Nathanaël Carré ist seit vielen Jahren Soloflötist des Staatsorchesters. In Zukunft wird der Musiker verstärkt als Dirigent des Stuttgarter Balletts in Erscheinung treten.
„Orchestra of Wolves“ heißt eine getanzte Miniaturkomödie von Eric Gauthier. Hinter Wolfsmasken verborgen, rupft darin ein Rudel Musiker mit dem Dirigenten ein Hühnchen, bis vom Maestro nur mehr ein paar Federn übrig sind. Kein unriskanter Job also, den sich Nathanaël Carré, neue Aushilfskraft am Dirigentenpult des Stuttgarter Balletts, ausgesucht hat. Im Fall von Mikhail Agrest hatte ein Disput über Tempi zum Bruch zwischen Kompanie und ihrem Musikdirektor geführt, und den Dirigenten zeitweise sogar den Job gekostet.
Doch Nathanaël Carré sieht der neuen Aufgabe gelassen entgegen. Er selbst empfindet den Stuttgarter Orchestergraben als Ort, an dem eine wohlwollende Atmosphäre herrsche, betont er im Gespräch. Carrés Vorteil: Der Franzose ist seit 13 Jahren Mitglied des Staatsorchesters, hat also Stallgeruch. Seit er 22 Jahre alt ist, musiziert der in Lyon, Paris und Freiburg ausgebildete Flötist in Stuttgart und hat sich auch in kleineren Formationen, wie dem 2016 von ihm gegründeten Ensemble Nuanz, eine Basis des Vertrauens erspielt.
James Tuggle als Lehrer
„Ich wollte schon immer sehr gern dirigieren“, sagt der heute 35-Jährige. Carré hat sich deshalb privat fortgebildet, unter anderem bei James Tuggle, dem langjährigen Musikdirektor des Stuttgarter Balletts. „Ich habe sehr oft und sehr gern unter seiner Leitung gespielt – für mich ist er einer der besten seines Fachs“, sagt Carré und fügt an: „Er hat mir viel beigebracht, aber meine Erfahrung im Orchester war auch eine wertvolle Lehre.“ Hier konnte er als angehender Dirigent zudem ein Gefühl für das Zusammenspiel von Musik und Tanz entwickeln.
James Tuggle als Lehrer, dazu eine einfühlsame, zugewandte Art: Das Vertrauen der Tanzenden in Carrés Arbeit scheint nur eine Frage der Zeit. Er setze auf respektvollen und herzlichen Umgang, sagt der Neue, und: „Alle möchten ihre Arbeit gut machen.“ Außerdem, erzählt er, habe er als Kind Musik und Ballett gemacht. „Irgendwann habe ich mich für die Musik entschieden, aber die Liebe zum Tanz ist geblieben“, sagt der Flötist.
Ein lang gehegter Wunsch ging in Erfüllung
Sie hat ihn dazu bewogen, sich bei Intendant Tamas Detrich als „Dirigent und Ballettliebhaber vorzustellen“. So kam es, dass Carré im Ballettsaal probehalber die Korrepetitoren dirigierte, dann einen Teil einer Bühnenprobe mit Orchester. „Das ist sehr gut gelaufen und ich bin langsam in die Aufgabe hineingewachsen“, blickt er zurück. Inzwischen hat er nicht nur zwei Vorstellungen von „Novitzky/Dawson“ musikalisch geleitet, mit „Romeo und Julia“ ging auch ein lang gehegter Wunsch für ihn in Erfüllung.
„Für mich ist wichtig, dass ich die Choreografie gut kennenlerne. Ich muss spüren, was die Tänzer brauchen“, sagt der Tuggle-Schüler. Dazu gehört für ihn, bei den Proben im Ballettsaal dabei zu sein und sich über Videos mit dem Tanz vertraut zu machen. Für Carré kein Hexenwerk. „Der Tanz arbeitet mit denselben Elementen wie die Musik, mit Phrasierungen, Energie, Rhythmus, Atmosphäre, Harmonie, Gefühlen“, sagt er.
Tempi? Für ihn kein großes Thema
Womit das Gespräch beim heiklen Punkt Tempi ist. „Für mich ist das kein großes Thema“, sagt Carré mit dem Verweis auf die große Freiheit von Kunst. „Man kann schöne Musik mit jedem Tempo machen. Das ist möglich, wenn man andere Ressourcen nutzt“, sagt der Dirigent und nennt den dritten Satz von Crankos Mozart-Ballett, das „Konzert für Flöte und Harfe“, als Beispiel. „Der muss deutlich langsamer als normal gespielt werden, aber Musik ist offen für verschiedene Interpretationen.“
Was Ballette verlangen
Das Dirigieren von Balletten verlangt aus seiner Sicht aber andere Prioritäten, Einfühlungsvermögen etwa: „Es geht nicht um schnell oder langsam“, so Carré. „Sondern darum, mit den Tänzern zu sein. Für sie ist die Energie der Musik extrem wichtig.“ Sie könne Antrieb für einen Sprung, Impuls für eine Bewegung sein – oder eben das Gegenteil, erläutert der Dirigent.
Der Rückhalt aus dem Orchester ist für Carré in seiner neuen Rolle wichtig: „Ich bekomme gute Unterstützung“, sagt er. Das mag mit an seinem Rollenbild liegen, das im Dirigenten auch einen Ermöglicher sieht. „Für mich ist er Teil des Orchesters, kein Befehlshaber. Ich denke nicht in Hierarchien“, sagt Carré und bezieht im Bild, das er als Beispiel gibt, den Tanz mit ein: „Wir sind alle auf demselben Schiff und machen eine gemeinsame Reise.“ Dabei sei er als Dirigent für die Richtung, also die Interpretation, den Klang, zuständig. „Aber ich muss auch Energien, Impulse zulassen und Individualität unterstützen. Jeder soll den Platz haben, dass er sich gut ausdrücken kann.“
Er will gut vorbereitet sein
Mit Blick auf Eric Gauthiers musizierendes Wolfsrudel weiß Nathanaël Carré aber auch, dass ein Orchestergraben kein Platz zum Ausruhen ist: „Es wäre mir peinlich, vor meinen Kolleginnen und Kollegen eine mittelmäßige Leistung abzuliefern. Das zwingt mich dazu, gut vorbereitet zu sein“, sagt er.
Info
Musiker
1989 in Lyon geboren, kam Nathanaël Carré als 22-Jähriger noch vor Abschluss seines Musikstudiums zum Staatsorchester Stuttgart. „Ich wollte so früh wie möglich arbeiten, weil ich gemerkt habe, dass mich das Niveau in einem Orchester als Musiker schneller voranbringt“, sagt Carré. Sein Studium hat er später in Stuttgart abgeschlossen. Mit dem von ihm gegründeten Ensemble Nuanz hat er die CD „Palette“ eingespielt.
Abschied
Zum Saisonende trennte sich das Stuttgarter Ballett von seinem Musikdirektor Mikhail Agrest; er beendete mit zwei Vorstellungen von „Romeo und Julia“ seine Tätigkeit für die Kompanie. Eine nicht immer tanzaffine Tempowahl, die 2021 zu einem Proben-Eklat und einer ersten, später arbeitsgerichtlich gestoppten Kündigung führte, hatten das Vertrauen beschädigt.
Pläne
In der nächsten Saison soll Nathanaël Carré für das Stuttgarter Ballett Vorstellungen von „Anna Karenina“, „Der Nussknacker“ und „Novitzky/Dawson“ musikalisch leiten, bleibt aber im Hauptjob Soloflötist des Staatsorchesters. Mit John Neumeiers Ballett „Anna Karenina“ startet die Kompanie am 19. Oktober in Stuttgart in die neue Spielzeit.