Duc-Thi Bui am Hölderlinplatz in Stuttgarts Westen Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Der Stuttgarter Duc-Thi Bui gewinnt einen Drehbuchpreis nach dem anderen, glaubt ans Kollektiv und plant mit Julian Knoth von den Nerven einen Film über die erste Punkband der Welt.

Wo immer man in Stuttgart hingeht, Duc-Thi Bui ist schon da. Bei der Verleihung des Comicbuchpreises im Hospitalhof ebenso wie beim Warm-Up für die About Pop in der Halle 96. Und wenn irgendwo in der Stadt ein cooles Konzert stattfindet, darf man sich sicher sein, ihm da auch über den Weg zu laufen.

 

Duc-Thi Bui ist Filmemacher und schreibt Drehbücher. Wer aber glaubt, Autoren fühlen sich in der Einsamkeit ihres stillen Kämmerleins am wohlsten, den belehrt der 47-Jährige eines Besseren. „Ich habe lange geglaubt, man muss das alles alleine schaffen, um als vollwertiger Autor angesehen zu werden“, sagt er, „aber in dem Moment, wo ich mit anderen Autorinnen und Autoren arbeite, entsteht eine Dynamik, die mich beflügelt.“ Duc-Thi Bui hat das Gemeinschaftliche als Erfolgsmodell entdeckt – gerade auch beim Schreiben.

Filmprojekte „Ha-Neu/Berlin“ und „Malibu“

Das Filmemachen ist ein kollektiver Prozess – und Duc-Thi Bui überträgt dieses Prinzip konsequent auf das Schreiben selbst. „Warum sollten Geschichten nicht auch so entstehen?“, fragt er. Wir sitzen im Foodsharing-Café Raupe Immersatt am Hölderlinplatz. Und für einen, der mit den beiden wichtigsten Preisen ausgezeichnet wurde, die es in Deutschland für Menschen gibt, die Drehbücher schreiben, wirkt er doch arg bescheiden: 2025 hat er zusammen mit Duc Ngo Ngoc den Deutschen Drehbuchpreis 2025 (Goldene Lola) für das Skript „Ha-Neu/Berlin“ gewonnen. Und 2026 wurde er mit Philipp Lutz mit dem Thomas-Strittmaier-Preis für das Drehbuch für „Malibu“ ausgezeichnet.

Gemeinsam haben die Stoffe zwar, dass in ihrem Zentrum ungewöhnliche Freundschaften stehen, doch trotzdem bewegen sich die Filmprojekte, die in der Entwicklungsphase sind, in ziemlich unterschiedliche Richtungen: „Ha-Neu“ erzählt ein Roadmovie, bei dem ein Jurastudent und ein illegal eingewanderter Mann aus Vietnam aufeinandertreffen. In „Malibu“ geht es um zwei Jugendliche, die sich auf einer Krebsstation anfreunden. „Geschichten müssen zugänglich gemacht werden, besonders bei komplexen Themen“, sagt Duc-Thi Bui, „und das passiert am besten durch eine emotionale Nähe zu den Figuren, durch Empathie und Solidarität.“

Migrationsbiografie als großer Wert

Wie gut er das kann, hat er zum Beispiel schon vor zwei Jahren in „Made in Germany“ beweisen. In der ARD-Anthologieserie erzählt er in einer Episode von einer jungen Frau zwischen den Kulturen. Erst wütend und dann traurig erlebt sie mit, wie ihr vietnamesischer Vater auf dem Gewerbeaufsichtsamt als „Schlitzauge“ beschimpft wird, und wie er trotzdem auf den Knien darum fleht, sein Restaurant nicht zu schließen.

„Früher wollte ich beweisen, dass ich unabhängig von meiner Herkunft genauso gut bin wie die anderen“, sagt Duc-Thi Bui, „heute weiß ich: Das, was ich durch meine Migrationsbiografie mitbringe, ist ein großer Wert, der mich von anderen abhebt.“ Er wurde in Vietnam geboren, kam mit seinen Eltern als Baby nach Deutschland, wuchs in Cuxhaven auf, studierte in Stuttgart und ist – nachdem er danach auch in Köln und München gelebt hat – wieder hierher zurückkehrt. Er wohnt nun seit einigen Jahren mit seiner Familie im Westen und glaubt, dass Stuttgart oft unterschätzt wird: „Von innen heraus ist total sichtbar, was hier passiert – von außen kaum“, sagt er, „das können wir gemeinsam ändern.“

Zebras Collective zeigt die Doku „New Wave“

Deshalb trifft man ihn in Stuttgart nicht nur immer wieder im Publikum, sondern begegnet ihm auch als Veranstalter. Zum Beispiel als Mitglied des Zebras Collective Stuttgart, das die Erfahrungen asiatischer Deutscher und Migrantinnen und Migranten sichtbar machen will. Dieses zeigt am 18. Mai um 20 Uhr im Delphi Kino den Dokumentarfilm „New Wave“, der die Geschichte junger vietnamesischer Geflüchteter erzählt, die im Kalifornien der 1980er Jahre eine eigene Musikszene begründeten.

Die Filmvorführung ist zugleich ein Vorab-Event des Stuttgarter About-Pop-Festivals (12. und 13. Juni), für das Duc-Thi Bui ein Filmprogramm im Delphi kuratiert (About Film), bei dem bei Screenings, Diskussionen und Werkstattberichten Kino und Popkultur aufeinandertreffen. Pop ist neben dem Film eine weitere Konstante seiner Arbeit. Er hat schon Videoclips für das Peter Muffin Trio, Der Plan oder Fehlfarben gedreht, und er gewann vor drei Jahren zusammen mit Laima Adelaide für „Gravity“ bei den Kurzfilmtagen in Oberhausen den Musikvideopreis.

„Die erste Punkband der Welt“: Filmprojekt mit Julian Knoth und Svenja Gräfen

Außerdem arbeitet gerade mit Julian Knoth von den Nerven und Svenja Gräfen an einem Filmprojekt namens „Die erste Punkband der Welt“. Die Story: Drei junge Frauen aus unterschiedlichen Ecken der Gesellschaft gründen Anfang der 1970er ihre eigene Band namens RiSiKO, trotzen den Zwängen der konservativen Kleinstadt und finden dabei nicht nur wahre Freundschaft, sondern auch einen völlig neuen Sound: Schnelle und radikale Rockmusik ist ihre Befreiung – lange bevor Punk angeblich von Männern erfunden wurde. „Wir erzählen die Musikgeschichte, die nicht geschrieben wurde“, sagt Duc-Thi Bui, „weil Erfolg die eigene Sichtbarkeit bestimmt. Und Erfolg auch gleichzeitig mit Privilegien zusammenhängt.“

Ob der Film tatsächlich einmal realisiert wird, hängt vor allem davon ab, ob man jemanden findet, der nicht nur an das Projekt glaubt, sondern auch bereit ist, in es zu investieren: „Die Finanzierungsfrage ist immer die schwierigste, weil das Stellen von Förderanträgen und das Warten auf Förderentscheidungen sich oft wie Lottospielen anfühlt“, sagt Duc-Thi Bui. Viele Projekte parallel zu haben, sei deshalb wichtig: „Sonst fällt man schnell durch das viele Warten auf Entscheidungen in ein Loch, wo dann auch Selbstzweifel aufkommen.“

Duc-Thi Bui glaubt, dass man das Publikum nicht unterschätzen sollte

Am Ende läuft vieles bei Duc-Thi Bui auf eine einfache, aber anspruchsvolle Frage hinaus: Wer darf welche Geschichten erzählen – und unter welchen Bedingungen? „Ich glaube, Kreative wollen die schwierigen Themen erzählen – die Frage ist, wer es ermöglicht und wer nicht, weil das Publikum unterschätzt wird. Unterhaltung ist wichtig, aber Unterforderung ist auf Dauer ziemlich langweilig, für alle Seiten.“

Drehbuchautor ist Kurator

Filmprogramm
Duc-Thi Bui zeigt mit dem Zebras Collective Stuttgart am Montag, 18. Mai, im Kino Delphi den Dokumentarfilm „New Wave“. Zudem kuratiert er ein Filmprogramm, das begleitend zum About-Pop-Festival (12. und 13. Juni) ebenfalls im Delphi zu sehen ist.