Er machte Stuttgart zu einem originellen Ort auf der literarischen Landkarte: Heinrich Steinfest. Foto: imago/Sven Simon/imago stock&people

In seinen Romanen hat er Stuttgart neu mit sich vertraut gemacht: Jetzt zieht Heinrich Steinfest in den Odenwald. Ein Verlust.

Stuttgart - Er geht. Endgültig. Vor 25 Jahren ist Heinrich Steinfest von Wien nach Stuttgart gekommen, jetzt zieht es ihn weiter in den Odenwald nahe Heidelberg. Damals wie heute bewegen ihn private Gründe, doch dazwischen liegt ein Vierteljahrhundert, in dem sich der passionierte Fußgänger seine neue Wahlheimat kreuz und quer erwanderte. „Ich habe Stuttgart als Organismus wahrgenommen, mit dem ich eine symbiotische Beziehung eingegangen bin“, sagt der Schriftsteller, „ich habe hier nicht nur gehaust, sondern gewohnt.“ Diese Empathie mitsamt allen Expeditionen merkt man seinen Romanen an: Nicht nur in den Krimis mit dem einarmigen Privatdetektiv Cheng, die Steinfest zum Best- und Longsellerautor machten, hat er Stuttgart zum originellen Ort auf der literarischen Landkarte gemacht.

 

Du Armer, meinten seine Wiener Freunde, als sie damals von seinem künftigen Wohnort erfuhren, sie sahen in Stuttgart keinen Hort von Kunst und Kultur. Er aber habe die Stadt verteidigt: „Ich empfand sie keineswegs als langweilig, sondern als auf- und anregend.“ Wie ein deutscher Murakami hat Steinfest sie deshalb seinen Romanen eingeschrieben. Und siehe da: Die Stadt wurde neu mit sich vertraut, skurril, absurd und fantastisch, ein Stuttgart jenseits aller Klischees.

Unverkennbarer Sound

Der neuen Stadtbibliothek setzte er ebenso ein poetisches Denkmal wie dem Bahnhofsturm mit dem Stern oder, 2014 im „Allesforscher“, dem alten Mineralbad Berg. Und dort, auf morschen Holzpritschen, sah man ihn häufig sitzen, den Laptop im Schoß, schreibend, ein Allesforscher auch er, in dessen Kosmos sich explodierende Wale, brisantes Eau de Cologne, verschwundene Flugzeuge und sperrige Zwölftonmusik tummeln können. Und dazu immer wieder Figuren, die sich in essayistischen Plots sehr moralische Fragen stellen.

Steinfests Sound ist unverkennbar und geeignet, Leser und Kritiker gleichermaßen zu begeistern. Zweimal war der philosophische Abenteurer für den Deutschen Buchpreis nominiert, er gewann Krimipreise, den Doderer-Preis, den Bayrischen Buchpreis und manche mehr. Doch seine erste Auszeichnung, das Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg, erhielt er im Jahr 2000 in Stuttgart. „Schon in Wien habe ich veröffentlicht“, erinnert sich der Autor, dem Schreibblockaden fremd sind, „doch Schwung nahm meine Karriere erst hier auf.“

Kritiker des Bahnprojekts Stuttgart 21

Und so, wie Stuttgart eine Rolle in seinem Leben spielte, spielte auch er eine Rolle in Stuttgart. Er las im Literaturhaus und bei Vernissagen, schrieb für Zeitungen und meldete sich in Architektur-Jurys zu Wort. Steinfest, stilsicher im schwarzen Anzug mit Hut, war präsent und zeigte sich, auch auf Demos gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21. „Ich war kein früher Aktivist. Ich bin da reingerutscht wie andere auch, ich habe mich von der Materie anstecken lassen.“ Nach dem „Schwarzen Donnerstag“ 2010, als die Polizei mit Gewalt den Schlossgarten räumte, stand er als Projektkritiker auf der Bühne im Park und blickte auf ein Publikum von 70 000 Zuhörern. Was tun mit dieser Masse? Agitation sei nicht sein Ding, so Steinfest. Es war das Gegenteil, auf das er sich verlegte: in der Sache kompromisslos, bot er vertrackte Hochliteratur, mit der viele S-21-Gegner zuvor noch nie in Kontakt gekommen sein dürften. Aber sie hörten ihm zu, mucksmäuschenstill: ein magischer Moment. Auch den Streit um den Bahnhof hat er verewigt: In„Wo die Löwen weinen“ schilderte Steinfest 2011 den „Mord an einer Stadt“.

Jetzt steht sein Schreibtisch mit Panoramablick auf den Odenwald im idyllischen Wilhelmsfeld. Dort stellt er den „Betrunkenen Berg“ fertig, seinen nächsten Roman und den ersten seit 25 Jahren, der nicht das Label „Made in Stuttgart“ trägt. Neben Anna Katharina Hahn, Hanns-Josef Ortheil und Wolfgang Schorlau gehörte Heinrich Steinfest zu den bedeutendsten Schriftstellern dieser Stadt. Was für ein Verlust!