegen gestemmt. Ihrer Leidenschaft, dem Turnen, wollte sie stets treu bleiben – aber eben unter anderen Voraussetzungen. „Ich habe neben den schönen Seiten des Sports auch die negativen erlebt“, sagt Kim Bui, die neben ihrer Turnkarriere ein Studium der technischen Biologie abgeschlossen hat, „ich will, dass das Turnen ein schöner Sport bleibt und wird.“
Das wollen sie auch bei den Verbänden. Matthias Ranke, der Geschäftsführer des Schwäbischen Turnerbundes (STB), verweist auf das Projekt „Leistung mit Respekt“, das der Deutsche Turnerbund (DTB) nach den Vorfällen am Trainingsstandort Chemnitz rund um die Trainerin Gabriele Frehse gestartet hat. „Im Turnen sind Kinder bereits Athleten und werden an Grenzen geführt“, sagt er, „daraus ergibt sich eine ganz, ganz große Verantwortung der Trainerinnen und Trainer.“
Er verhehlt nicht, dass man manchen Übungsleitern habe die Augen öffnen müssen in den vergangenen Jahren. Sie sensibilisieren musste, „gerade für Dinge, die vielleicht nebenbei und eher unbedacht gesagt worden sind“. Dass nun Kim Bui mit ihrer Geschichte den Weg in die Öffentlichkeit gegangen ist, begrüßt Ranke: „Es ist wichtig, dass Athleten diese Dinge aussprechen. Das sorgt für eine erhöhte Sensibilisierung bei Trainern und Funktionären.“
Marie-Luise Mai hat Kim Bui lange als Trainerin betreut und hat sie einst damit konfrontiert, von der Essstörung zu wissen – woraufhin die Turnerin sich externe Hilfe suchte. So wurde sie Rettungsanker für Kim Bui. Wird in deren Buch aber auch als Teil des kritisierten Systems beschrieben. „Wie Kim beschreibt, ist und war die Beziehung zwischen den Trainerinnen und Trainern und ihr immer auch ein Stück weit ambivalent“, sagt sie heute, „ihre Erkrankung war emotional sehr fordernd, auch für mich persönlich. Ich bin unglaublich froh und habe großen Respekt davor, wie fit und stark sie heute ist.“ Marie-Luise Mai erzählt von Konfliktmomenten und räumt ein, „dass ich als Trainerin im Rückblick nicht immer alles richtig gemacht habe“. Allerdings reflektiere sie ihr Handeln, würde heute „manches anders machen“.
Vorbilder wie Skispringerin Maren Lundby
Auf die angestoßenen und schon umgesetzten Veränderungen setzten auch Matthias Ranke und Christine Kopp. Man arbeite am Stützpunkt Stuttgart mit Ernährungsberatern zusammen, sagt Ranke, die pädagogische Schulung der Trainerinnen und Trainer sei verbessert worden, deren Ausbildung werde enger begleitet. Kopp hat registriert, dass Sportlerinnen und Sportler, Trainerinnen und Trainer oder Eltern häufiger aktiv auf sie zukommen, wenn sie Probleme erahnen. „Das freut mich und zeigt, dass ein Umdenken stattfindet“, sagt sie – und hofft, dass es mehr und mehr Vorbilder gibt.
Wie die Skispringerin Maren Lundby aus Norwegen, die sich dem Diktat des Gewichts nicht länger beugen wollte und deshalb auf die Olympischen Spiele 2022 verzichtet hat. Heute mischt sie wieder in der Weltspitze mit, wurde Vizeweltmeisterin – nach ihren Bedingungen. Oder eben wie Kim Bui, die mit externer Hilfe ihre Bulimie jahrelang bekämpfte, am Ende besiegte, noch als 33-Jährige Turnen auf Weltniveau zeigte. Und mit dem deutschen Team zum krönenden Karriereabschluss EM-Bronze gewann.
Vor zwei Wochen hat sich Kim Bui in den sozialen Medien erstmals zu ihrer Leidensgeschichte geäußert. Impuls für diesen Schritt war ein Gespräch mit einer ebenfalls Betroffenen, danach entschied sie, diesen Part ihres Lebens („Das gehört zu mir, auch das macht mich aus“) in das Buch aufzunehmen. „Es fühlt sich nach wie vor gut an, es öffentlich gemacht zu haben“, sagt sie nun, „die Resonanz darauf war Wahnsinn.“ Denn sie spürte, wie sie anderen Hoffnung geben konnte – und das Gefühl, nicht allein zu sein.
In ihrem Leben nach dem Leistungssport will sie in Vorträgen, in Trainings mit Kindern oder Moderationsjobs all ihre Erfahrungen weitergeben. Und weiter werben für einen Leistungssport, der von mehr Wertschätzung geprägt ist. „Ich bin überzeugt“, sagt sie, „dass man aus den Sportlerinnen und Sportlern in jungen Jahren nicht schon alles rausquetschen darf.“ Und dass man so Geschichten wie die ihre womöglich verhindern kann.