22.000 Jobs fallen weg, doch bei Investitionen wird nicht gespart. Trotz Krise setzt Bosch-Chef Hartung auf Wachstum. In manch einer Bedrohung sieht er sogar eine Geschäftschance.
Bosch-Chef Stefan Hartung gilt als großer Optimist der Branche, der sich auch durch widrigste Bedingungen nicht entmutigen lässt. Er sucht das Gute im Schlechten – und meist wird er fündig. Zuletzt jedoch fiel auch ihm die Zuversicht schwer. Man müsse sich die „Zuversicht hart erarbeiten“, sagte Hartung vor zwei Jahren – damals begann der große Stellenabbau.
22.000 Arbeitsplätze quer durch das Unternehmen will Bosch abbauen. Inzwischen sind für alle deutschen Standorte der Kfz-Sparte Mobility die Vereinbarungen abgeschlossen. Eine gewisse Erleichterung ist aus Hartungs Worten herauszuhören: „Die Verhandlungen waren nicht einfach, aber auf beiden Seiten von hohem Verantwortungsbewusstsein geprägt.“
Nun allerdings will er den Krisenmodus hinter sich lassen. Das hatte Hartung bereits im Februar in einem Interview mit unserer Zeitung deutlich gemacht. „Die Automobiltechnik erfindet sich gerade neu“, sagte er und sprach von einer „Revolution“. Diese Aussage klang beinahe erwartungsvoll. Denn was die Branche für diesen Umbruch benötigt, entspreche genau den Stärken von Bosch: intelligente, vernetzte Systeme, die Mechanik, Elektronik und Software zu einem Gesamterlebnis verbinden. Für Bosch bedeute das „mehr Entwicklungsleistung, mehr Software, mehr Elektronik – und damit künftig mehr Umsatz pro Fahrzeug“.
Bei der Jahrespressekonferenz bekräftigte Hartung, den Blick wieder nach vorn richten zu wollen. „Als globaler Technologieführer gestalten wir engagiert die Trends Automatisierung, Digitalisierung, Elektrifizierung und künstliche Intelligenz“, sagte er. Damit schaffe man „die Voraussetzungen für profitables Wachstum“. Die Einsparungen seien dafür eine wichtige Voraussetzung.
An Investitionen spart Bosch nicht
Nicht sparen will Bosch hingegen an den Investitionen in neue Technologien. Diese sollen auf dem hohen Niveau der Vorjahre bleiben. Im vergangenen Jahr investierte das Unternehmen rund 12 Milliarden Euro, etwa zwei Drittel davon in Forschung und Entwicklung. Bei einem Umsatz von 91 Milliarden Euro ist das ein erheblicher Anteil, der zur Zukunftssicherung verwendet wird.
Zu den wichtigsten Bereichen gehören folgende Technologien:
- Sensorik: Mit selbst produzierten Sensoren hat sich Bosch sowohl im Smartphone-Bereich als auch in der Autobranche eine starke Marktposition erarbeitet. Nun setzt das Unternehmen zusätzlich auf Robotik. Humanoide Roboter, die künftig an Bedeutung gewinnen dürften, haben einen enormen Bedarf an Sensoren – und Hartung sieht Bosch dafür gut aufgestellt. Auch für das autonome Fahren sind Sensoren entscheidend: Wenn Kamera- oder Satellitensignale nicht verfügbar sind, können Fahrzeuge mithilfe hochsensibler Bewegungssensoren dennoch die Orientierung behalten.
- Automobilsoftware: In der softwaredefinierten Mobilität sieht Hartung große Wachstumschancen. Bosch sei hier gut positioniert. Mithilfe künstlicher Intelligenz soll das Fahrzeug künftig erkennen, wer am Steuer sitzt, ob weitere Passagiere an Bord sind – und entsprechend Einstellungen vom Außenspiegel über das Fahrverhalten bis hin zur Airbag-Auslösung im Notfall automatisch anpassen.
- Service- und Produktgeschäft: Marktchancen sieht Bosch auch außerhalb des klassischen Autogeschäfts – etwa bei Haushaltsgeräten im Luxus- und Premiumsegment, insbesondere in Nordamerika. Das gilt etwa für den Geschäftsbereich BSH Hausgeräte mit seinem neuen Backofenmodell mit einer Sprachfunktion, die auf künstlicher Intelligenz basiert.
In manchem, was auf den ersten Blick krisenhaft wirkt, sieht Hartung auch Chancen. Das gilt etwa für den massiven Preiskampf, der vom chinesischen Markt auf andere Regionen übergreift. In der Autoindustrie setze China derzeit die Standards beim Preisniveau. Genau darin sieht Hartung jedoch auch eine Möglichkeit: Dem Preisdruck entkommt nur, wer technologisch überlegen ist. Deshalb sieht Hartung den Ausbau der Innovationsführerschaft als zentralen Erfolgsfaktor.
Handelsschranken als Chance für Bosch
Auch die viel beklagten Handelsschranken bieten aus seiner Sicht Chancen. Sie erschweren zwar den die globale Verbreitung von Technologien, doch dank seiner internationalen Aufstellung könne Bosch „Angebote und Lieferketten an regionale Gegebenheiten anpassen und zugleich auf Weltniveau liefern“.
Zur Zuversicht trägt wohl auch bei, dass die hohen Kosten des Personalabbaus bilanziell bereits weitgehend vorweggenommen wurden. Mit 1,8 Milliarden Euro entspricht das operative Ergebnis aktuell nur einer Umsatzrendite von rund zwei Prozent. Ohne die Rückstellungen für den Stellenabbau wären es etwa fünf Prozent gewesen. Vieles von dem, was in diesem Jahr und später an Abfindungen und sonstigen Leistungen für den Abbau erst noch ausgezahlt wird, ist in den Geschäftszahlen von 2025 bereits verarbeitet.
Das erleichtert die Prognose eines Gewinnanstiegs auf vier bis sechs Prozent des Umsatzes. Allerdings ist dieser Anstieg nicht nur ein bilanzieller Effekt: Gleichzeitig soll auch der Umsatz um zwei bis fünf Prozent wachsen. Das ist entscheidend – denn unabhängig von der buchhalterischen Behandlung müssen die Mittel für Abfindungen und Restrukturierung tatsächlich erwirtschaftet werden und in der Kasse landen.
Von den insgesamt 2,7 Milliarden Euro Rückstellungen für den Stellenabbau wurden im vergangenen Jahr rund 900 Millionen Euro ausgezahlt. Nicht nur dafür wäre es hilfreich, wenn Hartungs optimistische Erwartungen in Erfüllung gehen.
Bosch-Chef Stefan Hartung live
Termin
Die Veranstaltung „Bosch im Wandel: Wie Stefan Hartung den Konzern auf die Zukunft ausrichtet“ findet am Mittwoch, 29. April, um 18.30 Uhr im Look 21 in Stuttgart statt (Türlenstraße 2, 70191 Stuttgart).
Anmeldung
Wer vor Ort dabei sein möchte, kann sich online unter www.zeitung-erleben.de/bosch anmelden. Für Abonnenten kostet die Teilnahme 8 Euro. Mit dem Promo-Code „ABO2026“ erhalten Sie den vergünstigten Preis. Regulär kosten die Tickets 12 Euro.
Beteiligung
Sie können den Moderatoren vorab Fragen an den Bosch-Chef schicken. Die Mailadresse dafür lautet: chef@stzn.de (Betreff: Stefan Hartung).