Das JSB-Ensemble beim Stuttgarter Konzert Foto: Bachakademie/Holger Schneider

Es muss nicht immer Passion sein! Beim Bachfest Stuttgart bringt das junge Ensemble des Festivals unter dem Dirigenten Hans-Christoph Rademann zwei selten gespielte Oster- und Himmelfahrtsoratorien des Leipziger Meisters zu Glanz und Tanz.

Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Dieser Satz von Heinrich Heine gilt nicht nur für zerbrochene Liebesbeziehungen, sondern auch für die biblische Erzählung von Jesu Leiden und Tod. Bachs Vertonungen der Evangelien von Johannes und Matthäus gehören zu den Selbstläufern im Klassik-Betrieb, zur zentraleuropäischen DNA, und jeder namhafte Dirigenten der Barockmusik bemüht sich darum, bislang noch unentdeckte Aspekte und Ideen in den beiden Passionen freizulegen. Dass die Fortsetzung der Erzählung, nämlich die Geschichte von der Auferstehung Christi, die Bach ebenfalls vertonte, im Gegensatz dazu ein Schattendasein fristet, untermauert die These, dass Menschen – zumindest in unserer Hemisphäre – stärker von (Mit-)Leiden angezogen werden als von Freude und Fest. An der Musik selbst liegt es jedenfalls nicht, dass heute nur wenige den Vierzigminüter kennen, dessen letzte Fassung Bach 1749 drei Tage nach der finalen Version seiner Johannespassion vollendete.

 

Junge Menschen aus aller Welt

Das Osteroratorium erzählt die Handlung des Ostersonntags als Geschichte über unterschiedliche Menschen und ihre unterschiedlichen Gefühle angesichts des Unfassbaren, und eben diese großen Gefühle stehen am Dienstagabend im Mittelpunkt der Aufführung beim Bachfest Stuttgart, die mit singenden und tanzenden Musikerinnen und Musikern und einem Raum greifenden brasilianischen Villancico-Ohrwurm zu Ende geht. Dieser Geist hat im Konzertsaal der Musikhochschule auch Bachs BWV 249 (und anschließend sein „Himmelfahrts-Oratorium“ BWV 11) geprägt: Zu erleben sind junge Menschen aus aller Welt, gut ausgebildete und in den Meisterkursen des Festivals weiter geschulte Bach-Begeisterte, und ihr Elan findet sofort den direkten Weg ins Publikum.

Das beginnt schon in den drei einleitenden Sätzen des Osteroratoriums. Dass diese – und das ist wohl einzigartig in Bachs Werk – allesamt im Dreiertakt stehen, nehmen die Ausführenden unter Hans-Christoph Rademanns beschwingt motivierender Leitung als ersten Anlass zum Tanz: Die Sinfonie schwebt leichtfüßig über einem klar ausgearbeiteten Kontrapunkt, die Balance zwischen den links sitzenden Streichern und den rechts platzierten Bläsern ist exzellent, die Besetzung auch bei den intonatorisch heikleren Instrumenten sehr gut (einige kleinere Patzer bei den ventillosen Trompeten mal ausgenommen). Im Orchester-Adagio wird der mit weichem, wendigem Ton musizierende Traversflötist Marc Tetzel zum eloquenten Geschichtenerzähler. Diese Qualität zeigt er auch als Instrumentalsolist bei der Sopranarie „Seele, deine Spezereien“ (mit der fast schwerelos singenden Linda Bennett), dadurch wird das menuettartige Stück zu einem Dialog, dessen gelassener Schönheit man endlos weiter hätte lauschen mögen. Bei der pastoralen Tenor-Arie wechselt ein Fagottist zur zweiten Altflöte, in der Alt-Arie verleiht Clara Hambergers Oboe d’amore dem Streichersatz eine pastellene Färbung, und der Schlusschor entpuppt sich als verkleidete Gigue.

Wechsel von der irdischen in die himmlische Welt

Die Qualität des von Kathy Saltzman Romey, einem ebenso kommunikativen wie hochkompetenten Bach-Urgestein, einstudierten Chores zeigt sich allerdings vor allem im Zentrum des „Himmelfahrtsoratoriums“. Noch hat man die aufwühlende Alt-Arie „Ach bleibe doch, mein liebstes Leben“ (mit der beeindruckenden Anna-Maria Tietze als Solistin) im Ohr und im Herzen, die Bach später im Agnus Dei seiner h-Moll-Messe wiederverwendete, da wechselt Bach von der irdischen zur himmlischen Welt. Im Choral „Nun lieget alles unter dir“ ist alles zartes Schweben (wie großartig homogen wirkt hier das singende Multikulti-Ensemble!), und auch der folgenden Sopranarie („Jesu, deine Gnadenblicke“) entzieht Bach alle Erdenschwere – als „Bassettchen“ hat man im Barock Passagen bezeichnet, in denen der Generalbass pausierte und durch Instrumente in Altlage ersetzt wurde.

Der Rest ist Party, junge Menschen verlassen winkend den Saal, als Künstler-Geschenke gibt’s Bach-Büsten aus Schokolade, auf der Bühne machen aufgekratzte Solistinnen und Solisten Selfies mit dem Dirigenten, und Ostern wird ein Fest der Freude sein.

Finale Zum Abschluss des Stuttgarter Bachfestes wird das JSB Ensemble erneut zu erleben sein, diesmal gemeinsam mit der Gaechinger Cantorey und wieder unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann: beim „Fest mit Händel“ am Sonntag, 23. März, 18 Uhr im Beethovensaal der Liederhalle. Auf dem Programm: die „Feuerwerksmusik“, die „Ode for the Birthday of Queen Anne“ und die vier „Coronation Anthems“ HWV 258-261 – mithin lauter royale Hits! Tickets unter: www.bachfest-stuttgart.de