Mit Eleganz und Begeisterung tanzt das Stuttgarter Ballett wieder Marcia Haydées „Dornröschen“. Fürs Happy End sorgte nicht nur Prinz Desiré, sondern auch eine Preisverleihung.
Grrrr . . . Krallen zeigen, Pfötchen wirbeln, Beine kicken – dann die Rücken schnurrig aneinander reiben. Stubentiger eben: Köstlich, wie sich der gestiefelte Kater und sein Kätzchen necken. Der Wolf ist da direkter, jagt das flüchtendes Rotkäppchen raubtierartig, während der blaue Vogel und seine Prinzessin sich nach allen Regeln der Kunst umgarnen mit hohen Sprüngen, Attitudes und vornehmen Gesten.
Von Ali Baba und seinen Edelsteinen ganz zu schweigen. Ihr Pas de quartre, seine Manèges und Drehungen à la seconde ernten Bravos vom Publikum des Stuttgarter Balletts im Opernhaus. Wie überhaupt die ganze Märchengesellschaft, die zur Hochzeit von Prinzessin Aurora und Prinz Desiré gekommen ist.
Auch die aktuelle Wiederaufnahme von Marcia Haydées „Dornröschen“-Version ist gelungen. Ihr Ballett, nach dem Klassiker von Marius Petipa gestaltet und 1987 in Stuttgart uraufgeführt, wurde von eine neuen Generation des Stuttgarter Balletts auf den Punkt mit Eleganz und Begeisterung interpretiert. Ob Carlo Strasser als affektierter Hofzeremonienmeister Catalabutte, Sonia Santiago und Clemens Fröhlich in den Charakterrollen des Königspaares, die Ballettkinder der John-Cranko-Schule und der Ballettschule Zollberg Esslingen als Hofpersonen und Zwerge – alle hatten sichtlich Spaß – auch Dirigent Jonathan Lo, der mit dem Staatsorchester einen wunderbar dynamischen Tschaikowsky präsentierte.
Sie hat die Aurora im Blut
Und Rocio Aleman? Hat die Aurora im Blut. Charmant bezauberte sie Hofstaat und die Prinzen. Vergnüglich wie Martino Semenzato, Christopher Kunzelmann, Adrian Oldenburger und Satchel Tanner um sie warben, sich gegenseitig aus dem Weg tanzten, um die Prinzessin zu beeindrucken. Die testete einen nach dem anderen in Sachen Balance, nicht ahnend, dass bald die böse Fee Carabosse sie in den 100-jährigen Schlaf versetzt.
Erweckt wird sie bekanntlich von Prinz Desiré: Martí Paixà gab ihn staatstragend, tadellos mit der Fliederfee (anmutig: Rollendebütantin Abigail Willson-Heisel) gegen Carabosse kämpfend. Grandios einmal mehr: Jason Reilly als die Böse, stets lauernd, das Happy End am Bühnenrand mit Hand am Kinn beobachtend. „Carabosse stirbt nie“, sagte Haydée 1987 weise. Sie symbolisiere die negativen Kräfte der Welt, die Fliederfee die positiven. „Wir allen haben von beiden etwas in uns.“
Ausgezeichnetes Engagement fürs Klassische
Für ihr Engagement, das klassische Erbe dem Publikum und einer zeitgenössischen Tanzgeneration zugänglich zu machen, wurde Marcia Haydée direkt im Anschluss an die Vorstellung geehrt. Vertreter der Petipa Ballet Association überreichten der Choreografin, einstigen Primaballerina und Stuttgarter Ballettdirektorin den Petipa Award. Mit auf der Bühne: Bühnen- und Kostümbildner Jürgen Rose. „Ohne ihn“, so Haydée, „hätte ich ,Dornröschen‘ nicht gemacht.“
„Dornröschen“ reist nach Down under
Termin
Bis zum 10. Juni tanzt „Dornröschen“ im Opernhaus. Danach werden Kulissen und Kostüme verpackt und reisen nach Melbourne, wo das Stuttgarter Ballett in der nächsten Saison gastieren wird.