Nicht nur um choreografische „Höhepunkte“ geht es in den vier Stücken von Jirí Kylián, Roland Petit und Maurice Béjart, die das Stuttgarter Ballett im Opernhaus tanzt.
Stuttgart - Regenbogenbunt ist derzeit ziemlich angesagt. Das Stuttgarter Ballett braucht keine Armbinden und Flaggen, um Farbe zu bekennen; die Kompanie selbst steht für Diversität. Auf welcher Bühne in der Stadt findet man sonst ein Stück, dessen Hauptrolle sowohl männlich als auch weiblich besetzt werden kann?
Maurice Béjarts Balletthit „Bolero“, der wie Ravels berühmtes Musikstück Begehren bis an einen explosiven Punkt anschwellen lässt, ist der Höhepunkt eines vierteiligen Abends, der „Höhepunkte“ heißt und am Samstag im Opernhaus erstmals live auf der Bühne zu erleben war. Stuttgarts Ballettsuperstar Friedemann Vogel tanzte da den Part der Melodie auf dem roten Tisch, bei den weiteren Vorstellungen bis zum 23. Juli ist auch Anna Osadcenko besetzt.
Die Sehnsucht des Tänzers nach der Bühne
Mit neuer, bedingungsloser Verführungskraft dringt Friedemann Vogel am Premierenabend zum Kern dieses personifizierten Begehrens vor, auch wenn ihn eine nur 18 Mann kleine, aber trotzdem starke Rhythmus-Truppe umgibt und die Musik vom Band kommen muss: Ja, es geht um Sex-Appeal, vor allem aber geht es um die Sehnsucht des Tänzers nach der Bühne, nach der Energie aus dem Saal, nach Applaus.
Von Letzterem gab es reichlich. Auch das Publikum hat schließlich eine Saison hinter sich, die vom harten Lockdown bis zum abgedeckten Opernhausdach vor allem mit Tiefschlägen aufwartete. Der Titel des Abends, Ende November in Teilen bereits als Livestream zu sehen, wirkt da wie ein Versprechen und beglückt auch die ausgesandte Reporterin. Endlich kann sie, ohne zu tricksen, Begriffe in ihren Bericht einfließen lassen, nach denen die Google-Suchmaschine lechzt: Orgasmus! Sex! Tod! Darum – und nicht nur um choreografische „Höhepunkte“ – geht es tatsächlich in den Stücken von Jirí Kylián, Roland Petit und Maurice Béjart.
Stillleben der Leidenschaft
„Petite Mort“, kleiner Tod, heißt der Repertoire-Neuzugang von Jirí Kylián nach dem französischen Begriff für den sexuellen Höhepunkt. Wie nah beieinander liegen der Moment, in dem neues Leben entstehen kann und sein Ende? Sechs Paare suchen nach Antworten. 1991 kam das Stück zu einem Klavierkonzert Mozarts am Nederlands Dans Theater heraus; dreißig Jahre später kann seine Symbolik durchaus befremden, auch wenn die Stuttgarter Tänzer alles dafür tun, um davon abzulenken. Vor allem in den Zweierbegegnungen sprudeln Kyliáns Einfälle und schaffen schöne Paarverwicklungen und Hebungen. Wie Stillleben der Leidenschaft gefriert er die Begegnungen auf ihrem Höhepunkt ein.
Doch da sind auch die aggressiv geschwungenen Degen, deren Klingen die Luft peitschen. Mit ihnen und den aufs eigene Fleisch klatschenden Händen geben die sechs Herren erst einmal selbst den Ton an, dann übernimmt zum Glück das Staatsorchester. Die Waffen sind sperrige Duettpartner, pikante Accessoires der Verführung und vielleicht auch die im Titel angekündigten Todesboten, vor allem aber irritieren sie genauso wie die Gefälligkeit, mit der hier vieles inszeniert ist. Was sollen uns zum Beispiel die barocken Kostümsilhouetten auf Rädern sagen, mit denen die Frauen tanzen?
Ein Künstler baumelt am Strick
Ähnlich schwer tat man sich jüngst mit William Forsythes „Blake Works“, das Intendant Tamas Detrich für den letzten Ballettabend „New/Works“ zugekauft hatte: Virtuos perlender Tanz ohne einen Hauch von Sperrigkeit will nicht mehr so recht in diese Zeit und schon gar nicht nach Stuttgart passen. Andererseits: Muss es gleich so düster zugehen wie in Roland Petits „Le jeune homme et la mort“? Entstanden ist dieses kurze Handlungsballett, in dem ein junger Mann erfolgreich mit dem Tod flirtet, 1946 nach einem Libretto von Jean Cocteau.
Lesen Sie hier aus unserem Plus-Angebot: Stuttgarter Ballett tanzt „New/Works“
Ein Jahr nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, der 80 Millionen Leben gefordert hatte, mag das Stück schon befremdlich gewesen sein. Nach langen Lockdown-Monaten wirkt der Blick auf einen Künstler, der sich in einer Sinnkrise vom Tod verführen lässt, fast schon zynisch. Wie die extremen Fluchtlinien läuft in dieser Dachkammer alles auf den Punkt zu, an dem der junge Mann zum Schluss an einem Strick baumeln wird.
Wenn Abweichung zu Konsens führt
Alltagsgesten verdichten, bis sie zu Tanz werden: Das war Petits und Cocteaus Idee. Ciro Ernesto Mansilla darf rauchen, auf die Uhr schauen, Stühle durch den Raum kicken, aber vor allem beeindruckt der argentinische Solist mit Sprüngen, die im Vertikalen enden und denen ein Tisch kein Hindernis ist. Bei allem, was dieser Künstler tut, muss er die Balance verlieren – bis ihm eine unbekannte Schöne Halt gibt. Hyo-Jung Kang tanzt in ihrer letzten großen Rolle in Stuttgart eine zweigesichtige Frau, die verführt und abstößt, die sich leidenschaftlich gibt, um dann wieder in kühl kalkulierten Bewegungen auf Distanz zu gehen.
Als Solistenfutter mag dieser Neuzugang Charme haben; aus Zuschauerperspektive wirkt „Le jeune homme et la mort“ heute überdekoriert und in seinem orgelumhüllten Pathos ziemlich staubig, auch wenn Jörg Halubek an den Tasten mit Bach brilliert.
Acht Engel bieten Trost
Trost bieten zum Glück die acht formidablen Tänzerinnen, die die „Höhepunkte“ eröffnen. „Falling Angels“, stürzende Engel, nannte Jirí Kylián diese Damenriege, weil sie sich der tänzerischen Perfektion, die Steve Reichs Schlagzeug-Tour-de-force „Drumming“ einfordert, immer wieder durch kleine Tricks entziehen: Da knickt eine ein, dort zieht eine am schwarzen Trikot, eine nach der anderen stimmt ein – und alle machen aus der Abweichung, trittsicher begleitet von vier Percussionisten des Staatsorchesters, einen neuen Konsens. Mehr als ein Vierteljahrhundert alt sind diese Engel, die Detrichs Vorgänger Reid Anderson nach Stuttgart holte, – und wirken doch bunt und frisch wie ein Regenbogen am Himmel.
Weitere Aufführungen:
Weitere Termine bis zum 23. Juli im Opernhaus und in der nächsten Saison vom 23. Dezember bis zum 7. Januar