Seit 34 Jahren ist Ekkehard Kleine als Inspizient dafür zuständig, dass bei den Vorstellungen des Stuttgarter Balletts alles rund läuft. Jetzt geht er in den Ruhestand.
Man muss nicht wie die Choreologin Georgette Tsinguirides über 90 Jahre alt werden, um beim Stuttgarter Ballett in Ruhestand zu gehen. Ekkehard Kleine, seit 34 Jahren Inspizient der Kompanie, wird zum Ende des Monats das Staatstheater verlassen. Kurz nach seinem 63. Geburtstag sorgt er an diesem Sonntag bei einer Vorstellung von „Romeo und Julia“ das letzte Mal dafür, dass der Vorhang aufgeht und sich Kulissen bewegen.
Seine Stimme kennen von den „Bitte zur Bühne“-Aufrufen im Theater alle; für seine letzte Durchsage am Sonntag hat sich Ekki, wie man ihn alle nennen, nichts Besonderes vorgenommen. „Da wird nichts anders sein“, sagt der großgewachsene Mann mit den dunklen Locken. Doch selbstverständlich wird an diesem Abend die Melancholie des „letzten Mals“ mit an den Schaltern seines Pults walten.
Was wird er vermissen?
Nach den Dingen gefragt, die er vermissen wird, muss Ekkehard Kleine nicht nachdenken. „Die Herzlichkeit, mit der das Team des Stuttgarter Balletts für familiäre Gefühle sorgt, wird mir fehlen“, sagt der scheidende Inspizient und fügt an: „Und dann sind da die magischen Momente, wie sie nur das Theater bieten kann.“ Abends das Opernhaus bei Beleuchtungsproben als intimen, stillen Ort erleben zu dürfen, zählt für ihn dazu. Aber auch die besondere Atmosphäre, wenn die Ouvertüre von „Romeo und Julia“ erklingt und der Inspizient bei geschlossenem Vorhang kontrolliert, ob alles am richtigen Ort ist. „Da gehört die Bühne mir alleine“, sagt der angehende Rentner – und wird am Sonntag diesen Moment besonders intensiv auf sich einwirken lassen.
Dass sich der Vorhang dann auch auf den Marktplatz von Verona öffnet, zählt zu den vielen Aufgaben des Inspizienten. Ekkehard Kleine erinnert sich an eine seiner ersten Vorstellungen, als er als Neuling mit einem Noverre-Abend betraut war. „Ich habe alles richtig gemacht“, erzählt er, „die Lichter gingen an, die Musik erklang – nur blieb auf dem Monitor alles schwarz.“ Beim im Saal anhebenden Gelächter habe er dann bemerkt, dass er das Öffnen des Vorhangs vergessen habe.
Die Vermutung, dass heute dank Computertechnik vieles automatisch laufe, kontert Ekkehard Kleine prompt: „Alles falsch!“, sagt er und erklärt: „Wenn die Musik vom Band kommt, kann man die Lichtwechsel durch Timecodes steuern lassen. Bei Live-Musik geht das nicht, weil jede Vorstellung anders ist und die Tempi auf die jeweiligen Tänzer ausgerichtet sind.“
Noten holten ihn aus dem Schlaf
Mit rund 120 Stimmungswechseln, für die Kleine jeweils per Ansage den Beleuchtern das „Go“ gibt, gehört Uwe Scholz‘ „Siebte Sinfonie“ zu den anspruchsvollen Balletten. Zu lernen, wie man eine Partitur liest, um den richtigen Moment nicht zu verpassen, war kein leichter Schritt. „Ich hatte Musik in der Oberstufe abgewählt, um nichts mehr mit Noten zu tun zu haben“, sagt Kleine, der als Student über seine Frau, eine ehemalige Tänzerin, zum Stuttgarter Ballett kam.
Heute weiß er: „Es ist ein Segen, sich so intensiv mit Musik in all ihren Nuancen beschäftigen zu dürfen. Den Zugang zu moderner Musik hätte ich ohne das Ballett so nicht gefunden.“ Der Weg dahin, blickt Ekkehard Kleine zurück, war zu Beginn hart. Zum Glück habe seine Frau, die später an der Cranko-Schule unterrichtete, damals in St. Petersburg eine Ausbildung zur Ballettpädagogin gemacht. „Nachts, wenn ich aus dem Schlaf hochschreckte, konnte ich ohne jemanden zu stören die schwierigen Stellen einer Partitur studieren.“
Jeden Fehler sehen 1400 Menschen
Die geht er auch heute noch am Nachmittag zur Vorbereitung in Ruhe durch. „Eine Vorstellung ist wie eine Prüfungssituation“, beschreibt Kleine seine hochkonzentrierte Arbeit. „Jeden Fehler sehen 1400 Menschen im Publikum und die Kollegen. Es kann immer mal passieren, dass man ein Zeichen zu früh oder zu spät gibt oder durch Fragen abgelenkt ist. Ich arbeite ja in exponierter Lage am Rand der Bühne.“
Auf Französisch ist 97 eine lange Zahl
Bei sanften Lichtwechseln hat der Inspizient eine Reaktionsspanne, bei sogenannten Nullsekundenstimmungen ist höchste Aufmerksamkeit gefragt. Die war auch bei Gastspielen gefordert. Jedes Land hat ein eigenes Schema für die Ansagen, unter Umständen trugen Schaltpulte fremde Schriftzeichen oder standen Übersetzer Kleine bei. „Um eine Stimmung mit der Nummer 97 auf Französisch anzusagen, musste ich entsprechend Zeit einkalkulieren“, sagt der Inspizient und lacht. „Weil sich die Technik stark verändert hat, gehen wir heute mit eigenem Lichtpult und Beleuchtungsteam auf Tournee.“
Seine Frau ist bereits im Ruhestand
Auf Reisen geht Ekkehard Kleine fortan als Privatier. Seine Tochter, die auf Malta lebt, will er nun häufiger besuchen. „Ich habe nach wie vor große Freude an meiner Arbeit“, sagt er zu seinem frühen Abschied. „Aber das Leben ist kurz. Und ich möchte mit meiner Frau, die bereits im Ruhestand ist, noch viele schöne Momente erleben.“
Info
Beruf
Unsichtbar für das Publikum verrichtet ein Inspizient an der Seite der Bühne seine Arbeit und organisiert den Ablauf einer Vorstellung – vom Einlassgong bis zur Saalbeleuchtung am Ende. „Der französische Begriff régisseur de scène trifft diese Arbeit besser, ich führe eine Art Abendregie“, beschreibt Ekkehard Kleine seine Tätigkeit. Trotz der großen Bedeutung der Inspizienz gibt es bislang keine entsprechende Ausbildung.
Person
Ekkehard Kleine ist ausgebildeter Buchbinder. Zum Stuttgarter Ballett, wo seine Frau Hilke Rath als Tänzerin engagiert war, kam er während seines Studiums der Politik und Germanistik durch einen Nebenjob. Er hat das Stuttgarter Ballett 34 Jahre lang als Inspizient auch bei internationalen Gastspielen begleitet.
Termin
Seine letzte Vorstellung leitet Ekkehard Kleine an diesem Sonntag . Dann kommt im Opernhaus, wo der Inspizient schon hunderte von Romeos und Julias hat sterben sehen, noch ein Paar dazu. Kleines Nachfolge übernehmen sein langjähriger Kollege Janis Vollert und der Ex-Halbsolist Matteo Crockard-Villa.